Die Fremde in dir

Richter Alexander Hold würde durchdrehen: Da zieht eine Frau von Hass erfüllt durch die Stadt und übt sich in Selbstjustiz. Johannes Michel war im Kino und schreibt, warum Neil Jordans Film etwas zu sehr an der Oberfläche bleibt, den Zuschauer aber dennoch gut unterhält.

Die Fremde in dir (The Brave One)
Thriller, USA 2007. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 122 Minuten.
Mit: Jodie Foster, Terrence Howard, Nicky Katt, Naveen Andrews, Mary Steenburgen, Jane Adams, Ene Oloja, Luis Da Silva jr. u.a. Regie: Neil Jordan.

Vom braven Bürger zum Rächer

Jodie Foster, die Thriller-Spezialistin. Nach Panic Room und Flightplan sehen wir sie erneut in einem Thriller, dessen Trailer packende Unterhaltung verspricht. Kann Regisseur Neil Jordan (Wir sind keine Engel) die Erwartungen erfüllen?

Erica Bain (Jodie Foster) wird während eines Spaziergangs mit ihrem Verlobten David Kirmani (Naveen Andrews) Opfer eines brutalen Überfalls. Den jugendlichen Tätern geht es aber ums Geld, sie wollen Gewalt mit ihren Handys filmen. Während Erica schwer verletzt überlebt und wochenlang im Koma liegt, stirbt David an seinen schweren Verletzungen. Erica, bisher eine erfolgreiche Radiomoderatorin, verliert daraufhin jeglichen Lebenswillen und traut sich kaum noch auf die Straßen von New York. Ihre Angst will sie bändigen, indem sie sich illegal eine Waffe kauft. Bald darauf wird sie Zeugin eines Mordes in einem Supermarkt. Als der Täter sie bemerkt, erschießt Erica ihn in einer Notwehrsituation. Er wird nicht das einzige Opfer von Erica bleiben, die in der Folge als eine Art Rächerin durch die Stadt zieht und sich zum Ziel setzt, die Mörder ihres Verlobten zu stellen. Polizist Mercer aber, der die Fälle untersucht, beginnt Verdacht zu schöpfen, wer der Selbstjustizmörder sein könnte.

Werden Opfer eines brutalen Angriffs: Erica und David.

Selbstjustizfilme haben Tradition. Am bekanntesten sind wohl Dirty Harry mit Clint Eastwood oder Ein Mann sieht rot mit Charles Bronson. Neil Jordans Die Fremde in dir setzt hier auf einer ganz anderen Ebene an: Erica ist keine typische Täterin, keine Actionheldin. Bis zu dem Zeitpunkt, als ihr die größtmögliche Ungerechtigkeit begegnet und die Polizei zuerst einmal nichts dagegen unternehmen kann. Der sehr menschlich agierende Detective Mercer gibt dieser Hilflosigkeit ein sympathisches Gesicht.

Der erste Mord im Supermarkt geschieht zufällig. Erica hat keine andere Möglichkeit, als den Abzug zu drücken, will sie nicht selbst niedergeschossen werden. Spätere Morde allerdings müssten nicht geschehen, es würden Drohungen ausreichen. Erica erkennt dies auch und zweifelt einen Moment an sich selbst – um beim nächsten Mal allerdings erneut falsch zu handeln. Klar, jedes Opfer von Erica hat in einem bestimmten Maße Strafe verdient, sie aber schert alle über einen Kamm und mordet weiter.

Neben der Schwäche, dass Erica trotz der geschilderten Tatsache als eine Sympathiefigur dargestellt wird, offenbart sich noch eine zweite: Es ist extrem unwahrscheinlich, dass Erica über Jahre ein ruhiges Leben führt und dann innerhalb weniger Tage in die prekärsten Situationen hinein schlittert. Selbst das Argument: „Wenn es einmal dick kommt, dann aber richtig“, greift hier zu kurz. So geraten Schlüsselereignisse im Film zu einer reinen Aneinanderreihung, ganz nach dem Motto: Umso mehr, desto besser. Nur tut das der Story nicht wirklich gut.

Detective Mercer ist für Erica die entscheidende Figur: In ihm findet sie einen Verbündeten, den sie sogar nachts anrufen kann, wenn es ihr einmal schlecht geht. Nur nutzt sie dieses Bündnis nicht, um von ihrem Wahn wegzukommen. Mercer schließlich stellt sich zum Ende des Films ebenfalls auf ihre Seite – und unterstützt das Töten noch. Ob Die Fremde in dir damit positive Signale auf die Gesellschaft aussendet, bleibt zweifelhaft. Einen ordentlichen Punktabzug gibt es daher für den Schluss.

Nach Ende des Films bleibt somit ein zwiespältiger Eindruck. Erstklassige Schauspieler gleiten durch eine solide Story, die sich allerdings nah an den Grenzen des guten Geschmacks entlang hangelt. Die positive Wendung am Schluss bleibt aus – und das macht Die Fremde in dir zu einem typischen Rache-Film und bringt ihn den zu Beginn der Kritik genannten Filmen doch wieder um einiges näher als zunächst gedacht.

Fazit: Gut gespielter Rache-Film, der allerdings um einiges zu oberflächlich bleibt und durch seinen übertriebenen Schluss Punkte verliert. 6 von 10 Punkten.


Verstehen sich gut: Erica und Detective Mercer.

Erica erkennt sich kaum noch selbst.

Wird er das nächste Opfer?
Johannes Michel, 30. September 2007. Bilder: Warner.


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