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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 15. Oktober 2017

Bei der Flut von unnötigen Sequels und Reboots, auch von teilweise lang zurückliegenden Filmen, kommt es wie eine Wohltat, wenn es dann doch ausnahmsweise eine wahrlich würdige Fortsetzung gibt: „Blade Runner 2049“, von Regisseur Denis Villeneuve.

 

Snow Cake

Von Sarah Böhlau. Publiziert am 5. November 2006

Manchmal beeindrucken diejenigen Kinofilme am meisten, die nicht in großen Filmpalästen, sondern in kleinen Programmkinos gezeigt werden. Sarah Böhlau hat sich Snow Cake angesehen und war restlos überzeugt.

Drama, Großbritannien/Kanada 2005. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. 113 Minuten.
Mit: Alan Rickman, Sigourney Weaver, Carrie-Anne Moss, James Allodi, Jackie Brown, Selina Cadell, Jayne Eastwood, David Fox, Johnny Goltz u.a. Regie: Marc Evans

Von Schneeflocken und Seelenqualen

„Sie sehen aus, als müssten Sie dringend reden“. Auf einer abgelegenen Raststätte in Kanada drängt sich dem einzelgängerischen Briten Alex (Alan Rickman) eine junge Frau (Emily Hampshire) als Mitfahrerin auf. Anfangs noch durch ihre gezielt privaten Fragen genervt, taut er in der Gesellschaft der lebensfrohen Vivienne zunehmend auf. Während der Fahrt durch die halbverschneite kanadische Landschaft entwickelt sich ein intimes Gespräch, das nur kurz dauert: Ein LKW rammt den Wagen, Alex überlebt unverletzt, Vivienne ist sofort tot.
Obwohl der Fahrer des Trucks für den Unfall verantwortlich ist, wird Alex von Schuldgefühlen aufgefressen. In Viviennes Heimatstadt sucht er nach der Familie und trifft auf ihre autistische Mutter Linda (Signorney Weaver). Von der Situation überrumpelt verbringt er schließlich die Zeit bis zur Beerdigung des Mädchens bei der allein lebenden Frau. Dort trifft er auch auf Lindas Nachbarin Maggie (Carrie-Anne Moss). Die wenigen Tage in dem abgelegenen Städtchen entwickeln sich für den vom Leben enttäuschten Mann zur Chance für einen Neuanfang.

Alex (Alan Rickman) und Linda (Signorney Weaver).

Dass das Drama des noch ziemlich unbekannten Regisseurs Marc Evans etwas Besonderes ist, zeigt schon seine Ehrung als Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale. Und tatsächlich liegt hier ein stiller Film von sich Perfektion nähernder Schönheit und Weisheit vor. Dass man einiges daraus auch schon in anderen Filmen gesehen hat, ist dabei ziemlich unwichtig.

Im Mittelpunkt von „Snow Cake“ – übrigens nicht zu verwechseln mit Neil Stephensons Kultroman „Snow Crash“ – steht die Geschichte eines gebrochenen Mannes und seiner kurzen Begegnung mit zwei außergewöhnlichen Frauen. Es ist auch ein Film über Autismus und die Akzeptanz und Nicht-Akzeptanz von Andersartigkeit.

Die schauspielerische Höchstform, mit der Sigourney Weaver dabei in der Rolle als Autistin glänzt, ist dabei nur einer der vielen Pluspunkte, die dieses kleine Filmjuwel mehr als sehenswert machen.

Der Zuschauer lernt Linda zusammen mit dem anfangs völlig überforderten Alex kennen und ist von ihrer Art, mit dem Leben und ihrer Trauer umzugehen, zunächst vor den Kopf gestoßen. Später lernt er diese Art besser verstehen und viel später auch schätzen. Beim Abschied wird Alex Linda für das Gefühl danken, sich vor ihr nie für sich selbst rechtfertigen zu müssen. Die zwischenmenschliche Wärme, die Linda nicht braucht, erfährt er dagegen in der Affäre mit der Nachbarin Maggie.

Schnee durchzieht den Film als Leitthema. Er findet sich in der verschneiten Landschaft, Lindas unzähligen Papierschneeflocken und vielen Gesprächen wieder. Der überall liegende Schnee spiegelt für Alex zunächst auch die Kälte und Einsamkeit, in der er sich zu Beginn des Films befindet, wieder. Anonymität auch in den ungeschickten Tröstversuchen der pseudo-aufgeschlossenen Kleinstadtgemeinde („Ich weiß alles über Autismus. Ich habe diesen Film gesehen.“), denen sich Linda eisern entzieht. Sie legt keinen Wert auf Beziehungen zu anderen Menschen und trauert auf eine für ihre Umwelt nicht nachvollziehbare Art um ihre Tochter. In ihrer Liebe zum Schnee dagegen ist sie leidenschaftlich.

Wie bereits gesagt, sind einige Ideen des Films nicht mehr ganz jungfräulich. Aber über den Engländer, der an fremden Ufern gestrandet ist und über die primitive Teekultur der Einheimischen den Kopf schüttelt, kann man auch nach zehn Filmen noch lachen. Und genauso glänzt auch Alan Rickman zum wiederholten Mal in der Rolle als einsamer Zyniker.

Ohne kitschige Paukenschläge oder Moralkeule präsentiert der Film seine Figuren und ihr Aufeinandertreffen. Unaufdringlich traurig und oft auch brüllend komisch.

Fazit: Ein Film wie eine Schneeflocke: Ein filigranes Kunstwerk. 10 von 10 Punkten.


Traumrolle für Sigourney Weaver.
Sarah Böhlau, 05. November 2006. Bilder: Kinowelt.

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