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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 20. Juni 2021

Seit einigen Wochen sind die Kinos hierzulande teilweise wieder geöffnet. Die Gelegenheit zu einem Besuch des hiesigen Programmkinos nutzte ich am vergangenen Wochenende und sah den diesjährigen Oscar-Gewinner “Nomadland” von Regisseurin Chloé Zhao.

 

Khraniteli

Von Marius Joa. Publiziert am 17. April 2021

Was die endlosen Weiten des World Wide Web nicht alles zu Tage fördern. Die Menschen haben tief gegraben und etwas erweckt, was lange Zeit vergessen schien: eine sowjetische Fernsehadaption von Tolkiens Fantasyepos Der Herr der Ringe aus dem Jahre 1991! Diese gibt es kostenlos auf Youtube zu sehen.

Khraniteli (Хранители)
2tlg. TV-Fantasyfilm UdSSR 1991. Gesamtlänge: 115 Minuten.
Mit: Valeriy Dyachenko, Viktor Kostetskiy, Vladimir Matveev, Vadim Nikitin, Sergey Shelgunov, Andrey Tenetko, Georgy Shtil, Andrei Romanov u.v.a. Nach dem Roman
Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien. Drehbuch und Regie: Natalya Serebryakova.

 


Das Ringepos auf Russisch

Auf dem Kontinent Mittelerde schmiedeten die großen Völker (Elben, Zwerge und Menschen) mächtige Ringe. Doch der dunkle Herrscher Sauron schuf einen Meisterring, der die anderen Ringe beherrschen und ganz Mittelerde in ewige Finsternis versetzen soll. Doch auf unergründlichen Wegen fand dieser Ring seinen Weg zu Bilbo Beutlin (Georgy Shtil), einem Hobbit aus dem beschaulichen und idyllischen Auenland. Einige Jahrzehnte später verlässt Bilbo nach der Feier seines 111. Geburtstags das Auenland und hinterlässt seinem jungen Neffen Frodo (Valery Dyachenko) seine ganzen Besitztümer inklusive des Ringes. Der Zauberer Gandalf (Viktor Kostetskiy) erkennt in dem Schmuckstück des Meisterring Saurons und berichtet Frodo von der drohenden Gefahr durch die Schwarzen Reiter, die dem Ring auf der Spur sind. Gemeinsamen mit seinen treuen Freunden Sam Gamdgee (Vladimir Matveev), Meriadoc Brandybock (Sergey Shelgunov) und Peregrin Tuk (Vladim Nikitin) macht sich Frodo auf eine gefährliche Reise…

Lange bevor Peter Jackson mit seiner dreiteiligen Verfilmung von J.R.R. Tolkiens epischem Fantasyroman Der Herr der Ringe (OT: The Lord of the Rings, 1954/55) Kinogeschichte schrieb versuchten sich andere an einer Adaption des Stoffes und/oder der Vorgeschichte zur Ringsaga, Der Hobbit (The Hobbit, 1937). Am bekanntesten dürfte der 1978 veröffentlichte Animationsfilm von Ralph Bakshi sein, der leider mitten in der Handlung des zweiten Bandes abbricht, aber mit seiner teils stimmungsvollen Szenerie Peter Jackson maßgeblich beeinflusste. Fürs amerikanische Fernsehen produzierten Arthur Rankin und Jules Bass (Das letzte Einhorn) die beiden unfreiwillig albernen, psychedelischen Trickfilme The Hobbit (1977) und, als “Ersatzfortsetzung” für die in Baskhis Adaption nicht vollendete Handlung, Return of the King (1980). Doch bereits vorher gab es erste Versuche, die beliebten Geschichten aus Mittelerde auf Film zu bannen. Der schwedische Musiker Bo Hansson hatte 1970 ein Progressive-Rock-Album mit dem Titel Music Inspired by Lord of the Rings veröffentlicht. Darauhin produzierte er eine kurze Fernsehadaption unter Verwendung seiner Musik: Sagan om ringen (1971). 1985 erschien eine Verfilmung des “Hobbits” als Fernsehspiel in der Sowjetunion. Sechs Jahre später sollte die Ringtrilogie ihren Weg auf russische TV-Geräte finden. Zumindest teilweise.

Das in zwei Teilen aufgezogene Fernsehspiel Khraniteli (zu deutsch etwa Bewahrer oder Beschützer) der nicht mehr existierenden Senderanstalt Leningrad TV vollführt das Kunststück die Handlung von Die Gefährten, dem ersten Band von Tolkiens Roman, in knapp zwei Stunden irgendwie unterzubringen. Mittelerde-Puristen wird es freuen zu hören, dass der von vielen in anderen Verfilmungen vermisste Tom Bombadil (samt holder Gattin Goldbeere) es in diese Version geschafft hat, gleichsam wie der böse alte Weidenmann und die Grabunholde. Verzichten muss aber dafür auf einige andere Elemente aus der Vorlage. Vor allem fehlte es der von Natalya Serebryakova geschriebenen und inszenierten TV-Adaption an Geld und technischen Mitteln, die epische Geschichte adäquat umsetzen zu können. Für große Sets und epische Schlachten war kein Platz und CGI gab es damals noch nicht. Stattdessen wurde fast ausschließlich in Theaterkulissen gedreht. Die wenigen, sehr statischen Außenaufnahmen wirken wie Amateurvideos von russischen Monty Python-Fans, die Sketche ihrer Idole im Schnee nachspielen.

Ansonsten wirkt der Zweiteiler wie ein abgefilmtes Theaterstück für Kinder im Stile eines osteuropäischen Märchenfilms. Dafür sprechen auch die teilweise überzeichneten Performances der Schauspieler sowie Perücken (die Hobbits haben ziemlich auffallende Koteletten) und Kostüme. Andrey Tenetko, der Darsteller Aragorns, sieht aus als ob er sonst den Prinzen in CSSR-Märchen spielt. Legolas wird hier von einer Frau (Olga Serebryakova, Tochter der Regisseurin) gespielt, hat aber ohne jeglichen Text nur eine bessere Statistenrolle. Bilbos gierige Verwandte Lobelia Sackheim-Beutlin steht zu Beginn der Geschichte ein wenig im Vordergrund. Die Figur der Arwen fehlt dagegen völlig.

Man kann die holprige Umsetzung als Trash belächeln (allein die kruden Blue- oder Green-Screen-Effekte mit verschwommenen Bildern bieten hierfür genügend Anlass), oder einfach mit interessiert-neutralem Blick diese im Vergleich zu den westlichen Verfilmungen so andersartige Adaption verfolgen. Ich persönlich hatte während der knapp zwei Stunden Laufzeit durchaus meinen Spaß, vor allem als die Gefährten in Lothlorien auf Rauschgoldengel-Hippie-Elfen treffen.

Diese ungewöhnliche Adaption von Herr der Ringe ist im russischen Original mit zuschaltbaren englischen Untertiteln kostenlos auf Youtube (Teil 1 und Teil 2) zu sehen.

Fazit: Kuriose, mit durchwachsenen produktionstechnischen Mitteln erschaffene, russische TV-Adaption von Der Herr der Ringe irgendwo zwischen abgefilmtem Theater für Kinder und heimeliger Märchenfilm-Atmosphäre. 4 von 10 Punkten.

 



Bilbo Beutlin feiert Geburtstag

Die Hobbits gönnen sich eine Pause

Bei Tom Bombadil und Goldbeere


Gefährten in Gefahr


Marius Joa, 17. April 2021. Bilder: Leningrad TV/5 TV.

 

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Rubrik TV

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