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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 12. November 2017

Nun läuft auch die neueste Verfilmung von Agatha Christies Kriminalroman „Mord im Orientexpress“ in den Kinos, dieses Mal unter Regie von Kenneth Branagh, der auch die Hauptrolle spielt.

 

Poirot: Mord im Orientexpress (2010)

Von Marius Joa. Publiziert am 5. November 2017

Nicht nur Albert Finney durfte als Hercule Poirot den Mord im Orientexpress aufklären, auch David Suchet gebührte diese Ehre im Rahmen der langlebigen TV-Serie Agatha Christie’s Poirot 36 Jahre später.

Poirot: Mord im Orientexpress (Agatha Christie’s Poirot: Murder On The Orient Express)
TV-Krimi UK, Malta, USA 2010. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 89 Minuten (PAL-DVD).
Mit: David Suchet, Eileen Atkins, Hugh Bonneville, Jessica Chastain, Marie-Josée Croze, Serge Hazanavicius, Barbara Hershey, Toby Jones, Susanne Lothar, Joseph Mawle, Denis Ménochet, David Morrissey, Elena Satine, Brian J. Smith, Stanley Weber, Samuel West u.a. Regie: Philip Martin. Drehbuch: Stewart Harcourt. Nach dem Roman von Agatha Christie.

 

 

 

Schuld und Sühne, Verbrechen und Strafe

Dezember 1938. Nachdem er einen Zwischenfall beim britischen Militär in Syrien aufklären konnte, befindet sich Hercule Poirot (David Suchet) auf dem Rückweg nach Europa. In Istanbul wird der belgische Detektiv per Telegramm nach London zurückbeordert. Ein alter Bekannter namens Monsieur Bouc (Serge Hazanavicius), Direktor des berühmten Orientexpresses mit Ziel Paris, bietet Poirot einen Platz im Calais-Wagen an, obwohl dieser völlig unerwarteterweise ausgebucht ist. Nach der ersten Nacht wird Poirot von dem schmierigen Mr. Ratchett (Toby Jones) ein Job angeboten. Ratchett fühlt sich bedroht und der Detektiv soll ihn beschützen, was letzterer ablehnt. Am nächsten Morgen steckt der Zug in einer Schneeverwehung irgendwo in Jugoslawien fest und Ratchett liegt ermordet in seinem Bett. Auf wiederholtes Bitten von Bouc beginnt Poirot mit den Ermittlungen, bei welchen ihm der Arzt Dr. Constantine (Samuel West) assistiert. Die Spuren am Tatort weisen auf mehrere Tätern hin. Poirots Recherchen im Umfeld des Toten führen zu einem Verbrechen, welches fünf Jahre zurückliegt…

 Ratchett bietet Poirot viel Geld an

Als 1988 der sechste und letzte Auftritt (je drei im Kino und im Fernsehen) von Sir Peter Ustinov (1921-2004) als Hercule Poirot, Rendezvous mit einer Leiche, erschien, war sein Nachfolger in der Rolle des belgischen Detektives, David Suchet, bereits mit den Dreharbeiten zur ersten Staffel der TV-Serie Agatha Christie’s Poirot beschäftigt, die im Jahr darauf ihre Premiere im britischen Fernsehen feierte. Zwischen 1989 und 2013 adaptierte man in 70 Episoden (davon 34 in Spielfilmlänge) so gut wie alle Romane und Kurzgeschichten mit Poirot. Teil der zwischen 2009 und 2010 veröffentlichten 12. (und vorletzten) Season war die Adaption des berühmten Falles Mord im Orientexpress. Stewart Harcourt (Autor der neuen Komissar Maigret-Miniserie) schrieb das Drehbuch während Philip Martin (The Crown, Heißer Verdacht: Das Finale, Wallander) Regie führte. Ähnlich wie der Kinofilm von 1974 mit Albert Finney gelang es den Produzenten auch bei der TV-Episode ein illustres Ensemble, darunter Jessica Chastain (Der Marsianer, Zero Dark Thirty) als Mary Debenham, David Morrissey (The Walking Dead, State Of Play) als Colonel Arbuthnott, Barbara Hershey (Black Swan, Die letzte Versuchung Christi) als Mrs. Hubbard, Eileen Atkins (The Crown) als Prinzessin Dragomiroff, Hugh Bonneville (Downton Abbey) als Butler Masterman und Toby Jones (Captain America, Berberian Sound Studio) in der Rolle des Ratchett, zu versammeln.

Der Kinofilm und die TV-Episode erzählen beide im Grunde die gleiche Geschichte, doch mit völlig unterschiedlichen inszenatorischen Mitteln und kleinen inhaltlichen Differenzen. Auch wenn Sidney Lumets Version aus heutiger Sicht optisch eher farblos wirkt, so lieferte der 43 Jahre alte Film doch die Glamour-Version des Stoffes. Dieser Herangehensweise folgt die Serienfolge kaum. Von der ersten Szene an wird eine unheilsschwangere, düstere und von Moral, Schuld, Religiösität sowie Klaustrophobie stark durchsetzte Atmosphäre aufgebaut. In Istanbul müssen Poirot und weitere künftige Zugreisende die Steinigung einer Frau, die des Ehebruchs beschuldigt wird, miterleben. Auch das spätere Opfer, der Mörder und Kidnapper Ratchett, wirktsich durch seine selbst auferlegte Schuld wie gelähmt und hofft durch die Vollendung einer Transaktion wenigstens die Aussicht auf soetwas wie Vergebung oder Läuterung zu erhalten. Während in den literarischen Werken über den belgischen Detektiv wenig über seine religiösen Ansichten erfährt, so setzt die Fernsehserie in den späten Staffeln eine Betonung auf Poirots Katholizismus, vor allem in der vorliegenden Episode. Vor und nach seiner Entscheidung am Ende, welche „Lösung“ des Falles der hiesigen Polizei präsentiert werden soll, hadert Poirot mit seiner Entscheidung, vor allem nachdem er seine Abscheu über das Verbrechen deutlich zum Ausdruck gebracht hat.

Mord im Orientexpress Anno 2010 überzeugt aber auch durch seine im Vergleich zum Kinofilm wesentlich realistischeren äußeren Bedingungen. Der titelgebende Zug steckt mehrere Tage mitten im Schnee fest. Das hat natürlich zur Folge, dass Heizung und Wasser irgendwann ausfallen und die Passagiere sich frierend mit Decken und Mänteln umeinander scharen. Also keine schicke Performance des Meisterschnüfflers am Ende, sondern eine Vervollständigung des Mörderpuzzles unter extremen Vorzeichen. Dieser Modus Operandi in der Adaption des Romans gereicht der Poirot-Folge allein zur Daseinsberechtigung. Da kann man es als Zuschauer etwas verkraften, dass die Ausarbeitung der Geschichte aufgrund der kürzeren Laufzeit (89 Minuten im Vergleich zu den 122 Minuten der Kino-Version) hier und da etwas unrund wirkt.

Trotz prominenter Besetzung ist der Star natürlich der britische Schauspieler David Suchet (geboren 1946) in der Hauptrolle. Bereits zur Vorbereitung auf die Dreharbeiten zu den ersten Folgen recherchierte Suchet für die Rolle seines Lebens mit größter Detailgenauigkeit, so dass seine Version von Hercule Poirot als die Definitive angesehen werden muss, wenngleich Albert Finney seinerzeit den Beschreibungen Christies recht nahe kam. Die übrigen Darsteller erhalten mit zumeist kurzen, aber wirkungsvollen Auftritten ebenfalls die Gelegenheit, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, vor allem Toby Jones als Samuel Ratchett oder Jessica Chastain als sichtlich gezeichnete Mary Debenham.

Poirot: Mord im Orientexpress erschien erstmals in Deutschland 2014 als Bestandteil der DVD-Box Collection 11. Seit dem 29. September 2017 ist die Episode zudem auch als Einzel-DVD (siehe DVD-Cover oben) erhältlich. Die Leinwand-Neuadaption des Stoffes von/mit Kenneth Branagh startet am Donnerstag, den 9. November 2017, in den deutschen Kinos.
Fazit: Als düstere, psychologisch stark unterfütterte und klaustrophobische Variante gerät Mord im Orientexpress zu einem absoluten Highlight der Serie mit David Suchet, welches mit dem Kinofilm von 1974 inszenatorisch wenig gemeinsam hat. 9 von 10 Punkten.

 


Die Passagiere des Calais-Wagens

Darunter Barbara Hershey als Mrs. Hubbard…

…und Jessica Chastain als Miss Debenham.

Marius Joa, 5. November 2017. Bilder: polyband/ITV.

 

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Rubrik DVD, TV

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