Twin Peaks: Staffel 2

Nach einer kurzen Premierenstaffel (8 Folgen) mit brutalem Cliffhanger ging die von Mark Frost und David Lynch ins Leben gerufene Mysteryserie Twin Peaks im Herbst 1990 in die umfangreiche zweite Season (22 Episoden). Die Ermittlungen im Mordfall Laura Palmer gehen weiter und finstere Mächte sind am Werk.

Twin Peaks: Staffel 2 (Twin Peaks: Season 2)
Mystery/Gesellschaftsdrama/Krimi-Serie USA 1990/91. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 22 Folgen. Gesamtlänge: ca. 18 Stunden. TV-Erstausstrahlung: 29. Oktober 1991. Mit: Kyle MacLachlan, Michael Ontkean, Mädchen Amick, Dana Ashbrook, Richard Beymer, Lara Flynn Boyle, Sherilyn Fenn, Warren Frost, Peggy Lipton, James Marshall, Everett McGill, Jack Nance, Ray Wise, Joan Chen, Piper Laurie, Eric Da Re, Harry Goaz, Michael Horse, Sheryl Lee, Kimmy Robertson, Don Davis, Wendy Robie u.v.a. Idee: Mark Frost und David Lynch.



Meet Me in the Red Room
oder „Die Eulen sind nicht, was sie scheinen.“

Twin Peaks im März 1989. Kurz nachdem Dale Cooper (Kyle MacLachlan) in seinem Hotelzimmer von einer maskierten Person angeschossen wurde hat er eine übersinnliche Erscheinung. Im Krankenhaus erfährt der FBI-Agent was in der letzten Nacht alles passiert ist: Psychologe Dr. Jacoby (Russell Tamblyn) wurde niedergeschlagen. Nadine (Wendy Robie), die psychisch labile Ehefrau des Tankstellenbesitzers Ed Hurley (Everett McGill) hat eine Überdosis Tabletten genommen und liegt im Koma. Gleiches gilt für den gewalttätigen Trucker Leo Johnson (Eric Da Re), der ebenfalls angeschossen wurde. Ein weiterer Verdächtiger im Mordfall Laura Palmer wurde erdrosselt. Und das Packard-Sägewerk bei einem Feuer fast völlig zerstört. Catherine Martell (Piper Laurie), Schwägerin der Besitzerin Josie Packard (Joan Chen), gilt seitdem als vermisst.

Wenig später nehmen Cooper und Sheriff Truman (Michael Ontkean) mit ihrem Team die Arbeit wieder auf und versuchen weiterhin den Mörder der Schülerin Laura Palmer zu finden. Lauras beste Freundin Donna Hayward (Lara Flynn Boyle), ihr Freund James Hurley (James Marshall) und Lauras Cousine Maddy Ferguson (Sheryl Lee) setzen ihre eigenen Ermittlungen fort. Aubrey (Sherilyn Fenn), die aufgeweckte Tochter des in allerlei Machenschaften verstrickten Hoteliers Ben Horne (Richard Beymer), findet sich unterdessen in einer misslichen Lage wieder.

Nach der Aufklärung des Mordes an Laura droht allerdings neues Ungemach. Vor allem die Flucht seines ehemaligen Partners, des Soziopathen Windom Earle (Kenneth Walsh), aus der Psychiatrie beunruhigt den FBI-Agenten. Noch dazu verdichten sich die Hinweise, dass in den Wäldern um Twin Peaks urtümliche, dunkle Mächte wirken. Major Garland Briggs (Don Davis) scheint durch seine geheime Arbeit bei der Air Force mehr darüber zu wissen…

Wie bereits im Review zu Staffel 1 erwähnt war ich spät erstmals in den Genuss von Twin Peaks gekommen. Auch beim kürzlichen Rewatch der zweiten Season vermochte mich die Genre-sprengende Serie von Mark Frost und dem kultigen Filmemacher David Lynch (1946-2025) erneut zu überzeugen bzw. begeistern. Während die US-Zuschauer*innen knapp vier Monate warten mussten bis der heftige Cliffhanger an mehreren Fronten aufgelöst wurde folgte im deutschen Fernsehen direkt auf die Ausstrahlung von Season Eins die Premiere der zweiten Runde Ende Oktober 1991. Allerdings brach RTL damals die Ausstrahlung nach Folge 13 ab, weil Konkurrenzsender SAT 1 die Identität des Mörders ausgeplaudert hatte. Die verbleibenden Episoden von Staffel 2 wurden hierzulande erstmals im Januar und Februar 1992 von Tele 5 gesendet.

Nicht nur halte ich Twin Peaks für eine der besten Serien aller Zeiten, die erste Folge der zweiten Staffel gehört für mich zu den besten Fernseh-Episoden der Geschichte. In gut 90 Minuten (anstelle der ansonsten üblichen gut 45 Minuten Laufzeit) werden nicht nur die meisten losen Enden des Finales von Season 1 nahtlos wiederaufgenommen, sondern auch sämtliche Aspekte und zentralen Elemente des ganzen Serienkosmos durchgespielt. Bei dieser schnellen Abfolge von Ereignissen hätte das leicht schief gehen oder zumindest recht reißerisch werden können. Doch die Staffelpremiere funktioniert und gestaltet sich überaus stimmig.

Das zentrale Mysterium der Serie, nämlich wer Laura Palmer getötet hat, wird nach etwa einem Drittel der 22 Episoden enthüllt, bevor es wenig später zum episch-intensiven Abgang des Mörders kommt. Danach wendet sich Twin Peaks anderen Storylines zu, von denen vor allem Dale Coopers früherer Partner Windom Earle und die sukzessive enthüllten, übersinnlichen Mächte der Gegend mehr im Mittelpunkt stehen. Aber auch das Leben der anderen bekannten Figuren in der titelgebenden Kleinstadt wird weiter verfolgt und dabei ganz unterschiedliche Themen behandelt.

In der allgemeinen Wahrnehmung hat die Serie nach dem Ende der zentralen Storyline um den Tod von Laura Palmer an erzählerische Qualität eingebüßt. Mit der Enthüllung des zentralen Mysteriums war der „main selling point“ nicht mehr vorhanden und darunter litten auch die Einschaltquoten massiv. Im Nachhinein bezeichnete David Lynch die vorzeitige Auflösung des Mordfalls, zu welcher die Senderchefs von ABC gedrängt hatten, als großen Fehler. Die Zuschauerzahlen erholten sich nicht und so endete Twin Peaks mit dem Finale von Staffel 2 und einem überaus verstörenden Schlusspunkt. Die im späteren Verlauf nicht mehr ganz so zwingenden Skripts könnten auch darauf zurückzuführen sein, dass die Serienschöpfer Mark Frost und David Lynch (in Gegensatz zu Staffel 1) bei der zweiten Season nicht mehr durchgehend so stark involviert waren, weil sie zur gleichen Zeit an separaten Filmprojekten arbeiteten. Robert Engels und Harley Peyton, welche auch die meisten Drehbücher schrieben, fungierten in dieser Zeit als Showrunner.  

Allerdings kann ich persönlich die negativen Stimmen zum zweiten Jahr der Kultserie nicht ganz nachvollziehen. Ja, man hat sich hier etwas verzettelt und andere inhaltliche Schwerpunkte wären sicherlich keine falsche Wahl gewesen. Aber dennoch bleibt Twin Peaks auch von Episode 9 bis 30 eine absolut herausragende TV-Produktion. Was mich bei der Wiederholungssichtung besonders beeindruckt hat: wie kurios gut das Nebeneinander von Krimi, Mystery, Horror, Gesellschaftsdrama, intrigengespickter Seifenoper, absurder Komik und Slapstick-Humor einfach funktioniert. Und trotz aller für Lynchs Werke typischen surrealistischen Elemente und Überzeichnung gibt es auch immer wieder absolut authentisch-berührende Szenen.

Das mannigfaltige Sammelsurium an nicht selten kauzigen und schrägen Figuren profitiert natürlich davon, dass Frost und Lynch hier ein hochkarätiges, illustres Ensemble versammeln konnten, von denen für mich Kyle MacLachlan als Agent Dale Cooper, Mädchen Amick als Shelley Johnson, Richard Beymer als Benjamin Horne, Sherilyn Fenn als Audrey Horne, Peggy Lipton als Norma Jennings, Jack Nance als Pete Martell, Kimmy Robertson als Lucy Moran, Ray Wise als Leland Palmer, Sheryl Lee als Laura Palmer und Maddie Ferguson, Harry Goaz als Andy Brennan, Don Davis als Major Garland Briggs, Miguel Ferrer als Agent Albert Rosenfield und Catherine E. Coulson als Margaret Lanterman/Log Lady, um nur einige zu nennen, herausragen.   

Vor 35 Jahren, als man im meist auf wenige Sender beschränkten Fernsehen bei fiktionalen Formaten noch kaum Risiken einging und daher oft eher durchschnittliche Kost servierte, revolutionierten Frost und Lynch mit Twin Peaks die TV-Landschaft. Für eine Fernsehproduktion der damaligen Zeit wirkt die Serie auch heute noch überdurchschnittlich inszeniert und gefilmt. Einen großen Anteil daran hat die Musik von Angelo Badalementi, der für Staffel 2 nicht einfach nur vorhandene Themen aufgewärmt, sondern den Score mit weiteren stimmungsvollen Stücken perfekt ergänzt.

Twin Peaks wurde zum Vorreiter des Mystery-Booms im Fernsehen der 1990er, welcher durch Akte X (X-Files;1993-2002) ausgelöst wurde. Kurioserweise spielte David Duchovny, bekannt als Fox Mulder aus den X-Files, hier eine kleine Gastrolle als Transgenderfrau/DEA-Agentin Denise Bryson. Trotz der Absetzung nach Staffel 2 sollte es mit Twin Peaks weitergehend. Ohne Beteiligung von Mark Forst inszenierte und schrieb David Lynch mit Robert Engels als Co-Autor den Film Twin Peaks: Fire Walk with Me (1992), der als Prequel von den letzten sieben Tagen Laura Palmers erzählt. Ein Vierteljahrhundert später gab es tatsächlich eine Fortsetzung der Serie. Die unter dem Titel Twin Peaks: Die Rückkehr (2017) veröffentlichte dritte Staffel (Frost und Lynch schrieben gemeinsam das dicke Drehbuch während Lynch durchgehend Regie führte) spielt 25 Jahre nach den Ereignissen der „Originalserie“ und führt die Zuschauer*innen in teils noch absonderlichere Gefilde.
 
Die zweite Staffel von Twin Peaks ist auf DVD erschienen sowie in der Komplettbox auch auf BluRay erhältlich. Zudem gibt es die komplette Serie aktuell noch bis Dezember 2026 kostenlos in der Arte-Mediathek sowie als Teil des Angebots von MUBI und Paramount+.

Fazit: Obwohl nicht mehr alle Storylines so zwingend wie im ersten Jahr sind bleibt Twin Peaks auch in Staffel 2 ein bahnbrechendes und im besten Sinne eigenwilliges Serienerlebnis.


Leland Palmer dreht auf
Begegnung im Red Room
Denise Bryson und Dale Cooper
Major Briggs



Marius Joa, 9. Mai 2026. Bilder: Paramount.

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