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Von Marius Joa. Publiziert am 20. Juni 2021

Seit einigen Wochen sind die Kinos hierzulande teilweise wieder geöffnet. Die Gelegenheit zu einem Besuch des hiesigen Programmkinos nutzte ich am vergangenen Wochenende und sah den diesjährigen Oscar-Gewinner “Nomadland” von Regisseurin Chloé Zhao.

 

Stille Reserven

Von Marius Joa. Publiziert am 23. Januar 2021

In nicht allzu ferner Zukunft erstreckt sich die kapitalistische Ausbeutung über den Tod hinaus, in Valentin Hitz’ filmischer Dystopie Stille Reserven.


Stille Reserven
Science-Fiction-Drama Österreich, Deutschland, Schweiz 2016. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 92 Minuten. Kinostart: 20. April 2017.
Mit: Clemens Schick, Lena Lauzemis, Marion Mitterhammer, Marcus Signer, Martin Reik, Jaschka Lämmert, Stipe Erceg, Daniel Olbrychski u.a. Drehbuch und Regie: Valentin Hitz.

 



Der Tod ist nicht umsonst

Wien, in nicht allzu ferner Zukunft. Ein Großteil der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze während etwa ein Prozent immer reicher wird. Wer hoch verschuldet ist dem wird selbst der Tod verweigert. Als menschliche Ersatzteillager, Informationsspeicher oder Gebärmaschinen werden die Armen nach ihrem eigentlichen Ableben künstlich am Leben gehalten, um ihre Schulden abzubauen. Entgehen kann man diesem Schicksal nur mit dem Abschluss einer Todesversicherung, die sich aber nur wenige wirklich leisten können. Vincent Baumann (Clemens Schick) glaubt fest an dieses System und arbeitet für den einzigen Versicherungskonzern, welcher die Todesversicherung anbietet. Als es ihm nicht gelingt, Wladimir Sokulow (Daniel Olbrychski), einem visionären Unternehmer im Ruhestand, eine Police zu verkaufen, wird Vincent von seiner Chefin Diana Dorn (Marion Mitterhammer) degradiert und in den Außendienst versetzt. In einem heruntergekommenen Trabantenviertel der Stadt soll Vincent eine Gruppe von Aktivisten um Sokulows Tochter Lisa (Lena Lauzemis) ausspionieren. Doch der Auftrag verändert den eiskalten Versicherungsagenten…

Wenn mich ein Thema in den letzten knapp 10 Jahren besonders interessiert hat dann die filmische Verarbeitung von gar nicht so weit entfernten Optimierungsdystopien. Begonnen hat mein Interesse mit Work Hard – Play Hard (2011), Carmen Losmanns unkommentierter Dokumentation über die längst realen Optimierungsmechanismen in der Arbeitswelt. Losmanns Kameramann Dirk Lütter liefert mit dem minimalistischen Drama Die Ausbildung (2011) eine schaurige fiktionale Version des Stoffes. Eine seelenlose, gleichförmige Welt präsentierten der visionäre Filmemacher Charlie Kaufmann und Duke Johnson in ihrem Stop-Motion-Animationsfilm Anomalisa (2015). Eine gleichzeitig noch durchorganisiertere, aber zudem chaotischere Zukunft schuf Terry Gilliams in seiner 2013 veröffentichten Scifi-Satire The Zero Theorem. Aber auch drei österreichische Filme widmeten sich dem Sujet der grauen, realistischen Zukunftsvision. In Ruth Maders Life Guidance (2017), der 2018 auf dem Internationalen Filmwochenende in Würzburg gezeigt wurde, sucht ein Mann den Ausweg aus einer vollständig optimierten Gesellschaft. Jessica Hausner rückte eine Pflanze, die glücklich machen soll, in das Zentrum ihres mit internationaler Besetzung gedrehten Beitrags Little Joe. Valentin Hitz geht mit Stille Reserven sogar noch einen Schritt weiter und nimmt dem Menschen sogar die Selbstbestimmung über das Lebensende.

Gedreht wurde die österreichisch-schweizerisch-deutsche Co-Produktion von Ende Januar bis Ende März 2015 in Wien, Niederösterreich, Halle (Saale), Leipzig, Berlin und Bratislava. Szenenbildner Hannes Salat (Ich seh, Ich seh) und Kameramann Martin Gschlacht (Little Joe) gelingt es trotz geringem Budget eine Wiener Version des Settings von Blade Runner zu erschaffen. Dazu gibt es mit dem Nachtclub und der Figur der Aktivistin/Sängerin deutliche Film-Noir-Anleihen. Außerdem erinnert die Entwicklung des Protagonisten an Kurt Wimmers Equilibrium. Mit wenigen Ausnahmen ist die Szenerie in farblosen, fast monochromatischen Bildern gehalten. Eine kalte, leblose Welt, deren monströser Kapitalismus auch den Tod als gewinnträchtigen Wirtschaftfaktor neu entdeckt hat. Und wer sich wegen mangelndem Geld keine Todesversicherung leisten kann wird in der “Geriatrie” künstlich am “Leben” gehalten bis die Schulden “abgearbeitet” sind. Unfassbar grausam.

Leider konnte mich Stille Reserven inhaltlich nicht wirklich überzeugen. Im letzten Drittel geht dem Drehbuch erzählerisch leider etwas die Luft aus, wirkt die Geschichte nicht ganz ausgearbeitet. Auch bleiben die Nebenfiguren überwiegend schablonenhaft. Immerhin lässt sich diese Schwäche durch ein starkes Hauptdarsteller-Duo kompensieren. Clemens Schickt überzeugt als gefühlskalt-systemtreuer Agent, der dessen Fassade allmählich bröckelt. Für die Rolle der ungewöhnlichen “Femme Fatale” hat man mit der androgynen Lena Lauzemis (mir bisher nur als DDR-Killerin aus der dreiteiligen Deutschland-Serie bekannt) die perfekte Besetzung gefunden.

Stille Reserven ist seit dem 29. Oktober 2017 auf DVD erhältlich sowie aktuell bei den Streaminganbietern Amazon, iTunes und maxdome abrufbar.

Fazit: Eiskalte, wirkungsvoll minimalistisch inszenierte Zukunftvision, inhaltlich leider etwas dünn. 7 von 10 Punkten.

 

 

Marius Joa, 23. Januar 2021. Bilder: Camino.

 

 

 

 

 

 

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Rubrik DVD

2 Antworten zu “Stille Reserven”

Gnislew

Bei deinem Fazit, dass dich der Film inhaltlich nicht wirklich überzeugen konnte haben mich 7 Punkte überrascht. Bei mir sind es 8 Punkte geworden: https://www.sneakfilm.de/2017/04/24/todesversicherung-fuer-die-letzte-ruhe/

Marius Joa Marius Joa

Mittlerweile bin ich als Filmkonsument an einem Punkt angekommen wo eine “komplett auserzählte” Geschichte aus meiner Sicht nicht unbedingt sein muss. Bei “Stille Reserven” hätte man aber die Story durchaus noch besser ausarbeiten können.

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