Nach seinem kuriosen, über die Jahre zum Kultfilm avancierten Regiedebüt Eraserhead nahm sich Regisseur David Lynch für seinen zweiten Spielfilm ebenfalls einer missgestalteten Kreatur an. An der Seite von Produzent Mel Brooks verfilmte er das Leben von Joseph „John“ Merrick (1862-1890), der wegen seines grotesken Aussehens als „der Elefantenmensch“ in die Geschichte eingegangen war
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Der Elefantenmensch (The Elephant Man)
Historiendrama UK, USA 1980. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 119 Minuten (PAL-DVD). Kinostart: 13. Februar 1981.
Mit: Anthony Hopkins, John Hurt, Anne Bancroft, Lesley Dunlop, Michael Elphick, Dexter Fletcher, John Gielgud, Hannah Gordon, Wendy Hiller, Freddie Jones u.a. Nach The Elephant Man and Other Reminiscences von Frederick Teves und The Elephant Man: A Study in Human Dignity von Ashley Montagu. Drehbuch: Christopher De Vore, Eric Bergren, David Lynch. Regie: David Lynch.

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Men and Monsters
London, um 1880. Unter den Kuriositäten einer Freakshow entdeckt der Chirurg Frederick Treves (Anthony Hopkins) den aufgrund von massiven Geschwüren deformierten John Merrick (John Hurt). Merrick wird von seinem „Besitzer“ Bytes (Freddie Jones) misshandelt und zahlenden Zuschauermassen vorgeführt. Den angeschlagenen Gesundheitszustand des „Elefantenmenschen“ nimmt Treves zum Anlass, diesen ins Londoner Krankenhaus aufzunehmen. Bald stellt der Arzt fest, dass sein Patient keineswegs geistig zurückgeblieben ist und sprechen kann. Entgegen dem anfänglichen Widerstand von Direktor Carr Gomm (John Gielgud) und Oberschwester Mrs. Motherhead (Wendy Hiller) erhält Merrick eine permanente Bleibe im Krankenhaus. Mit der Zeit wird der entstellte Mann von Treeves in die Gesellschaft eingeführt…
Nachdem er das Skript von Christopher De Vore und Eric Bergren über den „Elefantenmensch“ gelesen hatte wandte sich Produzent Jonathan Sanger an Mel Brooks, für den er bei dessen Hitchcock-Parodie Höhenkoller (1977) als Regie-Assistent gearbeitet hatte. Brooks willigte ein, den Film zu produzieren (ohne in den Credits aufzutauchen) und sein Assistent Stuart Cornfeld empfahl für die Regie David Lynch, der damals erst einen abendfüllenden Spielfilm inszeniert hatte, nämlich das albtraumhaft-surreale Debüt Eraserhead (1977). Zu Lynchs Überraschung war Brooks nach der Sichtung seines Erstlings begeistert und engagierte ihn.

Die Dreharbeiten fanden von Oktober 1979 bis März 1980 überwiegend in London statt. Regisseur Lynch überarbeitete nicht nur das auf Büchern des historischen Sir Frederick Treves und Ashley Montagu basierende Drehbuch, sondern zeichnete auch für Musikregie und Sounddesign verantwortlich. Die Maske überließ er nach vergeblichen Versuchen Christopher Tucker. Für Titeldarsteller John Hurt (Alien) bedeutete die Transformation in John Merrick acht Stunden in der Maske. Hurt begann seine Drehtage um fünf Uhr am Morgen und stand dann von Mittag bis 22:00 Uhr vor der Kamera. Wegen des langwierigen Make-Up-Prozesses konnte er nur jeden zweiten Tag drehen.
Während die Handlung sich im viktorianischen England um 1880 abspielt, so erweckt Der Elefantenmensch vor allem aufgrund der stimmungsvollen Schwarzweiß-Bilder und abgesehen von einigen moderneren Kameraeinstellungen als wäre er in den 1930er oder 1940er Jahren produziert worden. Ein paar surreale Szenen zu Beginn und am Ende erinnern durchaus an Eraserhead. Ansonsten hielt sich Lynch mit seiner Handschrift eher zurück. Der Fokus liegt dafür auf der dramaturgisch etwas zugespitzten und rührenden Geschichte des John Merrick, dessen historisches Vorbild mit Vornamen Joseph hieß.
Wenn der nur äußerlich „monströse“ Merrick vom sadistischen Schausteller Bytes oder anderen Personen, wie dem schmierigen Nachtwächter Jim verspottet und/oder misshandelt wird dann spiegelt sich die Rollenverteilung bezüglich Monster und Mensch. Durchgehend fühlt man als Zuschauer*in mit dem tragischen Titelhelden und seinem treuen Wohltäter Treves. Der Einsatz bzw. Sympathie des Chirurgen und anderer Leute, wie die von Mel Brooks’ Ehefrau Anne Bancroft verkörperte Schauspielerin Mrs. Kendall, ermöglichen John Merrick ein wesentlich besseres Leben als seine von Ausgrenzung und Misshandlung geprägte Zeit im Jahrmarkt-Kuriositätenkabinett.
Brooks und Lynch konnten hier ein weitgehend namhaftes Ensemble britischer Darsteller*innen versammeln. Neben den damals noch nicht so bekannten Anthony Hopkins als Treeves und John Hurt als Merrick spielten hier auch John Gielgud (Mord im Orientexpress) als Krankenhausdirektor Carr Gomm und Wendy Hiller (Ein Mann zu jeder Jahreszeit) als Oberschwester Motherhead. Trotz der kreativen Freiheiten erweist sich The Elephant Man am Ende als starkes Plädoyer für Menschlichkeit, auch und vor allem dem äuerßlich Andersartigen gegenüber. Nicht das Aussehen macht einen Menschen zum Ungeheuer, sondern sein Verhalten.
Der Elefantenmensch von David Lynch ist auf DVD und BluRay (inklusive der 20minütigen Kurzdoku Joseph Merrick: The Real Elephant Man von 2005) erhältlich sowie Teil des Angebots von Arthaus+ und MUBI. Zudem gibt es den Film als kostenpflichtigen Stream bei zahlreichen weiteren Anbietern.
Fazit: Stilsicher-atmosphärisches Schwarzweiß-Drama von David Lynch über den missgestalteten Titelhelden und seinen wichtigsten Vertrauten. 9 von 10 Punkten.
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Marius Joa, 12. März 2026. Bilder: Arthaus.


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