Bevor man überhaupt über diesen Film selbst spricht, muss man eigentlich über seine außergewöhnliche Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte reden. Denn dass Coyote vs. ACME überhaupt noch seinen Weg auf die Kinoleinwand gefunden hat, grenzt fast an ein kleines Wunder.
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Coyote vs. ACME
Animations-/Realfilmkomödie USA 2026. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. 98 Minuten. Kinostart: 17. September 2026.
Mit: Will Forte, John Cena, Lana Condor, P. J. Byrne, Tone Bell, Martha Kelly, Luis Guzmán u.v.a. Drehbuch: Samy Burch, Jeremy Slater und James Gunn. Regie: Dave Green.

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Ein Film, den wir beinahe nie gesehen hätten
Wile E. Coyote hat endgültig die Schnauze voll. Seit Jahren versucht er mit den aberwitzigsten Hilfsmitteln der ACME Corporation, den Road Runner zu fangen. Raketen, Katapulte, Sprengstoff und allerlei andere vermeintlich todsichere Erfindungen haben allerdings einen entscheidenden Nachteil: Sie funktionieren selten so, wie sie sollen – und am Ende ist fast immer der Kojote der Leidtragende.
Also versucht Wile E. etwas Neues: Statt dem Road Runner hinterherzujagen, zieht er vor Gericht. Gemeinsam mit dem glücklosen Anwalt Kevin Avery (Will Forte) verklagt er ACME. Doch der mächtige Konzern denkt gar nicht daran, klein beizugeben und schickt seinen ebenso selbstbewussten wie skrupellosen Anwalt Buddy Crane (John Cena) ins Rennen. Aus dem kuriosen Gerichtsverfahren entwickelt sich bald eine wesentlich größere Geschichte, in der Wile E. und Kevin entdecken, dass bei ACME einiges nicht mit rechten Dingen zugeht.

Der Kojote erklärt seinen Anwälten die Problematik …
Die Entwicklung des Films begann bereits 2018. Nach mehreren personellen Veränderungen übernahm Dave Green die Regie, während Samy Burch, Jeremy Slater und James Gunn schließlich das Drehbuch verantworteten. Gedreht wurde 2022 in New Mexico, die animierten Figuren wurden anschließend in die reale Umgebung integriert. Und eigentlich sollte der Film im Juli 2023 ins Kino kommen. Doch Warner Bros. Discovery entschied schließlich, ihn überhaupt nicht zu veröffentlichen und stattdessen steuerlich abzuschreiben. Das war umso erstaunlicher, weil Coyote vs. ACME praktisch fertiggestellt war. Die Entscheidung sorgte bei Fans und innerhalb der Filmbranche für erheblichen Widerstand. Daraufhin durfte der Film anderen Interessenten angeboten werden, doch zunächst kam kein Verkauf zustande. Erst 2025 änderte sich die Situation grundlegend: Ketchup Entertainment erwarb die weltweiten Rechte für rund 50 Millionen Dollar. Drei Jahre nach dem ursprünglich vorgesehenen Kinostart dürfen wir Wile E. Coyote nun tatsächlich auf der großen Leinwand erleben.
Und nach dem Kinobesuch kann ich nur sagen: Es wäre wirklich verdammt schade gewesen, wenn dieser Film für immer in irgendeinem Archiv verschwunden wäre.
Endlich wieder Wile E. Coyote und der Road Runner
Vielleicht bin nicht ganz unvoreingenommen. Mit Road Runner und dem Kojoten bin ich aufgewachsen. Ich dürfte nahezu alle klassischen Cartoons der beiden gesehen haben und kann mich auch heute noch wunderbar über dieses im Grunde immer gleiche Spiel amüsieren: Wile E. schmiedet einen vermeintlich genialen Plan, bestellt das notwendige Material bei ACME, baut eine vollkommen verrückte Apparatur – und am Ende bekommt natürlich nicht der Road Runner, sondern der Kojote selbst die volle Ladung ab.
Coyote vs. ACME versteht sehr gut, was den Reiz dieser alten Cartoons ausmacht. Schon früh bekommen wir eine herrlich überdrehte Jagd zwischen den beiden geboten, und sofort stellt sich dieses vertraute Gefühl wieder ein. Der Film versucht dabei gar nicht erst, die alte Cartoon-Logik irgendwie realistisch zu erklären. In dieser Welt können Ambosse vom Himmel fallen, Figuren Explosionen überstehen und die absurdesten Maschinen gebaut werden. Das gehört hier einfach dazu.
Gleichzeitig begnügt sich Regisseur Dave Green nicht damit, lediglich eine Reihe alter Gags neu aufzuwärmen. Die Idee, dass ausgerechnet Wile E. Coyote irgendwann genug von den permanent versagenden ACME-Produkten hat und deren Hersteller verklagt, ist eigentlich die logische Konsequenz aus Jahrzehnten voller missglückter Jagdversuche. Sehr schön funktioniert dabei die Verbindung zwischen realen Schauspielern und Zeichentrickfiguren. Unweigerlich musste ich dabei an Falsches Spiel mit Roger Rabbit denken. Robert Zemeckis Film mag ich bis heute sehr – wir haben ihm sogar schon eine Folge unseres Unter-Vieraugen-Podcasts gewidmet.
Insgesamt erreicht Coyote vs. ACME technisch und inszenatorisch nicht ganz die Klasse dieses Vorbilds. Aber beide Filme verbindet die schöne Grundidee, dass Menschen und Zeichentrickfiguren selbstverständlich dieselbe Welt bewohnen. Niemand wundert sich darüber, dass ein gezeichneter Kojote einen menschlichen Anwalt engagiert. Es ist eben völlig normal.
Will Forte funktioniert als Kevin Avery dabei hervorragend. Sein glückloser Anwalt ist gewissermaßen das menschliche Gegenstück zu Wile E.: Beide sind Underdogs, beide werden ständig vom Leben gebeutelt und beide lassen sich trotzdem nicht unterkriegen. Das macht sie zu einem sympathischen Gespann.
John Cena darf auf der anderen Seite herrlich dick auftragen. Sein Buddy Crane ist genau die Sorte aalglatter Konzernanwalt, die dieser Film braucht. Cena besitzt ohnehin ein gutes Gespür für Selbstironie und Komik, und hier darf er seine körperliche Präsenz einmal mehr bewusst überzeichnen.
Mit viel Liebe zu den alten Cartoons
Was mich aber besonders begeistert hat, sind die vielen kleinen Details. Man merkt immer wieder, dass hier Leute am Werk waren, die diese Figuren kennen und offensichtlich mögen. Ein wunderbares Beispiel ist Tweety. Bei einem Unfall bekommt der kleine Vogel ordentlich einen auf den Deckel. In einem gewöhnlichen Cartoon würden nun vermutlich die obligatorischen Sterne um seinen Kopf kreisen. Hier sind es stattdessen kleine Katzen – natürlich eine Anspielung auf Sylvester, der seit Jahrzehnten versucht, Tweety zu erwischen. Das ist nur ein winziger Gag, den man problemlos übersehen kann. Gerade deshalb gefällt er mir so gut. Niemand hätte ihn gebraucht, damit die Szene funktioniert. Die Macher haben ihn trotzdem eingebaut. Solche Momente zeigen für mich, wie viel Gedanken und Arbeit in dem Film stecken. Es geht eben nicht nur darum, möglichst viele bekannte Looney-Tunes-Figuren durchs Bild laufen zu lassen. Die Verantwortlichen kennen deren Geschichte, Eigenheiten und Beziehungen zueinander.
Neben Wile E., Road Runner und Tweety gibt es entsprechend noch einige weitere bekannte Gesichter zu entdecken. Bugs Bunny, Daffy Duck, Sylvester, Granny, Foghorn Leghorn, Elmer Fudd und weitere Figuren gehören zum großen Wiedersehen.
Überraschend ist zudem, dass der Film bei all seinem Irrsinn tatsächlich eine emotionale Seite besitzt. Besonders die Beziehung zwischen Wile E. Coyote und dem Road Runner bekommt mehr Tiefe, als ich erwartet hätte. Was sind die beiden eigentlich nach all diesen Jahren? Todfeinde? Freunde? Kollegen, die seit Jahrzehnten gemeinsam dasselbe Ritual aufführen? Der Film spielt sehr schön mit dieser Frage, ohne dabei den Mythos der beiden Figuren kaputtzuerklären.
Überhaupt steckt in der Geschichte mehr als nur Nostalgie. Der kleine Kojote, der gegen einen übermächtigen Konzern antritt, ist natürlich eine klassische David-gegen-Goliath-Geschichte. Durch die reale Entstehungsgeschichte des Films bekommt das Ganze im Nachhinein sogar eine zusätzliche, vermutlich ursprünglich gar nicht beabsichtigte Ebene.
Nicht alles sieht perfekt aus
Ganz ohne Schwächen kommt Coyote vs. ACME allerdings nicht davon. Vor allem bei der Optik merkt man Unterschiede. Einige der animierten Figuren sehen hervorragend aus, andere wirken in der Kombination aus 3D-Animation und klassischer Cartoon-Ästhetik deutlich weniger überzeugend. Gerade wenn mehrere Figuren gleichzeitig auftreten, fällt auf, dass hier nicht jede Einstellung dieselbe Sorgfalt und Qualität erreicht. Außerdem gibt es im Mittelteil ein paar kleinere Durchhänger, und tatsächlich sitzt auch nicht jeder Gag.
Coyote vs. ACME ist aber vor allem eines: eine Liebeserklärung an die Looney Tunes und ganz besonders an Wile E. Coyote und den Road Runner. Gleichzeitig verlässt sich der Film nicht ausschließlich auf Nostalgie. Die Gerichtsfilm-Idee ist herrlich verrückt, Will Forte und John Cena haben sichtbar Freude an ihren Rollen.
Dass ausgerechnet dieser Film beinahe für immer verschwunden wäre, macht seine letztendliche Kinoveröffentlichung umso schöner. 8 von 10 Punkten.
Johannes Michel. Bilder: Warner Bros.


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