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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 19. September 2021

Mit Denis Villeneuves langersehnter Neuverfilmung des Romans “Dune – Der Wüstenplanet” von Frank Herbert ist nun endlich einer der wenigen großen Leinwandepen dieses Jahres in den Kinos gestartet. Schafft es die dritte Adaption der komplexen Vorlage gerecht zu werden?

 

Nico, 1988

Von Marius Joa. Publiziert am 20. März 2021

Den letzten Jahren der Sängerin Christa Päffgen alias Nico widmet sich Susanna Nicchiarelli in Nico, 1988, mit Trine Dyrholm in der Hauptrolle.

Nico, 1988
Drama/Musikfilm Italien, Belgien 2017. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 93 Minuten. Kinostart: 18. Juli 2018.
Mit: Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Karina Fernandez, Sandor Funtek, Calvin Demba, Thomas Trabacchi u.a. Drehbuch und Regie: Susanna Nicchiarelli.


My heart is empty

1986 bis 1988. Die Ganzzeiten von Christa Päffgen alias Nico (Trine Dyrholm) sind lange vorbei. Gezeichnet von Drogenkonsum und schwindendem Erfolg tingelt die Sängerin mit Tourmanager Richard (John Gordon Sinclair) und einer kleinen Band durch Europa. Wegen Geldmangel logieren die Musiker meist in billigen Absteigen. In gelegentlichen Interviews wird Nico immer wieder nach ihrer Zeit mit The Velvet Underground gefragt, obwohl sie mit der Band nur wenige Songs aufgenommen und danach eine ergiebige Solokarriere mit diversen Alben gestartet hat. Zunehmend desillusiert versucht Nico das Verhältnis zu ihrem als Kind “abgegebenen” Sohn Ari (Sandor Funtek), ebenfalls drogenabhängig und zudem suizidgefährdet, zu verbessern und nimmt diesen mit auf ihre Konzertreisen…

Christa Päffgen (geboren am 16. Oktober 1938 in Köln), bekannt unter ihrem Künstlernamen Nico, begann schon in jungen Jahren mit dem Modeln, avancierte zur Muse des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol, trat als Schauspielerin in Filmen (u.a. La dolce vita – Das süße Leben, Chelsea Girls) auf und startete nach ihrer Zusammenarbeit mit der Avantgarde-Gruppe The Velvet Underground eine Solokarriere als Sängerin. Großer kommerzieller Erfolg stellte sich nie ein, doch wurde Nico mit ihrer damals neuartigen, düsteren Musik, die sich vor allem aus ihrem eigentümlichen, tiefen Gesang, dem Einsatz des Harmoniums und den klassisch geprägten Arrangements von John Cale (Gründungsmitglied von The Velvet Underground) zu einer Vorreiterin des Gothic Rock und einer Ikone der Gothic-Kultur. Einer Beziehung mit dem französischen Schauspieler Alain Delon entstammte Sohn Ari (geboren 1962), der allerdings von seinem Vater nie anerkannt wurde und bei seinen Großeltern väterlicherseits aufwuchs. Am 18. Juli 1988 starb Christa Päffgen im Alter von 49 Jahren während eines Urlaubs auf Ibiza nach einem Sturz mit ihrem Fahrrad an den Folgen einer Gehirnblutung.

Filmemacherin Susanna Nicchiarelli (Cosmonauta, Miss Marx) widmet sich in Nico, 1988 den letzten Lebensjahren der Sängerin und liefert dabei eine Mischung aus Musiker-Biopic und Roadmovie ab. Gemeinsam mit Hauptdarstellerin Trine Dyrholm (Silberner Bär 2016 für Die Kommune ) entwickelte Nicchiarelli eine eigene Version Nicos. Vor den Dreharbeiten nahm Dyrholm, auch als Sängerin erfolgreich, mit der italienischen Band Gatto Ciliegia Contro il Grande Freddo (zu deutsch: “Die kirschrote Katze gegen die große Kälte”) mehrere Songs der porträtierten Musikerin für den Film neu auf. Nach der Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig am 31. August 2017 kam Nico, 1988 am 18. Juli 2018 (dem 30. Todestag von Christa Päffgen) in die deutschen Kinos.

Ein wenig Vorkenntnis über Leben und Werk der hier im Mittelpunkt stehenden Person sind für die Zuschauer auf jeden Fall sinnvoll, denn Nicchiarellis Werk stellt keine klassische Biografie mit einem dramaturgisch gängigen Abriss der Lebensgeschichte dar. Vielmehr liefert die Italienerin einen Film ab, der trotz seiner fiktiven Elemente die nihilistische Lebenseinstellung Nicos auf minimalistische Weise gekonnt illustriert. Die Darstellung der Titelfigur erweist sich dabei gleichzeitig als wenig beschönigend und doch irgendwie wohlwollend. Inhaltlich reduziert sich der Film fast komplett auf die “Abenteuer” der Protagonistin und ihrern Entourage aus “Amateur junkies” (Originalzitat). Diese Reise vollzieht vor dem Panorama einer trist-farblosen Rekreation der 1980er Jahre. Das anstelle des für Kinofilme üblichen Widescreen-Format verwendete 4:3-Bild sorgt für einen authentischen VHS-Look. Für die immer wieder kurz eingestreuten Flashbacks fanden auch Originalaufnahmen Nicos durch den amerikanischen Avantgarde-Filmemacher Jonas Mekkas (1922-2019) Verwendung.

Trine Dyrholm, die man als Schauspielerin für diese besondere Rolle jetzt nicht unbedingt auf der Rechnung hatte, zeigt als Nico eine eindringliche Performance einer von Drogensucht gezeichneten Musikerin, welche ihre besten und glamourösen Tage hinter sich hat und meist durch unberechenbares Verhalten ihr Umfeld vor den Kopf stößt, in den ruhigeren Momenten aber ebenso durch ihre Lebenserfahrung und ihren Humor besticht. Auch in den eher wenigen Gesangspassagen überzeugt die dänische Akteurin.

Nico, 1988 ist am 19. Oktober 2018 im englischen Original mit deutschen Untertiteln auf DVD erschienen sowie als kostenpflichtiger Stream bei Amazon abrufbar.

Fazit: Reduzierter, authentischer, wenngleich zum großen Teil fiktiver Blick auf die letzten Lebensjahre von Nico, mit einer eindringlich agierenden, im besten Sinne unglamourösen Trine Dyrholm in der Hauptrolle. 8 von 10 Punkten.


Marius Joa, 20. März 2021. Bilder: Indigo.

 

 

 

 

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