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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 29. November 2017

Wie verarbeitet man nach dem Tod der Eltern auch noch den Verlust des einzig verbliebenen Familienmitglieds? Diese Frage erforscht Regisseur Oliver Kienle mit seinem neuen Film: „Die Vierhändige“.

 

Babel

Von Marius Joa. Publiziert am 23. Januar 2007

Episodenfilme, in unterschiedlichster Form, sind im Kino derzeit häufig vertreten. Nach Filmen wie „L.A. Crash“ und „Syriana“ hat die Vieraugen-Redaktion das globale Drama „Babel“ gesehen.

Episoden-Drama USA/Mexiko 2006. Regie: Alejandro González Iñárritu. 142 Minuten. FSK ab 16.
Mit Brad Pitt, Cate Blanchett, Adriana Barazza, Gael Garcia Bernal, Rinko Kikuchi, Kôji Yakusho u.v.a.

Etwa zur gleichen Zeit ereignen sich die folgenden vier Geschichten:
Zwei Jungen sollen die Ziegenherde ihres Vaters in der Steinwüste Marokkos hüten. Gegen die mögliche Bedrohung durch Schakale gibt ihnen der Vater ein großkalibriges Gewehr mit, um die Herde zu schützen. Als die beiden Jungen mit der Waffe spielen und sich gegenseitig zu „Meisterleistungen“ als Schützen antreiben, kommt es zu einem folgenschweren Vorfall, die zu Geschichte zwei führt:
Eine verirrte Kugel trifft die US-Touristin Susan Jones (Cate Blanchett) in die Schulter, die gerade mit ihrem Mann Richard (Brad Pitt) auf großem Marokko-Urlaub ist, auch um über ihre Probleme zu reden. Die Situation ist aussichtslos, denn das nächste Krankenhaus ist vier Stunden entfernt und im nächsten Dorf kann Susan nur notdürftig versorgt werden. Verzweifelt wartet Richard auf das Eintreffen des Krankenwagens, doch der scheint nicht zu kommen.
Auf die in den USA gebliebenen Kinder von Susan und Richard passt die mexikanische Nanny Amelia (Adriana Barazza) auf. Sie rechnet mit der baldigen Rückkehr der Eltern, will sie doch noch rechtzeitig zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko. Als sich aber das Jones-Ehepaar verspätet und kein Ersatz als Babysitter für die Kleinen gefunden wird, entscheidet sich Amelia kurzerhand die Kinder mit nach Mexiko zu nehmen, im Auto ihres Neffen Santiago (Gael Garcia Bernal). Alles ist schön und gut, wäre da nicht die problematische Rückfahrt über die Grenze bei Nacht.
In Tokio lebt ein taubstummes, junges Mädchen namens Chieko (Rinko Kikuchi), das den Selbstmord der Mutter nicht verkraftet und sich nach mehr Aufmerksamkeit vom anderen Geschlecht sehnt. Sie fühlt sich von ihrem Vater (Kôji Yakusho) unverstanden und sucht Anschluss in der Clique einer Freundin. Dann trifft sie auf einen gutaussehenden Polizisten, der ihren Vater sprechen möchte. Geht es etwa schon wieder um den Freitod der Mutter?

Vier Geschichten, vier Länder, drei Kontinente, sieben (!) verschiedene Sprachen. Das sind die Zahlen zu „Babel“, dem neuen Film des Mexikaners Alejandro González Iñárritu. Seine beiden Vorgänger „Amores Perros“ und „21 Gramm“ waren bereits für den Oscar nominiert und auch der aktuelle Film gilt als großer Favorit für den begehrten Goldjungen. Bei den Filmfestspielen in Cannes 2006 erhielt Iñárritu den Regiepreis der Jury. Außerdem erhielt der Film den Golden Globe als bestes Drama und sieben Oscar-Nominierungen. Dementsprechend und weil „Babel“ über vier Wochen nach dem Kinostart (21.12.) immer noch schafft, den großen Saal eines Programmkinos zu füllen, dürfte die Erwartungshaltung recht hoch sein.

Der Titel spielt natürlich auf das biblische Gleichnis vom „Turmbau zu Babel“ an, nach welchem die Menschen damals alle die gleiche Sprache hatten. In ihrer Anmaßung und Gotteslästerung bauten sie einen Turm immer höher und höher, um zu Gott zu kommen. Der strafte sie damit, dass er ihre Sprache verwirrte und dadurch den weiteren Bau des Turms stoppte. Um Hochmut und Gotteslästerung geht es hier weniger, viel mehr um die Verständigungsprobleme zwischen den einzelnen Sprachen und auch darum, dass man sich nicht verstanden fühlt. Wegen der neben Englisch bzw. Deutsch vorhandenen sechs weiteren Sprachen (Arabisch, Berber, Französisch, Spanisch, Japanisch und Japanische Gebärdensprache) ist der Film natürlich vollkommen untertitellastig. Weil diese in Gelb statt, wie sonst üblich, in Weiß gehalten sind, kann man sie meistens gut lesen, aber leider auch nicht immer. Die Hilflosigkeit von Richard, der seine schwer verletzte Frau retten will und sich trotz der Übersetzertätigkeit eines Fremdenführers, unverstanden und ignoriert fühlt wird vor allem durch das Spiel von Brad Pitt stark zum Ausdruck gebracht. Genau wie die Isolation des taubstummen Mädchens, gespielt von Rinko Kikuchi. Ebenfalls herausragend ist die Performance von Adriana Barazza als liebevollem Kindermädchen, dem als sich die Ereignisse überschlagen die Situation über den Kopf wächst. Cate Blanchetts Rolle ist zu klein, um sie wirklich bewerten zu können. Alle anderen Schauspieler fügen sich nahtlos ein. Auch wenn Brad Pitt und Cate Blanchett wohl aufgrund ihrer bekannten Namen quasi die „Headliner“ sind, so haben auch sie keine echten Hauptrollen, sondern wie die anderen Darsteller tragende Nebenrollen, neben zumeist Laien-Darstellern. „Babel“ ist also ein echtes Ensemble-Drama, ähnlich wie „L.A. Crash“ und „Syriana„, die letztes Jahr zu Oscar-Ehren kamen.

Die Geschichten sind sehr realistisch und werden ohne großes Pathos oder übertriebene Gefühlsduselei erzählt. Die sehr stimmungsvolle Kamerarbeit und der akribische (Ton-)Schnitt sind weitere Stärken der Umsetzung.

Trotzdem vermag „Babel“ die Erwartungen nicht ganz zu erfüllen. Die vierte Geschichte um Chieko fügt sich aber gut in das Grundmotiv Verständigung ein, hat aber ansonsten mit den drei anderen Episoden nur geringfügig etwas zu tun. Eine wirkliche Botschaft hat das ganze Werk nicht wirklich. Ein bisschen mehr Kritik am Geschehen wäre auch angebracht gewesen.

Iñárritu und sein Team haben es geschafft, ein kontinent- und kulturumspannendes Drama mit parallel erzählten Geschichten zu erschaffen, das nicht zu komplex und handwerklich sehr gut gemacht ist. Wie der Regisseur in einem Interview sagte, sei es unglaublich schwer und übermenschlich anstrengend, einen Film mit Laien-Darstellern in einer völlig fremden Sprache zu drehen. Dennoch würde er es jederzeit wieder tun.

Fazit: Sehr gelungenes und realistisches Episodendrama, das schauspielerisch und handwerklich zu überzeugen weiß. 8 von 10 Punkten.


Einsam: Chieko (Rinko Kikuchi).
Marius Joa, 23. Januar 2007. Bilder: Tobis.

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