Made in EU

Nach Nordmazedonien und der rheinländischen Provinz führte mich der dritte beim 52. Internationalen Filmwochenende Würzburg gesehene Film in eine bulgarische Kleinstadt, in welcher das Corona-Virus unter den Arbeiterinnen einer Textilfabrik ausbricht. Davon handelt Stephan Komandarevs Drama Made in EU.   

Made in EU
Drama Bulgarien, Deutschland, Tschechien, Türkei 2025. 102 Minuten. Kinostart: 19. Februar 2026. Mit: Gergana Pletnyova, Todor Kotsev, Gerasim Georgiev, Anastasia Ingilizova, Ivaylo Hristov, Ivan Barnev, Martina Peneva, Francesco Frattini u.a. Drehbuch: Stephan Komandarev und Simeon Ventsislavov. Regie: Stephan Komandarev.



Von Arbeitssklaven und Sündenböcken

In einer bulgarischen Kleinstadt, im März 2020. Iva (Gergana Pletnyova) arbeitet wie viele andere Frauen der Gegend in einer vom italienischen Großindustriellen Mancini (Francesco Frattini) kontrollierten Textilfabrik. Die Frauen dort nähen das „Made in EU“-Logo in Mäntel. Mit Schichten von zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag an sechs Tagen die Woche ist die Arbeit hart und die Bedingungen unmenschlich. Denn die Ärzte vor Ort haben die Anweisung, niemanden krank zu schreiben. Wer dennoch einen Arbeitstag verpasst, der verliert die Hälfte des Monatslohns, der als „Bonus“ ausgezahlt wird. Und so schleppt sich Iva auch mit einer Infektion zur Arbeit. Als sie wenig später kollabiert wird sie positiv auf das neuartige Covid19-Virus getestet.

Nachdem weitere Mitarbeiter*innen der Firma sowie ihre Angehörigen erkranken und manche davon sterben wird Iva als „Patientin Null“ zum Sündenbock gemacht und von fast allen Seiten angefeindet. Lediglich der wegen des Notstandes in der Pandemie aus dem Ruhestand zurückgekehrte Dr. Rusev (Ivaylo Hristov) steht noch zu ihr. Von den Schikanen gegen Iva ist auch ihr erwachsener Sohn Misho (Todor Kotsev) betroffen, der mit seiner Freundin Ani (Martina Peneva) eigentlich nach Deutschland auswandern wollte, um seine Karriere als Youtuber voranzutreiben…    

Wie bei Sechswochenamt von Jacqueline Jansen spielt auch Made in EU während der ersten Hochphase der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020. Erstmals von diesem Film hatte ich vor ein paar Wochen durch ein Review bei Filmstarts.de erfahren, welches das Werk als „fahrig“ und „social porn“ abstrafte und ihm damit völlig Unrecht tut. Es stimmt, dass die Geschichte hier pointiert und (wie im Kino nicht unüblich) auf mit eher simplen Strukturen erzählt wird, aber Stephan Komandarev und seinem Team ist hier dennoch ein überaus stimmiges Szenario gelungen, welches man vor zehn Jahren wohlmöglich noch als absurde Satire aufgenommen hätte. Doch die menschenverachtete Idiotie und Absurdität in der Weltpolitik der 2020er Jahre spottet ja bekanntlich mittlerweile jeder satirischen Übertreibung.

Protagonistin Iva bekommt die volle Härte kapitalistischer Ausbeutung ab. Die Witwe schleppt sich trotz Krankheit zur Arbeit, um den „Bonus“ nicht zu verlieren, ohne welchen sie nicht über die Runden kommt. Genau dieses Verhalten und die praktische Abschaffung von ärztlicher Krankschreibung in der Stadt, welche von ein italienischer Unternehmer kontrolliert, wird ihr zum Vorwurf gemacht als sich die Corona-Infektionen vor Ort häufen. Sowohl Iva als auch ihr Sohn werden Opfer von Anfeindungen und Gewalt.

Im Grunde liefern Regisseur Komandarev und sein Co-Autor Simeon Ventsislavov hier eine aktuelle Variante des Motivs der kleinen Leute, die sich gezwungenermaßen einem rigorosen System unterwerfen, das sie ausbeutet und schließlich für die Fehler der Mächtigen zu Unrecht verurteilt. So drastisch die Storywendungen teilweise sind, die Inszenierung und die überzeugenden schauspielerischen Leistungen bleibt die gesamte Laufzeit über angenehm unspektakulär. So wirkt das Gezeigte eben nicht plump, sondern trotz der Überspitzung durchaus vorstellbar. Die Situation der Hauptfigur und ihres Sohnes dürfte zudem recht repräsentativ für viele Arbeiter*innen-Schicksale in der Covid19-Pandemie sein.     

Made in EU startet am 19. Februar 2026 in den deutschen Kinos.

Fazit: Nüchtern-pointiertes Drama über moderne Ausbeutung und die Anfänge der Corona-Pandemie in Bulgarien.



Iva und ihr Sohn Misho



Marius Joa, 1. Februar 2026. Bilder: Jip Film & Verleih.

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