Sunshine

Was wird aus der Menschheit, wenn das Licht ausgeht? Danny Boyle liefert mit Sunshine einen Weltraum-Psychothriller der besonderen Art ab. Erhellend? Sarah Böhlau sah ihn sich an.

Sunshine
Sci-Fi/Psycho-Thriller, USA 2007. Regie: Danny Boyle. Drehbuch: Alex Garland.
Mit: Cillian Murphy, Rose Byrne, Chris Evans, Hiroyuki Sanada, Cliff Curtis. 107 Minuten. FSK: ab 12.

Let the sunshine in

Acht Astronauten, auf den Rücken einer riesigen Bombe geschnallt – meiner Bombe. Willkommen auf der Ikarus II.

Mitte des 21. Jahrhunderts beginnt unsere Sonne zu sterben, die Erde vereist unter einem solaren Winter. Eine gigantische Atombombe, entworfen von Physiker Capa (Cillian Murphy), soll die Sonne wieder neu zünden. Unter der Leitung von Captain Kaneda (Hiroyuki Sanada) transportiert das Raumschiff Ikarus II und seine achtköpfige Crew die Bombe zu ihrem Ziel. Vom Gelingen der Mission hängt die Zukunft der Menschheit ab, denn die Mission ist bereits der zweite Versuch. Das Vorgängerschiff Ikarus I ging samt seiner Bombe verloren, eine dritte Chance gibt es nicht.
Nach monatelanger Reise durch das All hat das Schiff nun endlich den sterbenden Stern erreicht, die Vorbereitungen laufen. Da empfängt die Crew unerwartet das Notsignal der Ikarus I. Es wird entschieden, den bisherigen Kurs zu verlassen und die Ikarus I zu suchen, um mit einer hoffentlich zweiten intakten Bombe auch einen zweiten Versuch für die riskante Sprengung zu erhalten (Capa: „Zwei letzte Hoffnungen sind besser als eine.“). Doch bei der Kurskorrektur wird vom Navigator ein schwerer Fehler gemacht, die daraus resultierenden Schäden bringen das Raumschiff an den Rand der Katastrophe und schließlich hängt der Erfolg der Mission von dem ab, was die Astronauten auf der Ikarus I vorfinden werden. Aber auf dem scheinbar unversehrten Schwesterschiff wartet etwas noch viel gefährlicheres …

Bombengenie Capa (Cillian Murphy).

Eine Mission im All, die mit einer sprengkräftigen Atombombe im Gepäck die Welt retten soll? Kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Wer jetzt aber ein Weltraumspektakel Typ Armageddon erwartet, irrt sich gewaltig. Danny Boyles Sunshine hat – schon allein dem Namen nach – weit mehr von Lems (bzw. Soderbergs) ruhig erzählten Solaris, mit einigen Anleihen an Ridley Scotts Alien.

Nach The Beach verfilmt Boyle bereits den zweiten Roman von Alex Garland, der auch das Drehbuch für Sunshine schrieb. Filme über Außenseitergruppen in Extremsituationen haben es Regisseur und Autor gleichermaßen angetan. Ähnlich wie The Beach handelt auch Sunshine von einer isolierten kleinen Gemeinschaft, die von einer Situation kontrollierter Sicherheit in einen Überlebenskampf rutscht. Und wie schon in Boyles 28 Days Later geht die Gefahr nicht (nur) vom Unbekannten, sondern auch vom Menschen selbst aus.

Ums Überleben geht es für die acht Astronauten, oder vielmehr ums Lange-genug-leben. Kein Zweifel für die Crew, dass ihr eigenes Leben dem Gelingen der Mission unbedingt unterzuordnen ist. Das wird deutlich vor allem durch den Astronauten Mace (gespielt von Augenweide Chris Evans), der die radikale Selbstaufopferung besonders hartnäckig propagiert. Die Identifikationsfigur, der Physiker Capa, findet sich dadurch in einer belastenden Situation wieder: Als die Katastrophe eintritt, opfern sich immer mehr seiner Kollegen mit einer fast beleidigenden Selbstverständlichkeit, um ihn am Leben zu erhalten: Er kann als einziger seine Bombe zünden.

Boyle arbeitet bei Sunshine viel mit Mehrdeutigkeit und einer interessanten Symbolsprache. Ein besonderes Beispiel dafür ist bereits die Namensgebung der beiden Raumschiffe. Denn mit dem Namenspaten nahm es kein gutes Ende. Der griechischen Sage nach fliegt der Junge Ikarus mit Flügeln, die sein Vater Daedalus aus Federn und Wachs gebaut hat, über das Meer. Von der Sonne fasziniert, steuert er gegen den Befehl des Vaters zu nahe an den Himmelskörper heran. Die Hitze lässt das Wachs der Flügel schmelzen und das Kind stürzt vor den Augen des hilflosen Daedalus in den Tod. Es stellt sich die Frage: Warum nennt die Missionsleitung ihre Schiffe gerade „Ikarus“? Warum nicht positiver besetzte Gestalten wie „Apollo“ oder „Prometheus“? Die für das Gelingen der Operation also etwas unglückliche Namenswahl ist bei genauerem Hinsehen schon ein erstes Indiz für die Schwierigkeiten, die im Umfeld der Sonne auf die Ikarus II wartet. Wie der Junge aus dem Mythos lassen sich auch die Astronauten vom Kurs abbringen, verlieren ihr Ziel aus den Augen und stürzen metaphorischerweise ins Meer. Darüber hinaus spielt auch die Faszination für die Sonne eine gefährliche Rolle. Deren Nähe, so will der Film es darstellen, ist für manche Menschen psychisch nicht gut zu verkraften. Schon zu Beginn des Films wird gezeigt, dass zumindest ein Crewmitglied eine ungesunde Obsession für den Stern und sein verglühendes Licht entwickelt hat (interessanterweise handelt es sich dabei ausgerechnet um den Schiffspsychologen). Im letzten Teil des Films steigert sich dieser Einfluss der Sonne auf den Menschen bis hin zum religiösen Fanatismus, sogar Wahnsinn.

Viel zu kritisieren gibt es bei Sunshine nicht. Boyles hektische MTV-Schnitte nerven schon etwas, vor allem gegen Ende des Films. Aber immerhin muss der Zuschauer so keinen besonders langen Blick auf das eine oder andere unappetitliche Detail (Stichwort: Sonnencreme!) werfen.

Trotz Parallelen zu vielen anderen Filmen hat Sunshine etwas Neues geschaffen, er ist in mancher Hinsicht einzigartig. Starke Bilder, konsequent geführter Spannungsbogen, solide Schauspieler (vor allem Cillian Murphy), wundervoller Soundtrack. Absolut zu empfehlen!

Fazit: Es wurde Licht. 8 von 10 Punkten.


Die Crew der Ikarus II.

Mace und Capa erkunden die Ikarus I.

Astronautin Cassie (Rose Byrne).
Sarah Böhlau, 24. April 2007. Bilder: Fox.


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Kommentare

Eine Antwort zu „Sunshine“

  1. […] Garland hat sich bisher als Romancier (u.a. Der Strand) und Drehbuchautor (28 Days Later, Sunshine, Dredd) einen Namen gemacht. In seinem 2015 erschienen Regiedebüt Ex Machina verzichtet der Brite […]

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