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Von Marius Joa. Publiziert am 29. November 2017

Wie verarbeitet man nach dem Tod der Eltern auch noch den Verlust des einzig verbliebenen Familienmitglieds? Diese Frage erforscht Regisseur Oliver Kienle mit seinem neuen Film: „Die Vierhändige“.

 

Die Vierhändige

Von Marius Joa. Publiziert am 29. November 2017

Wie verarbeitet man nach dem Tod der Eltern auch noch den Verlust des einzig verbliebenen Familienmitglieds? Diese Frage erforscht Regisseur Oliver Kienle mit seinem neuen Film: Die Vierhändige.

Die Vierhändige
Psychothriller Deutschland 2017. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 94 Minuten. Kinostart: 30. November 2017.
Mit: Frida Lovisa Hamann, Friederike Becht, Christoph Letkowski, Agnieska Guzikowska, Detlef Bothe u.a. Drehbuch und Regie: Oliver Kienle.


 

 

Zwei Gesichter eines Traumas

Als kleine Mädchen müssen die Schwestern Jessica und Sophie mitansehen, wie ihre Eltern von Einbrechern ermordet werden. Auf sich allein gestellt, verspricht Jessica ihrer jüngeren Schwester sie immer zu beschützen. 20 Jahre später wohnen die beiden jungen Frauen immer noch in jenem großen Haus, wo sie Zeuge der schrecklichen Tat wurden. Während die äußerlich zartere Sophie (Frida Lovisa Hamann) das Trauma scheinbar besser verwunden hat und eine Karriere als Konzertpianistin anstrebt, hat Jessica (Friederike Becht) ihre Beschützerrolle paranoid und aggressiv werden lassen. Überall wittert sie Gefahren, vor allem da die beiden Täter von damals (Detlef Bothe, Agnieska Guzikowska) vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen wurden. Jessicas Paraonoia und Kontrollwahn führen schließlich zu einem tragischen Unfall, den nur eine der beiden Schwestern überlebt. Doch die zurückbleibende Sophie bemerkt kurz nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus, dass ihre Schwester nicht wirklich tot ist…

Auf dem Endspurt einer langen Reise kehrte der unterfränkische Filmemacher Oliver Kienle (Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung, Tatort: Happy Birthday, Sarah) am 22. November 2017 in die unterfränkische Heimat zurück und zeigte seinen neuesten Film Die Vierhändige im Cineworld in Dettelbach. Begonnen hatte der mühevolle Trip mit der ersten Drehbuchfassung 2011. Nach langer Vorbereitung inklusive Casting, Skript-Überarbeitung sowie dem schwierigen Unterfangen, das Projekt finanziert zu bekommen, fanden im November und Dezember 2015 die Dreharbeiten in Stuttgart statt. Nun, ganze zwei Jahre später endlich der Kinostart. Bei der Genreverdrossenheit des deutschen Kinos grenzt es vermutlich an ein Wunder, dass Die Vierhändige überhaupt das Licht der hiesigen Leinwände erblickt, sogar mit einer vergleichsweise hohen Kopienanzahl, zu der sehr wahrscheinlich das überwiegend äußerst positive Echo der über 30 Vorführungen bei Festivals u.a. in Frankreich, Estland und den USA (siehe auch die lobende Rezension im Branchenmagazin Variety) beigetragen hat.

Von Anfang bis Ende zeigt der Film in all seinen Bestandteilen eine unglaubliche Präzision, im Ergebnis ein in sich stimmiges, dicht verwobenes Kunstwerk an der Schwelle zwischen Traumabewältigungsdrama (ohne Betroffenheitskitsch) und Psychothriller mit Mysteryelementen. Bei näherer Betrachtung offenbart sich die Geschichte als hinhärent logisches Konglomerat von Spiegelungen. So repräsentieren die beiden Schwestern unterschiedliche Wege mit Schicksalsschlägen fertigzuwerden. Sophie und Jessica als entgegengesetzte Seiten einer Münze. Das (von außen) riesige Haus aus dem 19. Jahrhundert inmitten einer brutalistischen Industrieplantage wirkt nicht nur wie ein frappierender (und unheimlicher) Anachronismus, sondern führt Dualität als durchgehendes Motiv des Films fort, indem es gleichzeitig als Ort des Traumas und Refugium dient.

Auch die Inszenierung bleibt trotz der harten Thematik und einiger nicht gerade zimperlicher Szenen immer fern jeder Effekthascherei. Die teilweise klaustrophobische Kameraführung von Yoshi Heimrath (Mitten in Deutschland: NSU), die unaufdringlich-unheilschwangere Musik von Heiko Maile (Winnetou-Trilogie 2016) sowie das atmosphärische Sounddesign von Markus Glunz bilden die Eckpfeiler der innerlich und äußerlich reduzierten Welt, in welcher sich die Handlung bewegt. Geschickt wechseln sich die beiden Hauptdarstellerinnen Frida Lovisa Hamann (Die weiße Schlange) und Friederike Becht (Der gleiche Himmel) in der Rolle der überlebenden Schwester ab. Auf das Wesentliche wurde auch das Darsteller-Ensemble beschränkt. Neben Christoph Letkowski (Feuchtgebiete) als jungem Arzt Martin, der Sophie helfen möchte, gibt es sonst nur noch die beiden Täter von damals, gespielt von Detlef Bothe (Spectre) und Agnieska Guzikowska.

Nach seinem zweiten sehr gelungenen Kinofilm wird es interessant zu verfolgen, wohin sich die Karriere Oliver Kienles entwickelt. Mit Die Vierhändige hat er den Beweise erbracht, dass deutsches Genrekino nicht nur funktioniert, sondern auch problemlos ohne viel Blut und das Abkupfern bei amerikanischen Vorbildern auskommen kann. Ab März 2018 gibt es im ZDF und auf Arte übrigens Bad Banks zu sehen, eine sechsteilige Miniserie über Investmentbanker, bei welcher der 35jährige als Chefautor fungierte.

Fazit: Mit seiner zweiten Regie-Arbeit fürs Kino gelingt Oliver Kienle ein in allen Bereichen äußerst stimmiger Psychothriller, in welchem jede Sekunde effizient genutzt wird und der verdientermaßen das Prädikat „besonders wertvoll“ erhielt. 9 von 10 Punkten.


Das Haus

 


Jessica und Sophie


Martin versucht zu helfen

Marius Joa, 29. November 2017. Bilder: Camino.

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