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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 25. September 2022

Vor 30 Jahren feierte “Orlando”, die Verfilmung von Virginia Woolfs gleichnamigen Roman durch Regisseurin Sally Potter, seine Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig. Tilda Swinton spielt darin die unsterbliche Titelfigur.

 

Soylent Green

Von Marius Joa. Publiziert am 4. Januar 2022

Wir schreiben das Jahr 2022. Ein prominenter Vertreter des dystopischen Science-Fiction-Films spielt in genau diesem Jahr: Soylent Green von Regisseur Richard Fleischer, mit Charlton Heston und Edward G. Robinson in seiner eindringlichen letzten Rolle.


Jahr 2022…die überleben wollen (Soylent Green)
Science-Fiction-Drama USA 1973. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 97 Minuten. Kinostart: 23. Mai 1974.
Mit: Charlton Heston, Edward G. Robinson, Leigh Taylor-Young, Chuck Connors, Brock Peters u.a. Nach dem Roman New York 1999 von Harry Harrison. Drehbuch: Stanley R. Greenberg. Regie: Richard Fleischer.

 



Dreckige Ökodystopie

Im Jahr 2022 bestimmten große Umweltverschmutzung und eine grassierende Überbevölkerung das Leben auf unserem Planeten. Wohnraum, Nahrungsmittel und andere elementare Güter sind äußerst knapp und werden streng rationiert. Der Großkonzern Soylent versorgt die halbe Weltbevölkerung mit synthetischer Nahrung, die teils aus Soja und Linsen (Soylent Yellow) sowie Meeresplankton (Soylent Green) hergestellt wird. In New York City leben 40 Millionen Menschen auf engstem Raum, nicht wenige vegetieren auf der Straße, in überfüllten Notunterkünften oder in Treppenhäusern. Thorn (Charlton Heston) ist Polizist und ermittelt in Mordfällen. Die Wohnung teilt er sich mit dem alten, früheren Professor Sol Roth (Edward G. Robinson), welcher ihm als Recherche-Assistent zuarbeitet. Eines Tages wird der einflussreiche Unternehmer Simonson (Joseph Cotten) in seinem luxuriösen Appartment erschlagen. Alles deutet auf einen Einbruch mit Todesfolge hin. Thorn befragt Simonsons Leibwächter Fielding (Chuck Connors) und Shirl (Leigh Taylor-Young), die Konkubine des Ermordeten. Beide waren zum Zeitpunkt der Tat außer Haus. Sol findet unterdessen heraus, dass Simonson ein hohes Tier im Soylent-Konzern war. Während seiner Ermittlungen sieht sich Thorn immer wieder verfolgt. Als sein Vorgesetzter Hatcher (Brock Peters) ihn anweist, den Fall umgehend zu beenden, wird Thorn umso misstrauischer. Ein schreckliches Geheimnis droht offenbart zu werden…

Auch wer Soylent Green – oder Jahr 2022…die überleben wollen, so der deutsche Titel – bisher nicht gesehen hat, weiß sehr wahrscheinlich um dessen großen Twist am Ende. Das liegt daran, dass dieser in den letzten Jahrzehnten popkulturell des öfteren verwurstet wurde, etwa in den von Matt Groening erschaffenen, satirischen Zeichentrickserien Die Simpsons (seit 1989) und Futurama (1999-2003, 2007-2013). Doch auch wenn man die Hintergründe der titelgebenden Nahrung kennt so vermag der dystopische Scifi-Streifen von Regisseur Richard Fleischer (1916-2006), bekannt für 20 000 Meilen unter dem Meer (1954), Die phantastische Reise (1965) und Doctor Doolittle (1967), durchaus zu schockieren. Das Drehbuch von Stanley R. Greenberg basiert auf dem Roman New York 1999 (Originaltitel: Make Room, Make Room!) von Harry Harrison aus dem Jahr 1966, in welchem zwar Umweltzerstörung und Überbevölkerung thematisiert werden, aber die berüchtigte synthetische Nahrung nicht vorkommt.

Das Setting präsentiert sich von Beginn an als heruntergekommen, dreckig und trostlos. New York (welches in der Realität aktuell “nur” etwa 8 Millionen Einwohner hat) erweist sich als hemmungslos überfülltes Moloch in erbärmlichem Zustand. Die unzähligen Menschen ohne Wohnraum liegen auf der Straße oder in den Hausfluren und Treppenhäusern. So muss Protagonist Thorn jedes Mal wenn er seine bescheidene Bleibe verlässt über Menschentrauben steigen. Die Verteilung der knappen Nahrung ist streng limitiert, nicht selten kommt es bei den Essensausgaben zu Unruhen. Neben natürlichem Essen wie Gemüse, Früchte und Fleisch fehlt es auch an Wasser, Strom und für uns selbstverständlichen Gebrauchsgegenständen wie z.B. Papier. Im krassen Gesatz zur grassierenden Armut leben die wenigen Reichen. Diese können sich luxuriöse Wohnungen oder Häuser mit fließendem Wasser, Strom, Klimaanlage und mehr leisten. Auch Frauen haben die Wohlhabenden zur Verfügung. Diese werden als “Inventar” (im Englischen “furniture”) bezeichnet, weil sie zur jeweiligen Wohnung gehören und jedem Besucher “zur Verfügung stehen”. Für Thorn ist es völlig normal, dass er aus dem teuren Appartment des Mordopfers diverse Dinge mitgehen lässt und zärtliche Stunden mit Shirl, dem “Inventarmädchen”, verbringt.

Die hier gezeigte Welt mag mit unserer Gegenwart nur bedingt Gemeinsamkeiten besitzen, doch lässt sich diese als Blaupause für eine mögliche düstere Zukunft sehen. Für den Fall, dass die hyperkapitalistische Ausbeutung des Planeten, die Zerstörung der Natur sowie die zunehmene soziale Spaltung weiterhin so voranschreiten, wonach es auf lange Sicht leider aussieht. Vielleicht noch nicht im Jahr 2050, aber möglicherweise in 2100. Um die trostlos-dreckige Atmosphäre zu unterstreichen haben die Filmbilder selbst einen schmutzigen Grünfilter. Die Geschichte entfaltet sich so geradlinig wie drastisch. Es gibt zwar die ein oder andere Actionszene, doch diese werden überaus realistisch und unreißerisch inszeniert. Stylishe Dekors oder futuristisches Ambiente sucht man vergeblich.

In dieser schaurig-heruntergekommenen Welt erweist sich die Freundschaft der beiden wichtigsten Figuren als Herzstück. Charlton Heston (1923-2008), bekannt vor allem als Moses in Die Zehn Gebote (1956) und Titelheld in Ben Hur (1959) sowie wegen seiner Arbeit für die Waffenlobby in seinen letzten Lebensjahren höchst umstritten, als knorriger, aber mitfühlender Polizist Thorn und Edward G. Robinson (1893-1973, u.a. Frau ohne Gewissen [1944], Der Fremde [1946]) als betagter Ex-Professor Sol, der sich im Gegensatz zu jungen Menschen oder jenen mittleren Alters noch an viel bessere Zeiten erinnern kann. Vor allem ihr Zusammenspiel in der letzten gemeinsamen Szene ist mehr als eindringlich und berührend. Robinson starb am 26. Januar 1973, wenige Wochen nach Ende der Dreharbeiten, an Krebs. Als letztes drehte er ausgerechnet die Sterbeszene seiner Figur.

Auch beim Schlusspunkt bleibt sich die kompromisslose Ökodystopie treu. Das Ende ist offen, die Wahrheit kommt ans Licht, und die Situation könnte sich zum Besseren oder auch Schlechteren ändern. Ein aufgesetztes Happy End wird dem Zuschauer glücklicherweise erspart. Und wir fragen uns, wie lange es noch dauert, bis synthetische Nahrung im großen Stil auf den Markt kommen wird.

Fazit: Düster-dreckiges Zukunftsszenario mit einem der einschneidensten Twists des Genres sowie den herausragenden Darstellern Charlton Heston und Edward G. Robinson. 8 von 10 Punkten.


Die Stadt als Moloch
 

Thorn teilt mit seinem Freund Sol
 

Shirl gehört zum Inventar
 

Unruhen in New York

 


Marius Joa, 4. Januar 2022. Bilder: Warner.

 

 

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