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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 20. August 2017

Für ihren achten Spielfilm versammelte die britische Regisseurin Sally Potter ein namhaftes Ensemble in einem reduzierten Setting: „The Party“.

 

Saint Jacques – Pilgern auf Französisch

Von Sarah Böhlau. Publiziert am 21. September 2007

Der Jakobsweg erfreut sich dank Hape Kerkeling in Deutschland einer zunehmenden Beliebtheit. Aber auch in Frankreich ist man sich des erzählerischen Potentials des Pilgerwegs durchaus bewusst. In der Tragikkomödie Saint Jacques … Pilgern auf Französisch jagt Regisseurin Coline Serreau eine zusammengewürfelte Wandergemeinschaft durch die malerische Landschaft Frankreichs und Spaniens.

Saint Jacques. Tragikkomödie, Frankreich 2005. Regie & Drehbuch: Coline Serreau. Mit: Jean-Pierre Darroussin, Muriel Robin, Artus de Penguern, Flore Vannier-Moreau, Marie Bunel, Aymen Saïdi, Nicolas Cazalé, Marie Kremer. 110 Minuten.

A Long Way Down (To Spain)

Pilgerführer Guy (Pascal Légitimus) schart ein weiteres Mal eine Gruppe von Wanderern um sich, die er innerhalb von zehn Wochen über den Jakobsweg nach Santiago de Compostella führen wird. Zu den Pilgern zählen Mathilde (Marie Bunel), die gerade einen miesen Ehemann und einen bösartigen Tumor losgeworden ist, und die angehenden Studentinnen Camille (Marie Kremer) und Elsa (Flore Vannier-Moreau), die die Wanderung eher als Abenteuer sehen Auch dabei sind die beiden jungen Moslems Saïd (Nicolas Cazalé) und Ramzi (Aymen Saïdi). Saïd läuft nur Camilles wegen mit und hat dem sehr naiven Ramzi erzählt, sie würden nach Mekka pilgern. Dieser schämt sich, immer noch Analphabet zu sein und hofft, auf der Reise endlich lesen zu lernen.
Das spielfilmfüllende Konfliktpotential verschaffen der Gruppe Clara (Muriel Robin), Claude (Jean-Pierre Darroussin) und Pierre (Artus de Penguern). Die drei völlig zerstrittenen Geschwister sind allerdings nicht freiwillig dabei: Nach dem Tod ihrer Mutter wird deren beträchtliches Vermögen nur unter der Bedingung unter den dreien aufgeteilt, dass sie gemeinsam den Jakobsweg laufen. Murrend gehen die verbitterte Lehrerin, der lebensunfähige Alkoholiker und der arrogante Workaholic auf die Bedingungen ein.

Die neun Pilger machen sich auf die Reise durch die – über alle Maßen – atemraubende Landschaft Frankreichs und Spaniens. Wie es sich gehört, werden unterwegs Konflikte geschürt, ausgetragen und gelöst, Liebesgeschichten gesponnen, Probleme erkannt und Lebensweisheiten gewonnen. Und wie es sich gehört, ist aus den neun Fremden am Ende des Weges eine Gemeinschaft worden. Dort wartet eine furchtbare Nachricht auf einen von ihnen, die er mit Hilfe seiner neuen Familie bewältigen muss.

Eine kaputte Familie, die sich wieder zusammen setzen muss. Ein paar zerstörte Existenzen, die ihr Leben in den Griff kriegen wollen. Ein oder zwei Liebesgeschichten. Alles erzählt mit französischen Humor und leiser Tragik vor dem Hintergrund der herben Schönheit der Landschaft, durch die sich der Pilgerweg zieht – was braucht es mehr? Eine genauere Synchronisation, möchte man schon nach fünf Minuten schreien. Aber hier muss man fair bleiben: Das rasante französische Geplapper der Protagonisten lippengetreu ins Deutsche zu übertragen, ist sicher nicht einfach zu bewerkstelligen. Wer deswegen die Möglichkeit hat, sich den Film OmU anzusehen, sollte sie wahrnehmen.

Nett sind die Dalí-haften Traumsequenzen, die die Ängste und Hoffnungen der Reisenden verschlüsselt (naja, aber nicht wirklich stark verschlüsselt) darstellen. So träumt etwa Ramzi zu Beginn des Wegs, in einem monströsen Buchstaben zu ertrinken. Gegen Ende der Reise begegnet ihm der Buchstabe im Traum wieder, aber dank seiner neu gewonnenen Lesefähigkeit hat er seinen Schrecken verloren und verwandelt sich ihn Ramzis Mutter, die ihn umarmt. Die Konflikte, die die Pilger mit auf die Reise nehmen, tragen die Lösung oft schon deutlich mit sich. Keine große Überraschung, wenn die desillusionierte Pädagogin nach anfänglichen Sträuben beschließt, dem ewig unterschätzen Teenager das Lesen beizubringen. Keine große Überraschung auch, wenn Clara und Pierre letztlich doch noch ihren Bruder aus dem Alkoholsumpf ziehen wollen. St. Jaques ist trotz des Zynismus, der tragischen Schicksale und des Weltschmerzes ein wirklich sehr naiver Film. Macht aber nichts.

Fazit: Der Pilgerpfadmovie ist der neue Roadmovie! 7 von 10 Punkten.


Pilgerführer Guy (vorne links) mit seinen Schäfchen.

Leseunterricht.

Camille (Marie Kremer) und Saïd (Nicolas Cazalé).
Sarah Böhlau, 21. September 2007. Bilder: Schwarz-Weiß.

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