Dracula – Tot aber glücklich

Etwa 20 Jahre nach seiner ersten Gruselfilmklassiker-Parodie Frankenstein Junior (1974) machte sich Kultparodist Mel Brooks an eine Veralberung von Dracula, mit Leslie Nielsen (Die Nackte Kanone) in der ikonischen Rolle des Vampirfürsten. Ein Film perfekt geeignet für den nicht so ernsten Teil des Horroctobers.


Dracula – Tot aber glücklich (Dracula: Dead and Loving It)
Horrorkomödie USA, Frankreich 1995. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 86 Minuten (PAL-DVD). Kinostart: 18. April 1996.
Mit: Leslie Nielsen, Peter MacNicol, Mel Brooks, Amy Yasbeck, Steven Weber, Harvey Korman, Lysette Anthony, Mark Blankfield u.v.a. Nach dem Roman von Bram Stoker. Drehbuch: Mel Brooks, Rudy De Luca, Steve Haberman. Regie: Mel Brooks.

 

 

Mina! Du bist im Wandschrank!“

Der Anwalt Thomas Renfield (Peter MacNicol) reist nach Transylvanien um den Käufer von Cairfax Abbey zu treffen. Nachdem das Geschäft mit dem unheimlichen Grafen Dracula (Leslie Nielsen) finalisiert ist entpuppt sich dieser als blutsaugender Vampir und macht dieser Renfield zu seinem Sklaven. Per Schiff reisen die beiden nach England, wo Dracula sein neues Domizil in Besitz nimmt und der mittlerweile wahnsinnige Renfield in das angrenzende Sanatorium von Dr. Seward (Harvey Korman) eingeliefert wird. Auf einer Opernaufführung stellt sich Dracula Seward und dessen Tochter Mina (Amy Yasbeck) sowie deren Verlobten Jonathan Harker (Steven Weber) und Freundin Lucy Westenra (Lysette Anthony) vor. Eines Morgens erwacht Lucy mit merkwürdigen Krankheitssymptomen. Dr Seward zieht den renommierten Experten Professor Abram Van Helsing (Mel Brooks) zu Rate. Dieser erkennt, dass Lucy von einem Vampir gebissen und fast ausgesaugt wurde. Schon bald verdichten sich die Anzeichen, wer dahinter stecken könnte…

Mel Brooks, am 26. Juni 1926 als Melvin Kaminsky in New York geboren, hat schon so ziemlich alles Genres parodiert, egal ob Western (Der wilde, wilde Westen, 1974), Stummfilm (Silent Movie – Mel Brooks’ letzte Verrückheit, 1976), Hitchcock-Thriller (Höhenkoller, 1977), monumentale Historiendramen (Die verrückte Geschichte der Welt, 1981) oder Mantel-und-Degen-Film (Robin Hood – Helden in Strumpfhosen, 1993). Mit Spaceballs nahm Brooks bereits 1987 den heutzutage auf die Spitze getriebenen Merchandisingwahn von Star Wars aufs Korn. 1974 war sein erfolgreichstes Jahr. Denn neben der oben erwähnten Westernklamotte kam auch Frankenstein Junior im gleichen Jahr in die Kinos. In diesem Schwarzweiß-Streifen wird der allererste Frankenstein-Tonfilm von 1931 auf geniale Weise parodiert. Weitere 21 Jahre später sollte dann als „companion piece“ ein Spoof des ikonischen Vampirfürsten aus dem Roman von Bram Stoker folgen. Für die Hauptrolle wurde Klamauk-Opa Leslie Nielsen, mit der Nackte Kanone-Trilogie zu spätem Ruhm gekommen, verpflichtet. Brooks selbst schlüpfte in die Rolle von dessen Gegenspieler Van Helsing.

Im April 1996 kam der Film auch in die deutschen Lichtspielhäuser und ich habe mich als 15jähriger während des Kinobesuches äußerst prächtig amüsiert. Ein Vierteljahrhundert und einige Sichtungen später halte ich Dracula – Tot aber glücklich für den vielleichst schwächsten Film des Spoof-Masters. Die überwiegend schlechten Kritiken und das sehr mäßige Einspielergebnis (10,7 Millionen Dollar weltweitbei einem Budget von 30 Millionen Dollar) tun dem Werk aber aus meiner Sicht Unrecht. Im Vergleich zu anderen Brooks-Filmen fällt die Blutsauger-Parodie leider ziemlich ab, erweist sich aber in ästhetischer Hinsicht als durchaus gelungen.

Brooks hatte damals natürlich sämtliche Möglichkeiten der Gestaltung seiner Version des berühmt-berüchtigten Vampirfürsten und nutzte diese auch aus. Rein inhaltlich orientierte sich Tot aber glücklich direkt am ersten Tonfilm von 1931 von Tod Browning mit einem gewissen Bela Lugosi in der Hauptrolle. Leslie Nielsen hatte natürlich keinesfalls die Ausstrahlung des geheimnisvollen Mimen aus Ungarn, aber lehnt er seine Performance deutlich an Lugosi an und trägt im Grunde auch das gleiche Kostüm. In gleicher Weise „kopiert“ Peter MacNicol (Addams Family in verrückter Tradition, Ally McBeal) gekonnt die Darstellung von Dwight Frye, dem Renfield aus Brownings Version. Da ich den alten Film kürzlich erst gesehen hatte fiel mir bei der Sichtung auf, wie oft Mel Brooks hier Szenen und Kameraeinstellungen aus dem 1931er Film übernimmt oder parodiert.

Hinsichtlich der generellen Aufmachung standen allerdings die seit Dracula von 1958 mit Christopher Lee gedrehten Produktionen des Studios Hammer Films Pate, inklusive 4:3-Bildformat und absichtlich billig aussehende Studiokulissen. 1993 veralberte Meister Brooks mit Robin Hood – Helden in Strumpfhosen den zwei Jahre vorher veröffentlichten Robin Hood – König der Diebe mit Kevin Costner in der Hauptrolle. Und von daher war es logisch, sich bei Dracula auch die drei Jahre zuvor erschienene, meisterhafte Adaption von Francis Ford Coppola etwas vorzunehmen (etwa bei Draculas „Perücke“).

Vor allem in Anbetracht des genialen Frankenstein Junior hat Brooks’ Dracula humoristisch zu wenig Biss und viel Luft nach oben. Es wird hier überwiegend auf Haudrauf-Humor und Slapstick gesetzt, eine Art von Komik für die eben genau Leslie Nielsen bekannt wurde. Leider gibt es insgesamt nur wenige wirklich witzige Elemente und Situationen. Dennoch bleibt der Film immer noch viel gelungener als jene niveaubefreiten Machwerke, die nach 2000 dem Zuschauer als „Parodien“ vorgesetzt wurden.

Angeführt von den bereits erwähnten Nielsen und MacNicol wird ein mehr als solides Ensemble aufgeboten. Mel Brooks himself ließ es sich nicht nehmen, die Rolle des erfahrenen Mediziners und Philosophen (und Gynäkologen) Professor Van Helsing mit seinem idiosynkratisch-jiddischen Charme (wie so oft einmalig von Wolfgang Völz synchronisiert) zu übernehmen. Steven Weber gibt Jonathan Harker, den steifen Verlobten Minas, der natürlich an Keanu Reeves’ Performance bei Coppola erinnern soll. Dr. Seward wird von Brooks’ langjährigem Weggefährten Harvey Korman (Der wilde wilde Westen, Höhenkoller, Die verrückte Geschichte der Welt) als meist irritiertem Trottel gespielt. Nach Maid Marian bei Robin Hood schlüpfte Amy Yasbeck hier in die Rolle der anfangs unschuldigen und schließlich vom bösen Vampir etwas korrumpierten Mina. Ihre ebenfalls vom Blutsauger gebissene Freundin spielt Lysette Anthony (Krull). Anne Bancroft (Die Reifeprüfung), Mel Brooks 2005 verstorbene Ehefrau, hat einen kleinen Auftritt als Madame Ouspenskaya, nur echt mit bebender Halsfalte!

Bis heute ist Dracula – Tot aber glücklich die letzte Regie-Arbeit von Mel Brooks, mittlerweile stolze 95 Jahre alt. Seitdem stand er für diverse Interviews bzw. Dokumentationen (wie Mel Brooks – Make A Noise) vor der Kamera und übernahm diverse Sprechrollen in Animationsfilmen und -serien. Seine 1968 mit einem Drehbuch-Oscar ausgezeichnete Broadway-Satire Frühling für Hitler (The Producer) brachte er vor 20 Jahren als Bühnenmusical auf den Broadway. Bei der Filmadaption des Musicals war er als Produzent und Autor tätig, absolvierte zudem einen Cameo. Auch Frankenstein Junior wurde als Musical adaptiert. Wie ganz aktuell bekannt wurde plant Brooks eine Fortsetzung von Die verrückte Geschichte der Welt als TV-Serie.

Fazit: Kein großes Gagfeuerwerk, aber vor allem in ästhetischer Hinsicht eine ordentliche Dracula-Parodie mit gut aufgelegten Darstellern. 6 von 10 Punkten.

Marius Joa, 19. Oktober 2021.
Bilder: Cine Plus/Eurovideo/MAWA/Universum Film/Tobis.

 

 


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