Past Lives (2023)

Als 12jährige wanderte Nora mit ihrer Familie von Korea nach Kanada aus. Jahrzehnte später trifft sie Hae-Sung, ihren besten Freund von damals, wieder, in Celine Songs autobiographischem Film Past Lives, der seit seiner Premiere weltweit gefeiert wird.

Past Lives – In einem anderen Leben (Past Lives)
Drama USA 2023. FSK: ohne Altersbeschränkung. 106 Minuten. Kinostart: 17. August 2023.
Mit: Greta Lee, Teo Yoo, John Magaro, Seung Ah Moon, Seung Min Yim u.a. Drehbuch und Regie: Celine Song.



Wiedersehen mit der Vergangenheit

Na Young (Seung Ah Moon) ist zwölf Jahre alt und verbringt ihre Freizeit am liebsten mit dem gleichaltrigen Hae-Sung (Seung Min Yim). In der Schule motivieren sich die beiden Kinder immer wieder zu Höchstleistungen. Doch Na Young wandert mit ihren Eltern und ihrer Schwester wenig später nach Kanada aus. Zwölf Jahre später gelingt es Hae-Sung seine alte Freundin über soziale Netzwerke wieder aufzuspüren. Na Young (Greta Lee), die mittlerweile den Vornamen Nora trägt, schlägt sich als Dramatikerin in New York durch während Hae-Sung (Teo Yoo) in der Heimat Maschinenbau studiert. Trotz großer Zeitverschiebung gelingt es Nora und Hae-Sung regelmäßig zu skypen. Als Nora allerdings ein Writers-in-Residence-Stipendium in Montauk antritt bricht der Kontakt erneut für weitere zwölf Jahre ab. Nora lernt in der Zwischenzeit den Schriftsteller Arthur (John Magaro) kennen und lieben, den sie heiratet. Schließlich treffen sich die beiden Freunde das erste Mal seit ihrer Kindheit wieder, als Hae-Sung ein paar Tage Urlaub in New York verbringt…

Der bewegendste Film des Jahres“ (filmstarts.de), „Undoubtedly the best film of the year so far“ (The Times), „One of the great modern romances“ (New Yorker). Die Liste an Lobeshymnen und guten Kritiken für Past Lives ist lang, die Durchschnittswertung bei den größten Review-Onlineportalen (97 % bei Rotten Tomatoes; 94 von 10 bei Metacritic) hervorragend. Das Filmdebüt der südkoreanisch-kanadischen Dramatikerin Celine Song (geboren 1989) wird seit der Premiere beim Sundance Film Festival im Januar 2023 und der Aufführung auf der Berlinale 2023 gefeiert. Selbst im Arthouse-Kino, wo hinter den meisten Filmen ein gewisser substanzieller künstlerischer Anspruch steht, bin ich bei solch gehypten Werken nicht selten skeptisch. Persönlich würde ich das ungerechterweise völlig untergegangene deutsche Mystery-Drama Aus meiner Haut von Alex Schaad zum bewegendsten Film des Kinojahres küren. Doch Past Lives erweist sich als besonderes Werk über das Wiedersehen mit der Vergangenheit.

Wiedersehen nach 24 Jahren

Die Geschichte der Kindheitsfreunde, welche sich nach knapp einem Vierteljahrhundert erstmals wiedertreffen basiert auf dem Leben der Regisseurin. Celine Song wanderte als Kind mit ihrer Familie von Südkorea nach Kanada aus und begann später als Dramatikerin, Theaterregisseurin und Drehbuchautorin (etwa für Staffel 1 der Fantasyroman-Adaption Das Rad der Zeit) zu arbeiten. Sie heiratete einen US-Amerikaner, zog nach New York und traf viele Jahre später ihren besten Freund aus Kindertagen wieder. Die Figur Na Young/Nora und deren Leben basieren also auf Songs eigenen Erfahrungen. Das dürfte der Grund sein, warum sich der Film so authentisch anfühlt.

Past Lives begleitet seine beiden Protagonisten über drei Zeitebenen und drei unterschiedliche Lebensabschnitte., wobei Noras Situation im letzten der drei Teile ausführlicher gezeigt wird als die von Hae-sung. Während Nora mit Arthur verheiratet ist, hat auch ihr alter Freund eine feste Beziehung, die zwar in Gesprächen thematisiert wird, doch zu sehen bekommen wir die Partnerin nicht. Es wird angedeutet, dass Na Young und Hae-sung schon als Kinder ineinander verliebt waren oder zumindest eine*r von beiden entsprechende Gefühle hegte.

Eine der großen Stärken ist die völlig unaufgeregte Inszenierung Songs. Die Szenen werden immer wieder von leisen Großstadtpanorama-Aufnahmen begleitet. Auffallend sind die langen, ruhigen Takes. Wenn zwei Figuren gemeinsam Spazieren gehen und sich über alles Mögliche unterhalten so erinnert das an Richard Linklaters Before-Trilogie (Before Sunrise [1995], Before Sunset [2004], Before Midnight [2013]), wo sich zwei Menschen erst kennen lernen und den Tag gemeinsam verbringen, neun Jahre später wiedersehen und weitere neun Jahre danach zusammenleben.      

Die Konstellation klingt nach einer klassischen Dreiecksgeschichte. Eine Frau muss sich zwischen zwei Männern entscheiden: ihrem Ehemann, mit welchem sie seit Jahren glücklich ist, und ihrer „Jugendliebe“, die nach Jahr(zehnt)en wieder in ihr Leben tritt. Andere Filmemacher*innen hätten die Geschichte vermutlich auch so erzählt, nicht so Celine Song. Es gibt hier keine dramatischen Entwicklungen oder große Gefühlsausbrüche, keine Streitigkeiten oder Kämpfe der Rivalen. Im Grunde erfüllt Past Lives nicht einmal die Kriterien für einen Liebesfilm, sondern handelt vielmehr von zwei Menschen, die erstmals seit ihrer Kindheit wirklich wieder von Angesicht zu Angesicht voreinander stehen und was diese Begegnung mit ihnen macht. Bekannte Klischees aus Romanzen finden hier nicht statt oder werden in Person von Noras Ehemann Arthur konterkariert.        

In Greta Lee (Matrjoschka) als Nora, Teo Yoo (Leto, Frau im Nebel) als Hae-sung und John Magaro (The Umbrella Academy) als Arthur hat Song die drei perfekten Darsteller gefunden, deren Schauspiel keine großen Gesten oder exzessive Ausbrüche benötigen. Vor allem weil seine Figur seine Emotionen am stärksten für sich behält, ist Yoos Performance umso höher einzuschätzen. Es wird hier viel geredet, vor allem auf Koreanisch, doch bleiben viele Dinge ungesagt oder werden nur angedeutet. Abgerundet wird Celine Songs Debüt als Filmemacherin durch den passend minimalistisch-stimmungsvollen Score von Christopher Bear und Daniel Rossen (beide Teil der Band Grizzly Bear). 

Fazit: Wundervoll unaufgeregter Film über das Wiedersehen zweier Kindheitsfreunde. 8 von 10 Punkten.  


Na Young und Hae-Sung müssen Abschied nehmen
Nora lernt Arthur kennen
Zu dritt in New York



Marius Joa, 26. August 2023. Bilder: Studiocanal.


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