Vaterland (2026)

1949 reist der im Exil lebende weltbekannte Schriftsteller Thomas Mann mit seiner Tochter Erika durchs von den Besatzungsmächten geteilte Deutschland, um zwei Ehrungen entgegenzunehmen, in Paweł Pawlikowskis dieses Jahr in Cannes ausgezeichnetem Drama Vaterland.  

Vaterland (Fatherland)
Drama Polen, Deutschland, Frankreich, Italien 2026. FSK: ohne Altersbeschränkung. 82 Minuten. Kinostart: 3. September 2026.
Mit: Sandra Hüller, Hanns Zischler, August Diehl, Devid Striesow, Anna Madeley u.a. Drehbuch: Paweł Pawlikowski und Hendrik Handloegten. Regie: Paweł Pawlikowski.



Geteiltes Land, geteilte Familie

Sommer 1949. Gut fünfzehn Jahre nach der Emigration reist der berühmte Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann (Hanns Zischler) gemeinsam mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller), ebenfalls Schriftstellerin, nach Deutschland, um den Goethe-Preis zu erhalten. Als erstes in Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main in der westlichen Besatzungszone und später noch in Weimar in der sowjetischen Besatzungszone. Mitten auf der Reise erhalten die Manns die Nachricht, dass Erikas Bruder Klaus (August Diehl) sich das Leben genommen hat…

Während sich am 6. September 2026 eine erschreckend hohe Anzahl von Menschen (fast 44 % bei einer Wahlbeteiligung von knapp 78 %) in einem Bundesland mit der Wahl einer rechtsextremen Partei entschieden hat, die Weichen in Richtung einer neuen NS-Diktatur zu stellen, habe ich mir im Kino einen Film angesehen, der sich quasi mit den Nachwirkungen der vorherigen NS-Diktatur auseinandersetzt. Der bei den Filmfestspielen von Cannes 2026 mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnete Vaterland begleitet Thomas Mann, den unter anderem für die Werke Buddenbrooks (1901) und Der Zauberberg (1924) gefeierten und 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten deutschen Schriftsteller, und dessen älteste Tochter Erika, Schriftstellerin, Schauspielerin, Kabarettistin, Drehbuchautorin und Kriegskorrespondentin, auf einer Reise durch das vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges geteilte Deutschland. Ihre alte Heimat, bevor die Familie Mann 1933 erst in die Schweiz und später in die USA emigrierte.

Regisseur Paweł Pawlikowski aus Polen, dessen Film Ida (2013) 2015 den Oscar als bester internationaler Film gewann, und der das Drehbuch zu Vaterland  gemeinsam mit Henk Handloegten (Babylon Berlin) schrieb, nimmt sich hier einige kreative Freiheiten. In der Realität wurde Thomas Mann bei seiner Reise von Ehefrau Katia und nicht Tochter Erika begleitet. Und der Suizid von Klaus Mann erfolgte einige Wochen früher als im Film dargestellt. Diese Änderungen fallen allerdings nicht negativ ins Gewicht.

Mit nur 82 Minuten Laufzeit gestaltet sich Pawlowskis achter Spielfilm sehr kurz und überschwemmt die Zuschauer*innen auch nicht direkt mit viel Hintergrundinformation, was die Sichtung vielleicht etwas erschwert, aber zum insgesamt reduzierten Ansatz passt. Dieser äußert sich vor allem in den meist recht statischen aber stilvollen Schwarzweiß-Bildern von Kameramann Łukasz Żal (The Zone of Interest, Hamnet) im fast quadratischen Academy-Format.           

Vaterland zeigt ein Deutschland, das auch vier Jahre nach Kriegsende noch schwer gezeichnet wirkt und sich im Neuaufbau befindet. Vor allem aber ein geteiltes Land, aus der Perspektive der beiden historischen Hauptfiguren. Während sich Thomas Mann in der Besatzungszone der Westalliierten mit kritischen Fragen zu seiner Emigration und anderen Themen konfrontiert sieht sind so werden er und Tochter Erika in der Sowjetzone wesentlich unkritischer empfangen.

Doch nicht nur durch ihre alte Heimat, sondern auch die eigene Familie ist in gewisser Hinsicht geteilt. Die Beziehung von Thomas Mann und seinem Sohn Klaus war von Differenzen geprägt. Und auch wenn Erika Mann hier ihrem Vater als Assistentin, Sekretärin, Übersetzerin und Chauffeurin zur Seite steht so ist ihr Verhältnis nicht immer harmonisch. Diese eher angedeuteten komplexen Beziehungen wirken besonders durch das starke Schauspiel der beiden Hauptdarsteller. Sandra Hüller (dieses Jahr neben Vaterland mit Rose, Der Astronaut – Projekt Hail Mary und Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war in insgesamt vier Filmen im Kino zu sehen) spielt Erika Mann als energische Frau mit emotionalen Momenten. Und Hanns Zischer (München, Die Theorie von Allem) scheint als Thomas Mann die meiste Zeit über wie ein menschliches Denkmal, wobei diese Fassade in wenigen kleinen Momenten bröckelt.  

Fazit: Nüchternes Drama über eine Reise von Vater und Tochter Mann durch das geteilte Deutschland, in erlesenen Schwarzweiß-Bildern.

Klaus Mann
Johannes R. Becher und Thomas Mann
Erika Mann an der Bar



Marius Joa, 16. September 2026. Bilder: Neue Visionen.


Veröffentlicht

in

von

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner