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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 9. Oktober 2019

Und weiter im Horroctober-Programm, erneut mit einem Film aus meinem physischen SuF. In “Therapie für einen Vampir” sucht ein Jahrhunderte alter Blutsauger Rat bei niemand Geringerem als Sigmund Freud, dem Urvater der Psychoanalyse.

 

Der Vorleser

Von Marius Joa. Publiziert am 2. März 2009

Den lange ersehnten Oscar für Hauptdarstellerin Kate Winslet, viele weitere Preise und Nominierungen: Der Vorleser scheint ein internationaler Kritikererfolg zu werden. Doch wird die Verfilmung des Romans von Bernhard Schlink auch den Vorschusslorbeeren gerecht? Marius Joa hat vor sieben Jahren das Buch gelesen und war nun im Kino.

Der Vorleser (The Reader)
Drama USA/Deutschland 2008. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 124 Minuten. Deutscher Kinostart: 26. Februar 2009.
Mit: Kate Winslet, David Kross, Ralph Fiennes, Bruno Ganz, Hannah Herzsprung, Matthias Habich, Lena Olin, Alexandra Maria Lara, Karoline Herfurth, Burghart Klaußner u.v.a. Regie: Stephen Daldry. Drehbuch: David Hare. Nach dem Roman von Bernhard Schlink.

Schlicht, aber wirkungsvoll

1995. Kurz vor einem Treffen mit seiner Tochter (Hannah Herzsprung) erinnert sich Anwalt Michael Berg (Ralph Fiennes) an seine Jugend. Als 15jähriger (David Kross) hatte er 1958 eine heimliche Beziehung mit der zwanzig Jahre älteren, geheimnisvollen Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet). Leidenschaftlicher Sex wechselt sich mit Phasen ab, in denen Michael seiner Geliebten aus den großen literarischen Werken vorliest, die ihm als Schul-Lektüren auferlegt sind. Als Hanna befördert werden soll, verschwindet sie eines Tages spurlos.

Erst sieben Jahre später soll Michael, nun Jura-Student, seine große Liebe wieder sehen. Allerdings unter schwierigsten Umständen, denn Hanna sitzt als ehemalige KZ-Aufseherin auf der Anklagebank. Gemeinsam mit fünf anderen Frauen soll sie über 300 Juden dem sicheren Tod übereignet haben. Hanna ist die einzige der Angeklagten, die „ihre“ Verbrechen zugibt, auch deshalb, um ihre großes Geheimnis zu bewahren. Denn Hanna kann weder lesen noch schreiben. Das Urteil für die mittlerweile 43jährige lautet schließlich: lebenslänglich.

Obwohl Michael weiß, dass Hanna aufgrund ihres Analphabetismus die ihr in dem Prozess angehängte Rolle nicht komplett spielen konnte, scheut er sich, diese Information preiszugeben. Genau wie Hanna ihr Geheimnis hütete, erzählt Michael über fast vierzig Jahre niemandem von seiner großen Liebe. Seine Ehe geht in die Brüche und Tochter Julia sieht ihren Vater nur selten. Eines Tages nimmt Michael indirekt Kontakt mit Hanna auf und schickt ihr Kassetten, auf denen er die Bücher von damals vorliest.

Jurist Michael Berg (Ralph Fiennes) ist sehr zurückhaltend.

Bernhard Schlink, 1944 in Bielefeld geborener Jura-Professor und Schriftsteller, veröffentlichte den Roman Der Vorleser 1995. Das Werk wurde ein internationaler Bestseller und schaffte es als einziges deutsches Buch bisher auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste. Der weltweite Erfolg des Buches bewegte die als Überproduzenten bekannten Weinstein-Brüder, sich bereits 1997 die Filmrechte zu sichern. Ursprünglich sollte Anthony Minghella (Der englische Patient) ein Drehbuch entwickeln und Sydney Pollack (Die Firma) Regie führen. Doch die beiden gaben die Posten an Sir David Hare und Regisseur Stephen Daldry (The Hours) weiter und fungierten nur noch als Produzenten. Minghella (53) und Pollack (73) verstarben beide 2008. Ihnen wurde der Film gewidmet. Nachdem Kate Winslet wegen der Dreharbeiten zu Zeiten des Aufruhrs nicht zur Verfügung stand, engagierte man Nicole Kidman, die jedoch wegen ihrer Schwangerschaft absagte. Nun war Winslet wieder dabei.

Bei soviel Star- und Produzentenpower aus Hollywood bleiben zwei Fragen: 1. Wurde mit den recht zahlreichen Filmpreisen (u.a. Oscar, Golden Globe und BAFTA-Award für Kate Winslet) nicht nur das Thema Holocaust-Aufarbeitung nominiert und ausgezeichnet? Und zweitens: wurde die Geschichte zugunsten der Massenkompatibilität verwässert? Doch in beiden Fällen kann Entwarnung gegeben werden. Die Verfilmung von Der Vorleser ist zugleich werkgetreu, macht aber auch das Beste aus der Vorlage und lebt von seinen guten Schauspielern.

Regisseur Stephen Daldry versteht es, die nüchterne (und bisweilen als kaltes Juristendeutsch verschriene) Sprache des Romans schlicht, aber wirkungsvoll zu inszenieren. Die Rahmenhandlung mit dem erwachsenen Michael, gespielt von Ralph Fiennes, mag vielleicht in dem ein oder anderen Moment etwas langatmig erscheinen, doch ist sie eine logische Ergänzung, um den Ich-Erzähler aus dem Roman in den Film einzubauen. Der Film ist bewegend, ohne jedoch zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Vielmehr bringt er den Zuschauer zum Nachdenken über die beiden Hauptfiguren und die Frage nach den „Tätern“ im Zusammenhang mit dem Holocaust.

Und ja, Kate Winslet hat ihren Oscar verdient. Sie spielt die geheimnisvolle Hanna Schmitz einfach hervorragend. Eine rätselhafte und emotional zurückgezogene Person, die bereit ist, Verantwortung für ihre Taten als KZ-Aufseherin zu übernehmen. Aber auch der erwachsene Michael, zurückhaltend gespielt von Ralph Fiennes, versteckt seine Beziehung zu Hanna über 37 Jahre, wirkt emotional verkümmert. Den jungen Michael verkörpert David Kross (Knallhart, Krabat), der sicher noch eine große Karriere vor sich hat, denn er überzeugt mit solider Leistung. Neben der schwedischen Schauspielerin Lena Olin in einer kleinen Doppelrolle, ist die übrige Besetzungsliste mit namhaften deutschen Darstellern gespickt. Viele haben allerdings nicht mehr als einen Kurzauftritt. Lediglich Bruno Ganz als Jura-Professor bleibt im Gedächtnis. Ansonsten tummeln sich hier z.B. Alexandra Maria Lara, Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth oder Matthias Habich.

Trotz einem sehr guten Film ist am Ende eines klar: als rein deutsche Produktion wäre Der Vorleser nicht zu internationalen Ehrungen und großen Filmpreisen gekommen. Dass es eine amerikanisch-deutsche Co-Produktion mit dem Thema Nazi-Deutschland aber auch ohne Auszeichnungen gibt, beweist das mittelprächtige Werk Operation Walküre.

Fazit: Werkgetreue Romanverfilmung, schlicht aber wirkungsvoll inszeniert und mit einer herausragenden Kate Winslet. 8 von 10 Punkten.


Michael liest Hanna vor.

Hanna vor Gericht.
Marius Joa, 2. März 2009. Bilder: Senator/Mirage.

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