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Von Marius Joa. Publiziert am 22. April 2018

Zwei Jahre nach dem „Revival“ von 2016 kehrte „Akte X“ für eine weitere Staffel zurück, nur um sich leider als wenig erfrischender Wiedergänger zu entpuppen.

 

The Killing Of A Sacred Deer

Von Marius Joa. Publiziert am 23. Januar 2018

Ein erfolgreicher Arzt wird mit seiner Familie in eine unmögliche Situation gebracht. Regisseur Yorgos Lanthimos adaptierte bei The Killing Of A Sacred Deer einen antiken Sagenstoff in die heutige Zeit…

The Killing Of A Sacred Deer
Psychothriller Irland, UK, USA 2017. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 121 Minuten. Kinostart: 28. Dezember 2017.
Mit: Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Raffey Cassidy, Sunny Siljic, Bill Camp u.a. Regie: Yorgos Lanthimos. Drehbuch: Yorgos Lanthimos und Efthymis Filippou.

 


Zwischen Sterilitätsfilter und absurdem Wahnsinn

Die antike griechische Mythologie beinhaltet nicht nur „strahlende“ Helden wie Herakles oder Theseus, die ruhmreiche Taten vollbringen. Auch abscheuliche Verbrechen und unfassbare Tragödien sind Bestandteil des weitreichenden und heterogenen Fundus. Besonders gruselig geht es beim Geschlecht der Tantaliden zu. Deren Urvater Tantalos opferte seinen eigenen Sohn, um die Allmacht der Götter zu testen. Zur Strafe wurde unter anderem seine Nachkommenschaft verflucht. Sein Urenkel Agamemnon, König von Mykene und Heerführer der Griechen im Krieg gegen Troja, begeht schweren Frevel als er bei der Jagd eine Hirschkuh tötet, die der Jagdgöttin Artemis heilig ist. Artemis erwirkt beim Meeresgott Poseidon eine andauernde Windstille, so dass die in Aulis versammelten Schiffe der Griechen nicht gen Troja segeln können. Für sein Vergehen muss Agamemnon seine eigene Tochter Iphigenia der Göttin als Opfer darbringen. Der antike Dramatiker Euripides (ca. 480 bis 406 v. Chr.) verwendete diesen Stoff für die Tragödie Iphigenia in Aulis.

Nun hat der griechische Filmemacher Yorgos Lanthimos (Dogtooth, The Lobster) diese Konstellation auf eine Geschichte in der heutigen Zeit übertragen. In The Killing Of A Sacred Deer spielt Colin Farrell (Alexander, Brügge sehen… und sterben?) Steven, einen angesehenen Herzchirurgen an einer renommierten amerikanischen Klinik. Auch privat läuft es für den Mediziner außerordentlich gut. Das Familienglück scheint mit Ehefrau Anna (Nicole Kidman), einer erfolgreichen Augenärztin, sowie Tochter Kim (Raffey Cassidy) und Sohn Bob (Sunny Siljic) perfekt. Immer wieder trifft sich Steven mit dem 16jährigen Martin (Barry Keoghan), dessen Vater auf dem Operationstisch verstarb. Steven fühlt sich verpflichtet dem Jungen und seiner arbeitslosen Mutter (Alicia Silverstone) zu helfen, verbringt Zeit mit ihm und lädt ihn zum gemeinsamen Abendessen mit der Familie ein. Anfänglich wirkt alles noch ganz harmlos, doch als Steven den Kontakt zu Martin herunterfahren möchte und die Avancen von dessen Mutter ablehnt, wird Martins Verhalten aggressiver. Dem aufgebrachten Steven erklärt Martin ganz nüchtern, dass Steven ein Mitglied seiner Familie töten muss, um das Gleichgewicht wieder herzustellen, nachdem er durch sein Fehlverhalten Martins Vater getötet hat.

Gleich nach der Eröffnungsszene – eine Operation am offenen Herzen untermalt von Jesus Christus schwebt am Kreuz aus dem Stabat Mater von Franz Schubert – etabliert der Film in visueller und akustischer Hinsicht eine sehr unbehagliche Stimmung, auch lange bevor sich die Story zuspitzt. Die Kamera hält fast durchgehend einen ungewöhnlichen Abstand zum Gefilmten, als blicke der Zuschauer aus einer gottähnlichen Position in ein übergroßes Puppenhaus. Die aus bereits veröffentlichten klassischen Kompositionen bestehende Filmmusik (z.B. De Profundis von Akkordeonist Janne Rättyä oder Herr, unser Herrscher aus der Johannespassion von Bach) reizt die angespannte, unheilsschwangere Atmosphäre weiter aus.

Lanthimos verwendet bei der Übertragung seiner Geschichte auf die Leinwand eine Art Filter, welche das Geschehen surreal oder leicht künstlich wirken lässt, von den teils banalen Dialogen mit wenig Anstand oder Sensibilität bis hin zum Verhalten der Figuren. Als ob das ganze Werk desinfiziert wäre, wie die vielfach als besonders sauber und schön bezeichneten Hände Stevens, der sich über weite Strecken tatsächlich wie ein (Halb-)Gott in Weiß verhält und nach außen hin jegliche Schuld von sich weist, nur um schließlich zu erkennen, dass er sich die Pfoten doch schmutzig machen muss. Je weiter sich die Situation zuspitzt, desto absurder verhalten sich die Beteiligten, was gelegentlich zu Szenen mit schwärzestem Humor führt.

Das ganze Werk profitiert natürlich ungemein von seinen starken Darsteller-Leistungen. Colin Farrell gibt den überwiegend recht teilnahmslosen Arzt und Familienvater, während Nicole Kidman seine etwas aktivere Ehefrau spielt. Als „heimlichen“ Star des Films muss man aber zweifelsohne Barry Keoghan (Dunkirk) ansehen, der seiner Rolle als sozial unbeholfener Teenager durch eine extrem zurückhaltende Darbietung unheimliches Leben einhaucht. Das Drehbuch von Lanthimos und Efthymis Filippou wurde übrigens auf dem Filmfestival von Cannes 2017 ausgezeichnet. Dort lief mit Die Verführten von Sofia Coppola ein weiterer Film mit Farrell und Kidman in den Hauptrollen. Sollte Regisseur Yorgos Lanthimos weiterhin die dunklen Seiten der griechischen Sagenwelt als Inspirationsquelle für seine Filme nutzen wollen, so bietet allein das Geschlecht der Tantaliden mehr als genug Material.

The Killing Of A Sacred Deer startete am 28. Dezember 2017 in den deutschen Kinos und wird am 4. Mai 2018 auf DVD bzw. BluRay erscheinen.

 

Fazit: Regisseur Yorgos Lanthimos macht in The Killing Of A Sacred Deer aus einem antiken Tragödienstoff einen steril-intensiven, verstörenden Psychothriller. 8 von 10 Punkten.

Martin erklärt Steven die Regeln

 

Tochter Kim tollt mit Martin herum

Marius Joa, 23. Januar 2018. Bilder: Alamode Film.

 

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