Vier Jahre nach der Wiederaufführung von David Lynchs Hollywood-Alptraum-Trip Mulholland Drive wurde auch dessen Vorgänger, der Neo-Noir-Thriller Lost Highway Anfang Februar 2026 für einen Abend erneut in den deutschen Kinos gezeigt. Lynch erzählt hier von einem Jazzmusiker, einem jungen Automechaniker und deren mysteriöser Verbindung.
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Lost Highway
Mysterythriller USA, Frankreich 1997. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 134 Minuten. Kinostart: 10. April 1997.
Mit: Bill Pullman, Patricia Arquette, Balthazar Getty, Robert Blake, Robert Loggia, Michael Massee, Natasha Gregson Wagner u.v.a. Drehbuch: Barry Gifford und David Lynch. Regie: David Lynch.

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Der Jazzmusiker und der Automechaniker
Fred Madison (Bill Pullman) und Ehefrau Renee (Patricia Arquette) sind scheinbar glücklich. Doch der Jazzmusiker vermutet, dass seine Gattin eine Affäre mit dem befreundeten Playboy Andy (Michael Massee) hat. Fred und Renee erhalten innerhalb von wenigen Tagen Videobänder, auf denen jemand in ihrem Haus filmt. Die Polizei findet jedoch keinerlei Anzeichen für einen Einbruch. Auf einer Party von Andy trifft Fred auf einen geheimnisvollen bleichen Mann (Robert Blake), der sich unerklärlicherweise auch gleichzeitig in Freds Haus befindet. Eine weitere Videokassette zeigt die Leiche Renees. Fred wird daraufhin verhaftet und wegen Mordes verurteilt. Doch eines Morgens sitzt in dessen Zelle der kürzlich verschwundene, junge Automechaniker Pete Drayton (Balthazar Getty). Pete kann sich nicht erinnern, wie er dort gelandet ist und wird nach Hause zu seinen Eltern gebracht. Bei seiner Arbeit in der Autowerkstatt erhält Pete Besuch vom Gangsterboss Mr. Eddy (Robert Loggia). Wenig später trifft der junge Mechaniker auf Mr. Eddys Geliebte, Blondine Alice (Patricia Arquette)…
Nach der Sichtung von David Lynchs kurios-kultigem Spielfilmdebüt Eraserhead (1977) im vergangenen Monat wäre eigentlich Lynchs zweite Regie-Arbeit Der Elefantenmensch (1980) an der Reihe gewesen. Doch weil am 3. Februar 2026 im Rahmen der Reihe „Best of Cinema“ Lost Highway auch hier in Würzburg im Kino gezeigt wurde, habe ich umdisponiert, um den siebten Streifen des 2025 im Alter von knapp 79 Jahren verstorbenen Kultfilmemachers anzuschauen. Entwickelt wurde die Geschichte von Lynch gemeinsam mit Schriftsteller Barry Gifford, dessen Roman Wild at Heart der Regisseur 1990 verfilmt hatte. Die beiden schrieben zusammen auch das Drehbuch. Gedreht wurde on November 1995 bis Februar 1996 in und um Los Angeles. Als Location für das Heim des Madison-Ehepaares verwendete Lynch sein eigenes Haus und von ihm selbst designte Möbel.

Dem kommerziellen Misserfolg von Twin Peaks: Fire Walk with Me (1992), Prequel zur mit Mark Frost geschaffenen Kultserie Twin Peaks (1990/91) ließ Lynch die kurzlebigen Fernsehserien On The Air (1992) und Hotel Room (1993) folgen. Außerdem produzierte/finanzierte er Michael Almereydas Vampirfilm Nadja (1994), in welchem er auch einen kleinen Cameo-Auftritt absolvierte. Mit Lost Highway, der seine Premiere im Januar 1997 feierte und drei Monate später auch in die deutschen Kino kam, kehrte Lynch auf die große Leinwand zurück. Und lieferte einmal mehr eine besondere Seherfahrung.
Klassische Elemente des Film Noir (ein tragischer Held, eine undurchsichtige Femme Fatale, fiese Gangster) treffen hier auf surreale Mystery-Zutaten (der bleiche Mann, die Verwandlung, das Ende). Möglichkeiten, das teils unerklärliche Geschehen zu interpretieren, gibt es durchaus, aber vom Filmemacher selbst gab es gemäß seiner Philosophie keine abschließende Erklärung, was teilweise auch den Reiz der Lynch-Werke ausmacht. Mir fiel besonders aus, wie ähnlich sich David Lynchs folgender Spielfilm Mulholland Drive, welcher ebenfalls in Kalifornien spielt, in struktureller Hinsicht gestalten sollte.
Ästhetisch und inszenatorisch werden bei Lost Highway so ziemlich alle Register gezogen. Lynchs Stammkomponist Angelo Badalamenti schuf den düsteren Score gemeinsam mit Trent Reznor von den Nine Inch Nails und Barry Adamson, ergänzt durch einen überaus stimmungsvollen Soundtrack, unter anderem mit I’m Deranged von David Bowie und Song to the Siren von Tim Buckley in der Version von This Mortal Coil (1984). Dass zudem Songs von Marilyn Manson und Rammstein vertreten sind hat angesichts der Missbrauchsvorwürfe gegen den amerikanischen Schockrocker und den Sänger der deutschen Band sowie dem Setting mit angedeuteter Zwangsprostitution aus heutiger Sicht einen finsteren Beigeschmack.
Die überzeugend alptraumhafte Atmosphäre verstärkt sich vor allem dadurch, dass ein Großteil der Handlung bei Nacht spielt. Das Alltägliche wird mit einfachen Mitteln ins Schaurige verzerrt. Wie schon bei früheren Werken vermischt Lynch hier die Zeit der Entstehung, also die 1990er, mit einer stilisierten Fünfziger-Jahre-Ästhetik. Dazu versammelt der Film eine Reihe renommierter Schauspieler*innen. Bill Pullman (Spaceballs, Während du schliefst) spielt Jazzmusiker Fred, dessen Leben zum echten Alptraum wird. In der Doppelrolle als Renee und Alice sehen wir Patricia Arquette (True Romance, Boyhood). Robert Blake (Kaltblütig, Money Train) zeigt als namenloser, bleicher Mann eine schaurig gute Performance. Neben Robert Loggia (Scarface, Big) als fiesem, cholerischen Gangsterboss absolvieren David Lynchs Stammschauspieler Jack Nance und Comedian Richard Pryor in kleinen Rollen ihre letzten Filmauftritte. Pullman und Loggia waren übrigens im gleichen Jahr erneut zusammen auf der großen Leinwand zu sehen, in einem gänzlich anderen Streifen: Roland Emmerichs Alieninvasion-Blockbuster Independence Day.
Lost Highway von David Lynch ist auf DVD und BluRay erhältlich. Als Stream gibt es den Film im Angebot von Arthaus+ sowie mit zusätzlichen Kosten bei weiteren Anbietern. Zudem erscheint am 9. April 2026 die Auswertung auf Ultra HD BluRay.
Fazit: Ästhetisch intensiver und verstörender Neo-Noir-Alptraum von Altmeister David Lynch.
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Marius Joa, 19. Februar 2026. Bilder: Arthaus/Studiocanal.


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