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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 17. Februar 2019

Vor 17 Jahren begann meine “Karriere” als Hobbyfilmkritiker mit der zugebenermaßen nicht sehr kritischen Rezension zu “Der Herr der Ringe: Die Gefährten”. Anlässlich einer Aufführung der “Extended Edition” im Kino habe ich mir diesen Film seit langem wieder einmal angesehen.

 

Luz

Von Marius Joa. Publiziert am 26. Januar 2019

Die Befragung einer geheimnisvollen Taxifahrerin auf einer verlassenen Polizeistation wird zum verstörenden Psycho-Trip. Das Debüt des jungen deutschen Regisseurs Tilman Singer wurde auf dem 45. Internationalen Filmwochenende in Würzburg gezeigt.

Luz
Horrorthriller Deutschland 2018. 70 Minuten. Kinostart: 21. März 2019.
Mit: Luana Velis, Jan Bluthardt, Julia Riedler, Nadja Stübiger, Johannes Benecke, Lilli Lorenz u.a. Drehbuch und Regie: Tilman Singer.

 

Surrealer Retro-Horror

In einer schummrigen Bar trifft Polizeipsychologie Dr. Rosini (Jan Bluthardt) auf die attraktive Nora (Julia Riedler). Während des gemeinsam Konsums unzähliger Drinks erzählt die junge Frau dem Therapeuten von ihrer alten Freundin Luz (Luana Velis), die Nora während ihrer Zeit in einer katholischen Mädchenschule in Kolumbien kennen lernte. Kurz darauf wird Dr. Rosini in die nächste Polizeiwache gerufen, wo eine geistig verwirrte und verletzte Taxifahrerin, eben jene Luz, aufgetaucht ist. In Anwesenheit von Kommissarin Bertillon (Nadja Stübiger) und Übersetzer Olarte (Johannes Benecke) versetzt Rosini Luz in Hypnose und lässt sie die Ereignisse des Tages rekapitulieren. Doch im Verlauf der Befragung treten dämonische Mächte zu Tage…

Genre-Filme haben es in Deutschland äußerst schwer. Blickt man auf das, was in Fernsehen und Kino an einheimischen Produktionen läuft, so kommt man zum Schluss, dass die Zuschauer hierzulande nur Krimis, Liebes-Schmonzetten, alberne Komödien und Geschichtsdramen sehen wollen. Einige Absolventen der hiesigen Filmhochschulen weichen daher vor einem Genre-Beitrag als Abschlussfilm zurück, wie etwa der unterfränkische Regisseur und Drehbuchautor Oliver Kienle, der mit Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung als Diplomfilm ein Drama über Jugendkriminalität drehte und bei seinem zweiten Kinofilm Die Vierhändige einen virtuosen Psychothriller erschuf. Ganz anders bei Tilman Singer. Der 1988 in Leipzig geborene Filmemacher beendete sein Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln mit einem kuriosen Horrorfilm, der seine Stärken vor allem inszenatorisch ausspielt.

Singer und sein Team machen wahrlich das Beste aus seinem geringen Budget von 130 000 € (immerhin Teile davon kamen aus Filmförderungsfonds). Das Hauptgeschehen spielt sich in einem kargen Besprechungsraum eines Polizeigebäudes ab, der vermutlich ansonsten für Pressekonferenzen oder Fortbildungsveranstaltungen verwendet wird. An diesem Schauplatz veranstalten die Figuren ein kurioses Reenactement des letzten Tages aus der Sicht der angeschlagenen Titelfigur. Legen heutige Filme generell ihren Schwerpunkt auf die erzählerische Komponente, so nimmt diesen in Luz keinen großen Stellenwert ein. Wie er im Interview auf dem Festival Européen du Film Fantastique de Strasbourg 2018 erklärte, kümmere ihn die narrative Ebene weniger. Damit bezieht Singer sich auf vergangene Zeiten, als bei Filmen das Urteil “Style over Substance” noch nicht allgemein verpönt war. Die nur fragmentarisch existente Story macht es dem Zuschauer allerdings nicht leicht. Aus meiner Sicht wirkt die Handlung wie eine diffuse Variante der Penny Dreadful-Episode A Blade of Grass (Staffel 3, Folge 4).

Sofern man über die inhaltliche Reduzierung in ausreichendem Maße hinwegsehen kann, so entschädigt Luz die cineastischen Sinne mit einer herrlich anachronistischen Ästhetik. Gedreht wurde der Film auf 16 mm. Das verleiht den Bildern eine im heutigen digitalen Kinozeitalter fast völlig abwesende Grobkörnigkeit. Kameramann Paul Faltz setzt auf statische Einstellungen und minutenlange Takes während im Schnitt (den Singer gemeinsam mit Fabian Podeszwa übernahm) die verschiedenen Erzählebenen gekonnt montiert werden. Neben dem gleichzeitig unheimlich und präzisen Sounddesign leistet der Score von Simon Waskow einen überaus wichtigen Beitrag zur Atmosphäre. Mit seiner Mischung aus surrealen Jazzklängen und unheilschwangeren Synthiebeats bildet die musikalische Seite den zweiten wichtigsten Grundpfeiler neben der antiquiert wirkenden Optik. Zeitweise hatte ich den Eindruck, das (passenderweise in Nonnenkleidern auftretende) Würzburger Elektronik-Duo Hildegard von Binge Drinking hätten aus Motiven des von Goblin aufgenommenen Soundtracks zu Dario Argentos Suspiria (1977) etwas Neues gemischt.

Diese Symbiose aus lückenhafter Handlung sowie dem präzisen Zusammenspiel von Optik und Akustik wirkt durch die örtliche Beschränkung wie eine entfesselte, moderne Theater-Aufführung. Mit seinem Verzicht auf billige Schockeffekte und Splatter funktioniert das Werk gleichzeitig wie ein aus der Zeit gefallener europäischer Horrorfilm, der stilistisch sehr gut in die 1980er passen würde. Luz feierte seine Weltpremiere auf der Berlinale 2018 und lief im gleichen Jahr nicht nur auf diversen internationalen Festivals sondern auch auf dem Fantasy Filmfest. Dank des Filmverleihs Bildstörung startet der experimentelle Genre-Beitrag am 21. März 2019 in den deutschen Kinos.

Fazit: Tilman Singers Abschlussfilm gefällt als inszenatorisch dichter, experimenteller Retro-Trip in vergangene Horrorfilmzeiten. 8 von 10 Punkten.

 

Begegnung in der Bar
Luz wird befragt

 


Marius Joa, 26. Januar 2019. Bilder: Bildstörung.

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