Während ihrer Kindheit und Jugend im Iran erlebte Marjane Satrapi die politischen Umwälzungen und die islamistische Diktatur hautnah mit. Diese Zeit verarbeitete die Zeichnerin und Autorin in der Graphic-Novel-Reihe Persepolis. Gemeinsam mit Vincent Paronnaud adaptierte Satrapi ihr autobiographisches Werk als gleichnamigen, außergewöhnlichen Animationsfilm.
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Persepolis
Animationsfilm/Biographie Frankreich, USA 2007. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 95 Minuten. Kinostart: 22. November 2007.
Originalsprecher*innen: Chiara Mastroianni (Marjane), Catherine Deneuve (Mutter), Danielle Darrieux (Großmutter), Simon Abkarian (Vater), Gabrielle Lopes (Marjane als Kind), François Jerosme (Onkel Anouche) u.v.a. Nach Persepolis – Eine Kindheit im Iran und Persepolis – Jugendjahre von Marjana Satrapi. Drehbuch und Regie: Marjana Satrapi und Vincent Paronnaut.

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Von Widerstand und Heimat
Marjane (Originalstimme: Gabrielle Lopes) lebt mit ihren Eltern (Catherine Deneuve, Simon Abkarian) und der Großmutter (Danielle Darrieux) in Teheran. Als das Mädchen etwa neun Jahre alt ist bricht 1979 die iranische Revolution aus und der Schah wird gestürzt. Marjanes Familie, die zur gebildeten Mittelschicht gehört, hofft auf eine Besserung der Lebensverhältnisse und eine Freilassung der politischen Gefangenen, darunter Onkel Anouche (François Jerosme). Doch bei den anschließenden Wahlen gewinnen die islamischen Fundamentalisten, welche den Iran daraufhin in einen rigorosen Gottesstaat verwandeln. Vor allem die Rechte von Mädchen und Frauen werden massiv beschnitten. Zudem bricht ein Krieg mit dem Irak aus und die Hauptstadt gerät unter Beschuss. Aus Sorge um ihre Sicherheit schicken die Eltern Marjane als Jugendliche (Chiara Mastroianni) nach Wien, wo das Mädchen ein französisches Gymnasium besucht. Jahre später kehrt sie in die von Unterdrückung und Krieg schwer gezeichnete Heimat zurück…
Seit vielen Jahrzehnten leidet die Bevölkerung des Iran unter Krieg und massiver politischer Unterdrückung. Unter Schah Mohammed Reza Pahlavi, der zwischen 1941 und 1979 regiert hatte, wurden zwar Tausende Politisch Andersdenkende inhaftiert, der Monarch modernisierte das Land aber durch einige Reformen. Nach der Revolution übernahmen Fundamentalisten den vorderasiatischen Staat und verwandelten ihn sukzessive in eine islamistische Diktatur. Vor allem die Rechte von Frauen wurden über die Jahre immer drastischer unterdrückt. Bei Protesten gegen das Regime Ende 2025/Anfang 2026 wurden Hunderte Demonstrant*innen von Regierungstruppen erschossen. Seit Ende Februar 2026 führen die USA und Israel Krieg gegen den Iran, welcher nicht nur die Situation im Land noch gravierend verschlimmert, sondern zudem für eine internationale Treibstoffkrise sorgt. Der autobiographische Zeichentrickfilm über Marjane Satrapis Kindheit und Jugend in diesem Land besitzt also auch gut 18 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch aktuelle Relevanz.

Auf dieser Website gibt es bereits eine Rezension zu diesem Film, welche ein paar Wochen nach dem Kinostart Ende November 2007 von der früheren Vieraugen Kino-Redakteurin Sventja Franzen geschrieben wurde. Sie vergab damals sogar die seltene Höchstwertung. Ein Urteil, das ich nach meiner eigenen Sichtung nur bestätigen kann. Denn Persepolis funktioniert trotz seiner rasant vorgetragenen Geschichte vor allem in emotionaler Hinsicht.
In nur etwa 90 Minuten gelingt es Satrapi und ihrem Co-Regisseur Vincent Paronnaud mit einer fast leichtfüßigen Beiläufigkeit in rasanter Geschwindigkeit die Geschichte eines Mädchens bzw. einer jungen Frau zu erzählen, die unter schwierigen Bedingungen aufwächst, erst im von Diktatur und Krieg zerrütteten Iran und später allein in einem für sie fremden Land. Als Kind kann Marjana die Auswirkungen der politischen Entwicklungen noch nicht ganz begreifen, doch neben ihrer Liebe zu westlicher Musik und Kino entwickelt sie schnell ein starkes politisches Bewusstsein. Weder als Jugendliche noch als junge Frau lässt sie sich den Mund verbieten und gerät dadurch im restriktiven Gottesstaat in Schwierigkeiten. Insgesamt funktioniert Persepolis vor allem als überaus nuanciertes Bild der schwierigen Zustände und Zeugnis weiblichen Widerstandes gegen starke institutionelle Misogynie, nicht nur in Person der Protagonistin, sondern auch anderer Frauen, die alle auf eigene Weise Resilienz gegen die absurden Zustände zeigen.
Doch was ich noch viel erstaunlicher finde, ist die positive Lebenseinstellung, welche sich die Erzählung trotz der schaurigen Verhältnisse im Iran durchgehend bewahrt. Dabei kommt es auch immer wieder zu sehr humorvollen Szenen, nicht selten im Zusammenhang mit den kecken Sprüchen der unverwüstlichen Großmutter. Man macht als Zuschauer*in dadurch innerhalb von kurzer Zeit ein absolutes Wechselbad der Gefühle durch, wobei dieses ständige Auf und Ab prächtig funktioniert.
Der Zeichenstil ist deutlich an die reduzierten Schwarzweiß-Bilder der Comicvorlage angelehnt. Lediglich bei der Rahmenhandlung mit der erwachsenen Marjane am Flughafen kamen Farben zum Einsatz. Trotz der minimalistischen Optik gestalten sich die unterschiedlichen Szenen überaus plastisch und gleichzeitig fließend, wobei die historischen Rückblenden an Schattentheater erinnern. Gut 15 Jahre später schien der thematisch und ästhetisch ähnlich, aber wesentlich farbenfrohere Animationsfilm Sultanas Traum von Isabel Herguera, der von einer Frau auf den Spuren einer muslimischen Feministin und deren feministischen Utopie erzählt.
Persepolis von Marjana Satrapi und Vincent Paronnaud ist auf DVD und Bluray erschienen, Teil des Angebots von Arthaus+ sowie als kostenpflichtiger Stream bei diversen Anbietern erhältlich.
Fazit: Marjane Satrapi hat mit der Verfilmung ihrer eigenen Graphic Novels ein vielschichtiges Bild ihrer von Unterdrückung und Isolation gekennzeichneten Heimat Iran und zudem einen absolut herausragenden Animationsfilm mit dem kompletten Spektrum an Emotionen geschaffen. Höchstwertung!
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Marius Joa, 5. April 2026. Bilder: Arthaus/Studiocanal.


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