Pierrot Le Fou

Bis gestern Abend hatte ich noch nie einen Film von Jean-Luc Godard (1930-2022) gesehen. Der Filmtreff des hiesigen Programmkinos bot eine spontane Gelegenheit, dieses Manko auszugleichen. Gezeigt wurde Pierrot Le Fou (auf Deutsch als Elf Uhr nachts veröffentlicht), mit Jean-Paul Belmondo und Anna Karina.  

Elf Uhr nachts (Pierrot Le Fou)
Drama/Krimi/Satire Frankreich 1965. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 110 Minuten. Kinostart: 17. Dezember 1965.
Mit: Jean-Paul Belmondo, Anna Karina u.v.a. Nach dem Roman Kein Weg zurück von Lionel White. Drehbuch und Regie: Jean-Luc Godard.



„Alles ist einfach. – Zuviel auf einmal.“

Der intellektuelle Ferdinand (Jean-Paul Belmondo) ist von Familienleben und seiner bürgerlichen Existenz gelangweilt. Genervt verlässt er eine Party seines Schwiegervaters, zu welcher ihn seine Ehefrau überredet hat, und brennt spontan mit der kurzfristig als Babysitter engagierten Marianna (Anna Karina) durch. Verfolgt von Gangstern mit Verbindungen zum Algerienkrieg flieht das Paar von Paris an die südfranzösische Mittelmeerküste und begibt sich auf einen Pfad der Freiheit und Unabhängigkeit, aber auch von Gewalt und Kriminalität, mit Verbrechern und der Polizei auf den Fersen.  

Mein Arthousefilm-Buddy, mit dem ich seit etwa zwei Jahren regelmäßig ins Kino gehe und auch Filme im Heimkino sichte (siehe die David-Lynch-Lounge), schlug mir vor, im Rahmen des Filmtreffs Central (veranstaltet im und vom Central im Bürgerbräu in Würzburg) den Film Pierrot Le Fou  auf der großen Leinwand anzuschauen. Auch weil meine Bildungslücken bezüglich der „Nouvelle Vague“ und des Regisseurs Jean-Luc Godard bis dato bei einhundert Prozent lagen willigte ich ein. Es folgt ein Versucht, das Gesehene zu verarbeiten.

Ein Mann und eine Frau, zwei Liebende (?), versuchen aus gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen, ergreifen die Flucht. Grenzüberschreitungen (Diebstahl, Überfall, Totschlag) pflastern ihren Weg, ihr Streben nach Freiheit. Gleichzeitig auch das Streben eines aufstrebenden Regisseurs nach dem Loslösen von gängigen, aus Hollywood „diktierten“ narrativen Mustern und Strukturen. Zwischendurch Szenen, die einen mit teils brüllenden Farben anschreien: Haha, du depperter Konsument! Das hier ist alles nur Kulisse, nur künstliche Szenerie.

Ich ertappe mich dabei, dass mich dieser relativistische (?), dekonstruktive Ansatz eher nervt und etwas langweilt. Die Möglichkeit, meine Lektüre eines nicht ganz einfachen Sachbuchs über den Horrorfilm fortzusetzen, erscheint plötzlich verlockender als zuvor. Wie es mir bei manchen nicht so tollen Konzerten passiert, dass ich mir im Kopf andere Musik vorstelle. Doch die Cineasten-Ehre gebietet es bis zum Abspann durchzuhalten. Wechselnde Autos, Boote, Schiffe, amüsante Musicalsequenzen, dazu absurd-komische Begegnungen (z.B. der „Verrückte“ am Hafen), Schießereien, Zerstörung und Tod gepaart mit scheinbar beliebig eingeworfenen Versatzstücken über Kunst, Literatur, Philosophie und Film.       

Die „neue Welle“ dieses Films treibt mich als Zuschauer genau in die Mitte zwischen Skylla und Charybdis, hin- und hergerissen von den beiden gegensätzlichen Strömungen, ob ich das im Kinosaal Erlebte nun gelungen oder prätentiös-albern finden soll. Doch manchmal entzieht sich eine cineastische Erfahrung besonders dem gängigen Drang, etwas als gut oder schlecht, erfolgreich oder misslungen, relevant oder überschätzt, signifikant oder banal einzuordnen. Das Leben ist eben nicht nur schwarz oder weiß.        

Im Anschluss an die Vorführung versammeln sich eine kleine Schar Zuschauer*innen zur Diskussion. Eine erhellende Ergänzung zur Sichtung des Films. Einer zufällig anwesenden Gruppe von Russen versuchen wir in einem komplett spontan zusammengezimmerten Theaterstück (mit viel Gelb und Blau) zu vermitteln, dass der Krieg gegen die Ukraine falsch ist. Doch sie lachen uns nur aus. Danach braust ein junges Paar in einem Ford Galaxy (oder war’s ein 2CV?) davon und wir steigen in die Straßenbahn während ich aus der Ferne Schiffsmotoren zu hören glaube. Ab nach Hause, denn schließlich muss ich noch das Review zu einem Asterix-Film veröffentlichen. Französisches Kino kann so einfach sein. Muss es aber nicht.      

Pierrot Le Fou aka Elf Uhr nachts ist auf DVD und BluRay sowie als kostenpflichtiger Stream bei diversen Anbietern erhältlich.

Fazit: Absurd und anstrengend, distanziert und teils witzig, eine sperrige Dekonstruktion gängiger Erzählmuster im Film.



Marius Joa, 13. August 2026. Bilder: Arthaus/Studiocanal.


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