Der Klang des Herzens

Was tun, wenn du in einem Waisenhaus festsitzt und gerne deine leiblichen Eltern wiederfinden möchtest? Zeitungsannounce aufgeben? Privatdetektiv anheuern? Voodoo? Der elfjährige Protagonist des weihnachtlichen Liebesfilms Klang des Herzens hat eine viel bessere Idee: Nach New York ausbüchsen und darauf vertrauen, dass sein musikalisches Genie ihn und seine Eltern irgendwie wieder zusammenführt. Ob der Kleine auf das richtige Pferd setzt – Sarah Böhlau war im Kino.

Der Klang des Herzens (August Rush). Liebesfilm, USA 2007. Regie: Kirsten Sheridan. Drehbuch: Nick Castle & Paul Castro. Mit: Freddie Highmore, Keri Russell, Jonathan Rhys Meyers, Robin Williams. Verleih: Tobis. 114 Minuten.

Wenn es dich irgendwo gibt, dies ist dein Lied …

An einem lauen Sommerabend funkt es auf einem New Yorker Hausdach zwischen der aufstrebenden Cellistin Lyla Novacek (Keri Russell) und dem coolen Rockgitarristen Louis Connelly (Jonathan Rhys Meyers). Nach nur einer Nacht werden die beiden von Lylas ehrgeizigem Vater (William Sadler) getrennt. Aber Lyla ist von Louis schwanger und will dem Kind zuliebe ihre Karriere opfern. Ihr Vater nutzt deswegen einen Unfall seiner Tochter, um ihr eine Totgeburt weiszumachen und den Sohn heimlich zur Adoption freizugeben. Louis unterdessen leidet schwer an seinem Liebeskummer und steigt aus seiner Band aus.
Elf Jahre später: Lylas und Louis’ Sohn Evan (Freddie Highmore) ist ein musikalisches Wunderkind. Er glaubt, über die Musik seine Eltern finden zu können und läuft deswegen aus dem Waisenhaus davon. In einer modernen Oliver Twist Variante geht der Junge in der Großstadt New York verloren und wird von dem dubiosen Wizard (Robin Williams) aufgelesen, der in einem alten Theater verwahrloste Kinder beherbergt und sie als Straßenmusiker ausbeutet. Wizard erkennt das Genie Evans und verpasst ihm einen neuen Namen: August Rush.
Unterdessen sind auch seine Eltern wieder in der Stadt: Lyla hat von ihrem sterbenden Vater die Wahrheit erfahren und sich auf die Suche nach ihrem Sohn gemacht. Auch Louis ist als erfolgreicher Geschäftsmann inklusive Mercedes und blonder Freundin unglücklich geblieben und hat den Weg nach New York und zurück zur Musik gefunden. Und wieder ist es ein lauer Vollmondabend, als im Central Park die drei Lebensfäden wieder zusammenlaufen …

Haben noch keine Ahnung: Louis und Evan.

August Rush oder Der Klang des Herzens, wie der mit der üblichen Einfallslosigkeit geänderte deutsche Titel lautet, als kitschig zu bezeichnen, wäre noch untertrieben. Dieser Film ist so sehr mit Zuckerguß überzogen, dass man schon beim bloßen Zusehen Diabetes bekommt. Aber das macht eigentlich nichts. Denn: Es ist ja Weihnachten, und da ist Kitsch erlaubt. Der Film funktioniert in etwa nach dem selben Prinzip wie Lebkuchen oder Eierlikör.

Generell ist ja gegen Kitsch nichts einzuwenden, wenn er ordentlich umgesetzt ist. Aber leider lässt das Drehbuch einiges zu wünschen übrig: Es ist einfach schlampig konstruiert, erzählt vieles nur an und lässt Fragen offen. Nicht erklärt wird beispielsweise, warum sich Lyla einfach so von ihrem Vater zur Trennung von Louis zwingen lässt. Und richtig lächerlich wird der Film beim Versuch, das magisch anmutende Talent Evans in Szene zu setzen. Obwohl er noch nie zuvor eine Note gelesen oder ein Instrument in der Hand gehalten hat, entwickelt sich Evan innerhalb kürzester Zeit (Stunden!) zum Klaviervirtuosen, Gitarrengott und (ok, das dauert dann doch ein paar Wochen) Starkomponisten der New Yorker Konzertszene.

Die Figuren bleiben allesamt blass, allen voran Evan/August Rush selbst, dessen Charakter außerhalb seiner musikalischen Begabung kaum existieren könnte. Auch die Nebenfiguren sind Sterotypen, wie etwa der idealistische Jugendämtler, der gewissenlose Karrierevater, der gütige Reverent oder das selbstbewusste Straßenkind. Einzig beim von Robin Williams verkörperten Wizard sieht man ein wenig Ambivalenz, da man bei ihm gleichzeitig eine starke Liebe zur Musik und einem gewissenlosen Überlebenswillen erkennen kann.
Ein paar überdeutliche Metaphern und übertriebene Motive machen die Sache auch nicht besser. Der Mond – selbstverständich ein Vollmond – beispielsweise taucht in jeder Nachtszene auf und überwacht die ganze Geschichte. Und wer dem Vollmond sein Herz ausschüttet, dem wird geantwortet – so behaupten jedenfalls unabhängig voneinander Louis und Evan, der Film kann sich glücklicherweise beherrschen, den Mond tatsächlich sprechen zu lassen.

Aber gut: Ein kompletter Fehlschlag ist Der Klang des Herzens trotzdem nicht. In der einen oder anderen Szene kann man den ganzen Kitsch ganz gut ignorieren und sich von der Geschichte berühren lassen. Wie etwa, wenn Louis Evan beim Straßenmusizieren trifft und die beiden spontan ein paar Takte auf ihren Gitarren zusammen improvisieren, ohne zu wissen, dass sie Vater und Sohn sind. Auch die Schlussszene im Central Park lässt dann doch einige ungewollte Tränen fließen. Das (komplett vorhersehbare) Ende überrascht mit dem Mut zu einem eleganten filmischen Schlussstrich, dem man diesem Film nicht so ohne weiteres zugetraut hätte.

Die Musik als zentrales Thema des Films schlägt sich im Soundtrack positiv nieder. Ein Thema von Hans Zimmer durchzieht den Film in mehreren Variationen und wird mit der sich ausprägenden Begabung Evans immer ausgefeilter und von mehr Instrumenten unterstützt, bis es am Schluss von einem Orchester vorgetragen wird. Wunderschön auch die Zusammenschnitte von Lylas Cello und Louis Rockband.

Also, dies ist ein nicht perfekt umgesetzter Liebesfilm, hauptsächlich für Frauen, Fans von Jonathan Rhys Meyers, hoffnungslose Romantiker und Literaturwissenschafter, die ihre Abschlussarbeit über Mondmotivik schreiben. Aber nicht vergessen, Leute: Es ist Weihnachten!

Fazit: Süß, aber nicht ungenießbar. 6 von 10 Punkten.


Tragische Liebe: Louis und Lyla.

Auf der Suche: Lyla und der nette Mensch von Jugendamt.
Sarah Böhlau, 17. Dezember 2007. Bilder: Tobis.


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