Nach seinem kuriosen Debüt Eraserhead (1977), der preisgekrönten Biographie Der Elefantenmensch (1981) und der kommerziell gescheiterten Ronan-Adaption Dune – Der Wüstenplanet (1984) drehte David Lynch mit Blue Velvet (1986) seinen vierten Spielfilm. Darin gerät ein junger Mann in einen Strudel aus Gewalt, nachdem er zufällig ein abgetrenntes Ohr findet.
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Blue Velvet
Psychothriller USA 1986. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 116 Minuten (PAL-DVD). Kinostart: 12. Februar 1987.
Mit: Kyle MacLachlan, Isabella Rossellini, Dennis Hopper, Laura Dern, George Dickerson, Hope Lange, Dean Stockwell u.a. Drehbuch und Regie: David Lynch.

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„Now it’s dark.“
In der Kleinstadt Lumberton. Nachdem sein Vater (Jack Harvey) einen Schlaganfall erlitten hat und im Krankenhaus liegt kehrt Student Jeffrey Beaumont (Kyle MacLachlan) nach Hause zurück, um im Handwerker-Laden der Familie auszuhelfen. Beim Spaziergang in der Nachbarschaft findet Jeffrey ein abgetrenntes menschliches Ohr, welches er gleich zu Detective John Williams (George Dickerson) von der örtlichen Polizei bringt. Williams 18jährige Tochter Sandy (Laura Dern) erzählt, dass die Spur zu der Lounge-Sängerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) führt. Getarnt als Schädlingsbekämpfer verschafft sich Jeffrey Zugang zu Dorothys Apartment und lässt ihren Zweitschlüssel mitgehen. Später beobachtet er wie Dorothy von dem sadistischen Kriminellen Frank Booth (Dennis Hopper) missbraucht und gedemütigt wird. Jeffrey beginnt eine heimlich Affäre mit Dorothy und wird immer weiter in einen Strudel aus Gewalt und Dunkelheit gezogen…
Bis zu diesem Jahr, als ich mit einer Sichtung der Werke von David Lynch (1946-2025) angefangen hatte, war meine Kenntnisse diesbezüglich noch recht lückenhaft. Bis auf Wild at Heart (1990), The Straight Story (1999) und Inland Empire (2006) habe ich mittlerweile alle Spielfilme sowie die Serie Twin Peaks gesehen, allerdings nicht in chronologischer Reihenfolge. Und wohl deswegen hatte Lynchs vierter Film Blue Velvet auch nicht den gleichen Effekt auf mich, wenn ich ihn früher gesehen hätte. Ich kann mir durchaus vorstellen, wie dieser düstere Psychothriller vor vierzig Jahren die Zuschauer*innen schockte und irgendwo faszinierte. Wegen meiner späten Sichtung sehe ich den Film zum großen Teil als Blaupause für die späteren Arbeiten des surrealistischen Filmemachers.

Eine oberflächlich betrachtet idyllische (Klein-)Stadt, hinter deren schöner Fassade sich menschliche Abgründe auftun. Dieses zentrale Motiv hat Lynch in einigen seiner Werken durchexerziert, von Twin Peaks (1990/91) und Twin Peaks: Fire Walk with Me (1992) über Lost Highway (1997) bis hin zu Mulholland Drive (2001), wobei letztgenannter eher als Alptraum in der Traumfabrik fungiert. Gleich mit der Eingangssequenz zelebriert Lynch die vordergründig heile Welt einer Kleinstadt, vor allem wenn die Kamera einen weißen Gartenzaun und rote Rosen zeigt, musikalisch untermalt vom Song Blue Velvet, von Lee Morris und Bernie Wayne geschrieben und hier in der Coverversion von Bobby Vinton aus dem Jahr 1963 interpretiert. Im späteren Verlauf des Films wird dieses Lied auch von Isabella Rossellini alias Dorothy Valens gesungen.
Dem wundervoll romantischen Ton des titelgebenden Stücks und der vermeintlichen Idylle stellt Lynch problematische sexuelle Beziehungen, Kriminalität und weitere menschliche Abgründe entgegen. Durch seine Neugier und sein detektivischen Ambitionen gerät Protagonist Jeffrey in die Unterwelt von Gewalt und Verbrechen. Wie auch später bei Twin Peaks wird das Idealbild des „American Pastoral“ durch seinen dunklen Zwilling „American Berserk“ entzaubert bzw. entlarvt. Dazu passt die bodenständige Welt, in welcher der Look der 1950er und 1980er zu einem fast zeitlosen Mix kombiniert wird.
Lynchs Werke haben nicht selten etwas Unwirkliches, Alptraumhaftes, was auch hier der Fall ist. Zudem gibt es hier vereinzelt auch für den Regisseur charakteristische absurd-komische Elemente. Und das fast schon kitschige und etwas überzeichnete Ende lässt die ganze Handlung irgendwie in einem anderen Licht erscheinen. Mit Kyle MacLachlan (Twin Peaks), schon in Dune Hauptdarsteller, als unbedarft-neugieriger Student Jeffrey Beaumont, Isabella Rosselini (Der Tod steht ihr gut, Konklave) als widersprüchlicher und verführerischer Dorothy Vallens, dazu die junge Laura Dern (Jurassic Park, Marriage Story) als „brave“ Sandy Williams und natürlich der furiose Dennis Hopper (Easy Rider, Speed) als widerlich-sadistischer Psychopath Frank Booth konnte Lynch vor vierzig Jahren einen starken Cast versammeln. In weiteren Rollen sehen wir neben Jack Nance (bis zu seinem frühen Tod 1996 Lynchs Stammschauspieler) unter anderem die beiden ebenfalls im Wüstenplaneten präsenten Brad Dourif und Dean Stockwell.
Blue Velvet ist auf DVD und BluRay erschienen sowie als kostenpflichtiger Stream bei mehreren Anbietern erhältlich.
Fazit: Verstörender, stark inszenierter Trip in die kriminellen Abgründe einer Kleinstadt.
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Marius Joa, 21. Mai 2026. Bilder: MGM.


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