Twin Peaks: Staffel 1

David Lynch (1946-2025) hinterließ nicht nur im Kino seine Spuren, sondern auch auf dem kleinen Bildschirm. Gemeinsam mit Mark Frost schuf er Twin Peaks (1990/91), eine Genre-sprengende Serie über die Ermittlungen im Mordfall Laura Palmer und finstere Mächte in der Gegend um die titelgebende Stadt. Den Anfang nahm alles mit der achtteiligen ersten Staffel.

Twin Peaks: Staffel 1 (Twin Peaks: Season 1)
Mystery/Gesellschaftsdrama/Krimi-Serie USA 1990. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 8 Folgen. Gesamtlänge: ca. 420 Minuten. TV-Erstausstrahlung: 10. September 1991.
Mit: Kyle MacLachlan, Michael Ontkean, Mädchen Amick, Dana Ashbrook, Richard Beymer, Lara Flynn Boyle, Sherilyn Fenn, Warren Frost, Peggy Lipton, James Marshall, Everett McGill, Jack Nance, Ray Wise, Joan Chen, Piper Laurie, Eric Da Re, Harry Goaz, Michael Horse, Sheryl Lee, Kimmy Robertson, Russ Tamblyn u.v.a. Idee: Mark Frost und David Lynch.

Mikrokosmos der TV-Landschaft

Februar 1989. in der kleinen Stadt Twin Peaks, im US-Bundestaat Washington, unweit der Grenze zu Kanada, entdeckt Angler Pete Martell (Jack Nance) eines frühen Morgens die Leiche der 17jährigen Laura Palmer (Sheryl Lee). Nicht nur Lauras Eltern, der beliebte Anwalt Leland Palmer (Ray Wise) und seine Ehefrau Sarah (Grace Zabriskie), sind am Boden zerstört, auch viele weitere Bewohner zeigen sich von dem Mord an der allseits beliebten Schülerin geschockt. Sheriff Harry S. Truman (Michael Ontkean) erhält bei der Aufklärung des Falles Unterstützung durch das FBI in Person des akribischen Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan). Die Ermittlungen fördern zu Tage, dass Laura sich zwar vorbildlicherweise sozial engagierte aber auch ein Doppelleben mit Prostitution und Drogenkonsum führte. 

Während der weiteren Ermittlungen mit Sheriff Truman sowie den Deputies Andy Brennan (Harry Goaz) und Tommy „Hawk“ Hill (Michael Horse) lernt Cooper auch weitere Bewohner*innen der Kleinstadt wie Arzt Dr. Will Hayward (Warren Frost), Diner-Besitzerin Norma Jennings (Peggy Lipton), den einflussreichen Hotelier Benjamin Horne (Richard Beymer), dessen 18jährige Tochter Audrey (Sherilyn Fenn), die jung verwitwete Sägewerkbesitzerin Josie Packard (Joan Chen), deren Schwägerin Catherine Martell (Piper Laurie) und den Psychiater Dr. Lawrence Jacoby (Russ Tamblyn) kennen. Lauras Freund Bobby Briggs (Dana Ashbrook) ist wiederum außer sich, als er von deren heimlichen Beziehung mit James Hurley (James Marshall), dem Neffen des Tankstellenbetreibers Ed Hurley (Everett McGill), erfährt.

Dabei unterhält Bobby selbst seit einiger Zeit eine Affäre mit Kellnerin Shelly Johnson (Mädchen Amick), die mit dem gewalttätigen Trucker Leo Johnson (Eric Da Re) verheiratet ist. James und Lauras beste Freundin Donna Hayward (Lara Flynn Boyle), die Tochter des Arztes, beginnen ihre eigenen Untersuchung zum Mordfall. Wenig später schließt sich ihnen Lauras Cousine Maddy Ferguson (Sherly Lee) an, die Laura zum Verwechseln ähnlichsieht.

Ankunft von Agent Cooper

Bei der deutschen Erstausstrahlung im September 1991 war ich mit zehn Jahren definitiv zu jung für diese Serie. Es sollte noch gut zweieinhalb Jahrzehnte dauern bis ich erstmals einen Blick riskierte. Im September 2017 begann ich mit einem befreundeten Paar die Sichtung der Originalserie (Staffeln 1 und 2). Bereits die Pilotfolge in Spielfilmlänge vermittelt einen guten ersten Eindruck von dem, was die Zuschauer*innen in den weiteren Episoden erwartet. Im Vorfeld wusste ich, außer dass es um die Ermittlungen im Mordfall von Laura Palmer an einem Ort voller merkwürdiger Figuren geht, praktisch nichts. Und meine Kenntnis von David Lynchs Werk beschränkte sich damals lediglich auf seine umstrittene Dune-Verfilmung.

Während der gemeinsamen Arbeit an einem Drehbuch für einen Film über Marilyn Monroe, der schließlich nicht gemacht wurde, hatten sich Autor Mark Frost (Polizeirevier Hill Street) und David Lynch in den 1980ern kennen gelernt und angefreundet. Nachdem sich auch ein weiteres geplantes Projekt in Wohlgefallen auflöste, schlug Lynchs Agent Tony Krantz eine Serie über das düstere Amerika aus Lynchs Film Blue Velvet (1986) zu machen. Frost und Lynch schufen zuerst die Stadt sowie die Figuren und danach die Handlung. Nachdem das Serienkonzept während des Drehbuchautorenstreiks 1988 dem US-Network ABC angeboten worden war, bestellte der Sender einen abendfüllenden Pilotfilm und später sieben weitere Folgen.
 
So merkwürdige manche der Einwohner*innen von Twin Peaks sein mögen auch FBI-Agent Dale Cooper ist alles andere als ein gewöhnlicher Ermittler. Schon als er im Pilotfilm nach etwa einer halben Stunde erstmals auftaucht, zeigt er seinen Hang, seine Beobachtungen, gerade von trivialen Dingen, zu dokumentieren. Nicht selten hält Cooper diese Details per Diktiergerät fest, in das er zu seiner in Washington DC weilenden Sekretärin Diane spricht, welche wir zumindest in den beiden Originalstaffeln nie zu Gesicht bekommen. Schnell zeigt sich der Special Agent begeistert von der ungewohnten Umgebung ganz im Nordwesten der USA, speziell den Bäumen und dem „verdammt guten Kaffee“. Sehr unorthodox gestalten sich auch Coopers Methoden, etwa wenn er Träumen, fernöstlicher Philosophie vermeintlichen Zufällen eine besondere Bedeutung zugesteht.

Die Untersuchungen im zentralen Mordfall und der sich stetig wachsende Kreis der Verdächtigen machen den vor allem in den ersten Episoden präsenten Krimi-Anteil aus. Mit der sukzessiven Einführung der zahlreichen Charaktere (die erweiterte Hauptbesetzung umfasst ca. 20 Personen) und ihrer Eigenheiten bzw. Geheimnisse wiederum bewegt man sich dagegen in Richtung Gesellschaftsdrama mit deutlichen Tendenzen zur Seifenoper/„Intrigenserie“. Twin Peaks wirkt auf den ersten Blick wie eine beschauliche Kleinstadt, mit zwei großen Unternehmen (Packards Sägewerk und Hotel bzw. Kaufhaus der Familie Horne) und einer durchaus idyllischen Naturkulisse. Doch hinter dieser bodenständig-schönen Fassade lauern Abgründe.

Und dann wäre da noch der Mystery-Part. Relativ früh wird klar, dass in Twin Peaks und Umgebung finster-urtümliche Mächte ihr Unwesen treiben. Was genau dahinter steckt wird in der ersten Season allerdings noch nicht wirklich enthüllt, sondern nur angedeutet. Mit Agent Cooper gibt es  passenderweise einen Hauptcharakter, der sich für übersinnliche Phänomene empfänglich zeigt. Mystery und eine Stadt voller Geheimnisse im Zentrum waren auch die Eckpfeiler meiner Erwartungen an die Serie.

Womit aus meiner Sicht nicht zu rechnen war ist das Ausmaß des Humors. Immer wieder servieren die Serienmacher hier teils unerwartet Szenen mit absurder Komik und ganz klassischen, eigentlich eher banalen Slapstick-Elementen, nicht selten im Zusammenhang mit albern-trotteligen Charakteren wie Deputy Andy und Benjamin Hornes Bruder Jerry oder skurrilen Figuren wie Dr. Jacoby und der Log Lady, die so heißt, weil sie immer ein großes Holzscheit mit sich herumträgt.     
    
Lynch und Frost haben mit bereits in der ersten Staffel von Twin Peaks etwas Einmaliges und Herausragendes geschaffen: mit klassischen Zutaten gewürzte Fernsehkost, welche die gewohnten Elemente allerdings in einem anderen, abgründigeren Licht erscheinen lässt. Ein Art Mixtur, welche die bekanntesten Tropen des damaligen Fernsehens kombiniert und daraus etwas ziemlich Neuartiges macht. Der vergleichsweise herkömmliche und bodenständige Look (sowohl Kostüm-als auch Szenenbild arbeiten überwiegend mit warmen Rot- und Brauntönen) zeichnet das Bild einer gewöhnlichen Kleinstadt, deren oberflächliche Idylle – auch und vor allem in Person der getöteten Laura Palmer, die mehr als ein Leben führte – schon bald schaurige Abgründe offenbart. Das Ideal vom „American Pastoral“ verkehrt sich in die widerliche Fratze des „American Berserk“ um.

Obgleich das Geschehen durchaus aufrichtig und einigermaßen authentisch rüberkommt, so wirkt alles aber auch ein bisschen komisch und irgendwie etwas drüber, fast wie in einer Parallelwelt, die sich von der unsrigen nur durch Nuancen unterscheidet. Einen großen Anteil daran hat vor allem die Musik von Lynchs langjährigem Weggefährten Angelo Badalamenti. Versprüht das kultige Titelthema noch eine warm-heimelige Atmosphäre, so changieren die weiteren Stücke zwischen lässigem Jazz, düsteren Bässen und Piano-Einlagen hart an der Grenze zum Kitsch.

Angeführt von Kyle MacLachlan, der schon in Lynchs Filmen Dune (1984) und Blue Velvet (1986) die Hauptrolle gespielt hatte, versammelten die Serienmacher ein umfangreiches und teils namhaftes Ensemble, darunter die „Altstars“ Richard Beymer (Westside Story) und Piper Laurie (Haie der Großstadt) sowie damals noch junge Akteure wie Lara Flynn Boyle (Der Club der toten Dichter) und Sherilyn Fenn (Von Mäusen und Menschen). Zwar sind manche Darsteller*innen definitiv zu alt, um 17- oder 18jährige wirklich glaubhaft zu spielen, dies schmälert die durchgehend guten Schauspielleistungen aber keineswegs. David Lynchs Stammschauspieler Jack Nance (Eraserhead, Dune, Lost Highway) war natürlich auch mit dabei.

Für den Fall, dass Twin Peaks damals keine Serien-Order bekommen hätte, wurde eine internationale Fassung des Pilotfilms produziert, welche etwa 20 Minuten länger dauert und ein alternatives Ende für den Mordfall präsentiert, so dass der Pilot auch als eigenständiger Film funktionierte. Diese Version wurde 1989 in Europa sowohl in den Kinos als auch auf Video veröffentlicht und ist Teil des Bonusmaterials der DVD- und BluRay-Komplettboxen. Lynch zeigte sich von dem alternativen Material so angetan, dass er manches davon in späteren Folgen von Season 1 wiederverwendete, etwa die erste Szene im berühmt-berüchtigten „Red Room“. Die erste Runde endete wiederum mit einem brutalen Cliffhanger an mehreren Fronten, so dass ich zeitnah zur erneuten Sichtung von Staffel 2 übergehen werde. 😉    

Die erste Staffel von Twin Peaks ist auf DVD erschienen sowie in der Komplettbox auch auf BluRay erhältlich. Zudem gibt es die komplette Serie aktuell noch bis Dezember 2026 kostenlos in der Arte-Mediathek sowie als Teil des Angebots von MUBI und Paramount+.

Fazit: Bereits in der eher kurzen 1. Staffel erweist sich Twin Peaks als eigenwillig-faszinierende Mischung aus Krimi, Mystery, Drama und Seifenoper mit herrlich eingestreutem Humor. Zurecht Kult.

Beerdigung von Laura Palmer
Cooper und Sheriff Truman treffen auf die Log Lady
Red Room



Marius Joa, 15. März 2026. Bilder: Paramount.

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