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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 28. November 2021

Trotz einer durchgehend hochwertigen Inszenierung und eines illustren Casts konnte “American Gods”, die Serien-Adaption des gleichnamigen Romans von Neil Gaiman, in der zweiten Staffel nicht an die herausragende erste anknüpfen. Anfang des Jahres erschien Season drei, in welcher Protagonist Shadow Moon im beschaulichen Lakeside landet.

 

Shiva Baby (2020)

Von Marius Joa. Publiziert am 7. November 2021

Danielle, eine bisexuelle und eher erfolglose Studentin, geht mit ihren Eltern auf eine jüdische Shiva-Feier. Zu allem Überfluss trifft sie dort nicht nur ihre Ex-Freundin, sondern auch ihren Sugar-Daddy. Filmemacherin Emma Seligman adaptierte mit Shiva Baby ihren eigenen Abschluss-Kurzfilm.


Shiva Baby
Komödie USA, Kanada 2020. 78 Minuten.
Mit: Rachel Sennott, Danny Deferrari, Molly Gordon, Polly Draper, Fred Melamed, Diana Agron, Glynis Bell, Rita Gardner, Jackie Hoffman, Cilda Shaur u.v.a. Drehbuch und Regie: Emma Seligman.

 



Neulich beim Leichenschmaus

In ihrem Studium geht es für Danielle (Rachel Sennott) nicht so wirklich voran. Allerdings hat die junge Frau die Möglichkeit durch Sugardating an Geld zu kommen entdeckt. Kurz nach einem Treffen mit ihrem Sugar-Daddy Max (Danny Deferrari) geht Danielle mit ihren Eltern Debbie (Polly Draper) und Joel (Fred Melamed) auf eine Shiva, die Begräbnisfeier einer entfernten Verwandten. Doch sieht sich Danielle nicht nur ständigen Fragen bzw. Bemerkungen über ihren möglichen Gewichtsverlust und beruflichen Erfolg ausgesetzt, sondern trifft zu allem Überfluss sowohl ihre ungleich erfolgreichere Ex-Freundin Maya (Molly Gordon) und zudem auf Max. Wie sich herausstellt ist Max verheiratet und das Eintreffen seiner Ehefrau Kim (Diana Agron), einer Top-Unternehmerin, mit dem gemeinsamen Kind, gestalten die Situation für Danielle noch unerträglicher…

  Sugar-Daddy Max

Im Judentum findet nach dem Tod eines Familienmitglieds traditionell sieben Tage lang eine Begräbnisfeier statt, die sogenannte Shiva. Die kanadische Filmemacherin Emma Seligman stellt eine solche Feier in den Mittelpunkt ihres ersten abendfüllenden Spielfilms Shiva Baby. Seligman stammt aus einer sehr abgeschotteten jüdischen Gemeinde in Toronto. 2017 machte sie ihren Abschluss an der Tisch School of the Arts in New York mit dem Kurzfilm Shiva Baby, in welchem eine junge Studentin ihrem Sugar-Daddy auf einem jüdischen Leichenschmaus begegnet. Ein paar Jahre und viele Mühen, vor allem bei der Sicherung der Finanzierung des kleinen Budgets von 200 000 US-Dollar, später feierte die Spielfilmversion ihre (digitale) Premiere im April 2020. Gedreht wurde an 16 Tagen in einem Airbnb in Brooklyn. Mit Ausnahme der ersten Szene spielt der komplette Film auf der Shiva-Feier. Seligmann und ihr Team verstehen es gekonnt, in nur 78 Minuten die “explosive” Situation der Protagonistin darzustellen und für die Zuschauer erfahrbar zu machen.

Die Handlung spielt sich iinnerhalb eines Tages ab. Für die Wochenvariante hätte man wohl eine Miniserie machen müssen, doch das erscheint hier völlig irrelevant. Allein die paar Stunden im Kreise der entfernten Verwandten und Bekannten zerren an den Nerven Danielles und mehrmals steht sie kurz vor dem Zusammenbruch. Die angespannte Stimmung kanalisiert sich in mehreren Missgeschicken, welche der Hauptfigur passieren. Sugar-Daddy Max entpuppt sich nicht nur als verheirateter Familienvater sowie früherer Arbeitskollege ihres Vaters und Ex Molly scheint allmählich zu kapieren, was hinter Danielles merkwürdigem Verhalten steckt. Seligman thematisiert in ihrem Erstling die unüberwindbare Lücke zwischen den Anforderungen der Familie/Gemeinde an junge Frauen (Studieren und einen guten Job finden sowie natürlich einen tollen Mann finden, um mit diesem dann Kinder zu haben) und der weniger “traditionellen” Realität am Beispiel von Danielle, die bisexuell ist, Sugardating für sich entdeckt hat und damit klarkommt, allerdings in ihrem Studium an einem schwierigen oder toten Punkt angelangt scheint.

Trotz des Settings auf einer jüdischen Feier funktioniert die Geschichte so universal, dass man sie auch in einem anderen kulturellen Setting erzählen könnte. Und ehrlich die Situation mit anstrengenden entfernten Verwandten und/oder alten Bekanntschaften der Familie, die einen anstupsen, anpieksen, in die Wange kneifen und auf den Beziehungsstatus bzw. Eine mögliche Gewichtsab- oder -zunahme ansprechen kennt man sicherlich aus eigener Erfahrung. Shiva Baby spitzt diese Elemente mit einer fast chirurgisch präzisen Inszenierung zu. Die Kamera von Maria Rusche richtet sich meist direkt auf Danielle, um sie herum die labernden Verwandten und Gäste. Komponistin und Multiinstrumentalistin Ariel Marx liefert passend dazu einen Score mit dissonanten und gezupften Streichern, welcher die heikle Stimmung noch verstärkt. Das nuancierte Spiel von Hauptdarstellerin Rachel Sennott lässt das Publikum nachfühlen, dass sich Danielle hier einem absoluten Alptraum wähnt. Und dennoch funktioniert der Film als Komödie. Weil sich die Beteiligten, vor allem Danielles Eltern, mit ihrem Getue (vor allem den unwahren “Märchen” über Danielles Studium) immer wieder lächerlich machen und das Timing hier konsequent stimmt. Und weil Seligman trotz des geringen Budgets hier ein überaus treffendes Ensemble an tollen Schauspielern in tragenden Rollen und Akteuren im Hintergrund versammelt hat. Nicht das erste Mal, dass eine anstrengende Familienfeier sich als anspruchsvoller Comedy-Stoff entpuppt.

Shiva Baby ist seit dem 11. Juni 2021 als Stream bei MUBI, Amazon und Apple TV verfügbar. Im Anschluss an den Hauptfilm gibt es bei MUBI außerdem ein gut 15minütiges Interview mit Regisseurin Emma Seligman.

Fazit: Jüdisches Familientreffen als klaustrophobische (“Horror”-)Komödie? Das und mehr liefert Emma Seligman mit ihrem Spielfilmdebüt Shiva Baby, auch dank einer starken Rachel Sennott in der Hauptrolle. 8 von 10 Punkten.


Danielle ist genervt

Danielle und ihre Eltern

Max und seine Ehefrau Kim

 


Marius Joa, 7. November 2021. Bilder: MUBI.

 

 

 

 

 

 

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