The Straight Story

Für seinen achten Spielfilm als Regisseur wandte sich David Lynch von seinen gewohnten Pfaden ab. The Straight Story erzählt die wahre Geschichte eines Rentners, der mit seinem Aufsitz-Rasenmäher die lange Reise zu seinem kranken Bruder unternimmt.

The Straight Story – Eine wahre Geschichte (The Straight Story)
Road-Movie/Drama USA, UK, Frankreich 1999. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. 107 Minuten (PAL-DVD). Kinostart: 2. Dezember 1999.
Mit: Richard Farnsworth, Sissy Spacek, Joseph Carpenter, Donald Wiegert, James Cada, Wiley Harker, Anastasia Webb u.v.a. Drehbuch: John Roach und Mary Sweeney. Regie: David Lynch.



Der alte Mann und sein Rasenmäher

Alvin Straight (Richard Farnsworth) ist ein 73jähriger Rentner, der mit seiner sprachbehinderten Tochter Rose (Sissy Spacek) in einer kleinen Gemeinde in Iowa lebt. Alvins gesundheitliche Probleme häufen sich in letzter Zeit: seine Lunge ist vom vielen Rauchen in Mitleidenschaft gezogen, fürs Laufen benötigt er zwei Stöcke und wegen seiner schlechten Augen darf er nicht mehr Autofahren. Alvin erfährt, dass sein Bruder Lyle, mit welchem er sich vor Jahren zerstritten hatte, einen Schlaganfall erlitten hat. Und so macht sich der 73jährige mit seinem Aufsitz-Rasenmäher mit Anhänger auf den weiten Weg nach Wisconsin, um sich mit seinem Bruder zu versöhnen…

Wie der deutsche Verleihtitel vermuten lässt basiert The Straight Story auf einer wahren Geschichte. Alvin Straight (1920-1996) gab es wirklich. Der Rentner und Kriegsveteran legte im Alter von 73 Jahren und trotz seiner Gebrechen eine etwa 250 Meilen (ca. 400 km) lange Strecke von Iowa nach Wisconsin quer durch den Mittleren Westen Amerikas auf einem Rasenmäher zurück, um seinen kranken Bruder zu besuchen. Produzentin, Filmeditorin und Autorin Mary Sweeney, die aus Wisconsin stammt, wurde auf Straights Geschichte durch einen Artikel in der New York Times aufmerksam. Gemeinsam mit John Roach, den sie seit ihrer Kindheit kannte, schrieb Sweeney das Drehbuch. Mit David Lynch übernahm ein langjähriger Weggefährte Sweeneys (sie produzierte und schnitt u.a. seine Filme Lost Highway und Mulholland Drive) die Regie.

Lynch, der Altmeister des Alptraumhaften und Surrealen, in dessen Werken es nicht selten um die menschlichen Abgründe hinter der vermeintlichen Idylle Amerikas geht (siehe z.B. Blue Velvet oder Twin Peaks), hätte man als Regisseur dieses im besten Sinne unspektakulären, komplett entschleunigten Road-Movies nicht unbedingt auf der Rechnung gehabt. Seine typische Handschrift sucht man hier vergeblich, was The Straight Story sehr wahrscheinlich zu Lynchs zugänglichstem und aufgrund der Geschichte auch einzig familienfreundlichen Film macht.  

Straight Story erzählt die einfache Geschichte eines alten gebrechlichen Mannes auf einer ungewöhnlichen, langsamen und irgendwie auch waghalsigen Odyssee durch den ländlich geprägten Mittleren Westen der USA. Weil Alvins Fortbewegungsmittel nur mit geringer Geschwindigkeit fährt zieht sich sein Trip über Wochen hin. Ganz ungefährlich und ohne Hindernisse gestaltet sich die Reise nicht. Doch der alte Mann auf seinem Rasenmäher kann sich auf die Hilfsbereitschaft und Empathie der Menschen verlassen, die ihm während seines Abenteuers begegnen. Sweeney, Lynch und ihr Team vollbringen die Gratwanderung, dass die hier transportierten Emotionen und Begegnungen das Publikum zu bewegen vermögen, ohne kitschig zu sein. Eine wahrhaftige Geschichte über die Härten des Lebens und das Bedauern über die Fehler der Vergangenheit, aber auch Hoffnung und Menschlichkeit.

In Person von Richard Farnsworth (1920-2000; Anne of Green Gables, Misery) als Alvin Straight wurde der perfekte Schauspieler für die Rolle des Alvin Straight gefunden. Farnsworth war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schwer an Krebs erkrankt und litt unter den gleichen Mobilitätseinschränkungen wie der reale Alvin. Für seine Performance erhielt der zum Zeitpunkt des Drehs 78jährige Farnsworth Nominierungen für Golden Globe und Oscar. Sissy Spacek (Carrie: Des Satans jüngste Tochter, Nashville Lady) ist als Alvins unter einer Sprachbeeinträchtigung leidende Tochter Rose kaum wieder zu erkennen. Außerdem sehen wir ein ganzes Ensemble überwiegend unbekannter Nebendarsteller*innen, welche dem Film noch mehr Authentizität verleihen.    

The Straight Story ist auf DVD und BluRay erhältlich sowie aktuell Teil des Angebots der Streaminganbieter Arthaus+ und MUBI.

Fazit: Wunderschönes und wahrhaftiges Roadmovie oder anders gesagt: Lost Highway für vom Leben gezeichnete alte Männer.


Tochter Rose macht sich Sorgen
Unterwegs durchs ländliche Amerika
Gespräch an der Bar



Marius Joa, 20. September 2026. Bilder: Studiocanal/Arthaus.

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