Wenige Tage nach der erstmaligen Sichtung eines Filmes von Jean-Luc Godard, Pierrot Le Fou, stand gleich das nächste Werk des französischen Regisseurs auf dem Programm. Die Verachtung spielt während der Produktion einer Verfilmung der Odyssee und rückt vor allem die sich allmählich auflösende Beziehung eines Autors und seiner Ehefrau in den Mittelpunkt.
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Die Verachtung (Le Mépris)
Drama Frankreich, Italien 1963. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. 104 Minuten. Kinostart: 22. Januar 1965.
Mit: Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance, Giorgia Moll, Fritz Lang u.a. Nach dem Roman von Alberto Moravia. Drehbuch und Regie: Jean-Luc Godard.

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„Der Mensch hat die Götter erschaffen.“
In der Vergangenheit war Paul Jarvel (Michel Piccoli) mit Krimis und Theaterstücken erfolgreich. Nun weilt der französische Schriftsteller gemeinsam mit seiner Frau Camille (Brigitte Bardot), einer ehemaligen Sekretärin, in Rom. In den dortigen Cinecittà-Studios entsteht gerade eine Verfilmung der Odyssee von Homer durch den bekannten österreichisch-amerikanischen Regisseur Fritz Lang (spielt sich selbst). Der amerikanische Produzent Jerry Prokosch (Jack Palance) ist allerdings mit dem Drehbuch und der Herangehensweise Langs unzufrieden. Deswegen will Prokosch Paul engagieren, um das Skript zu überarbeiten und lädt diesen ins Studio ein, wobei die italienische Assistentin Francesca Vanini (Giorgia Moll) als Übersetzerin fungiert. Der Autor zeigt sich allerdings eher zögerlich. Als Camille zur Gruppe stößt erlebt die Ehe mit Paul einen entscheidenden Bruch…
Mein erste Sichtung eines Films der „Nouvelle Vague“, nämlich Pierrot Le Fou (1965) von Jean-Luc Godard (1930-2022), welche im Rahmen des Filmtreffs vom Kino Central im Bürgerbräu in Würzburg stattfand, war eine etwas irritierende und merkwürdige, obgleich durchaus auch interessante Erfahrung. Bei der anschließenden Diskussion wurde angedeutet, dass die anderen Filme des französischen Regisseurs noch weniger zugänglich seien. Dennoch habe ich mir wenig später gleich einen weiteren Streifen von Godard angesehen. Denn das knapp zwei Jahre vor Pierrot Le Fou veröffentlichte Werk Die Verachtung (1963) dreht sich unter anderem um eine Adaption der Odyssee und schließlich hatte ich mich im Vorfeld der aktuellen Neuverfilmung des antiken Versepos von Homer durch Christopher Nolan mit einigen anderen Bearbeitungen des Stoffes befasst (siehe die Reihe Die Odyssee in den Medien auf meinem Blog).

Erst einmal empfand ich Le Mépris, so der französische Originaltitel, weniger sperrig, vor allem weil man hier eher einen Zugang zur Geschichte finden kann. Manches an der turbulenten Beziehung des Ehepaars Camille und Paul bleibt rätselhaft, doch gehört das aus meiner Sicht durchaus zum Reiz des Films. Godard hat hier wahrscheinlich die schwierige Ehe mit Schauspielerin Anna Karina, die in Pierrot Le Fou und zahlreichen seiner weiteren Filme vor der Kamera zu sehen war und welche er oft vernachlässigte, verarbeitet. Höhepunkt von Die Verachtung ist eine etwa halbstündige, aus wenigen langen Takes bestehenden Sequenz wie aus einem Theaterstück, in welcher sich Camille und Paul in ihrer halbfertigen Wohnung immer wieder in die Haare kriegen und versöhnen. Dieser Teil dürfte Sam Levinson möglicherweise zu seinem während der Corona-Pandemie gedrehten Zwei-Personen-Beziehungsdrama Malcolm & Marie inspiriert haben.
Der Auslöser für den Streit hängt wiederum mit der Produktion eines Films in den altehrwürdigen Cinecittà-Studios in Rom zusammen. Als Camille zu den Gesprächen zwischen Regisseur Fritz Lang, Produzent Jerry, Übersetzerin Francesca und Paul hinzukommt wird sie einigermaßen unverhohlen vom Amerikaner „angebaggert“ und reagiert in der Folge abweisend auf ihren Gatten. In den Differenzen zwischen Produzent, Regisseur und Autor wird die Kluft zwischen anspruchsvoller (europäischer) Filmkunst und dem Kino als (amerikanisiertes) Geschäftsmodell thematisiert sowie Godards Abneigung gegenüber Hollywood veranschaulicht.
Aufgrund der Sprachbarrieren (das Ehepaar Javel spricht nur Französisch und Produzent Prokosch nur Englisch, weswegen Prokoschs Assistentin ständig hin und her übersetzen muss; Fritz Lang wiederum versteht alle) treren die Differenzen zwischen den Beteiligten nicht immer ganz direkt ans Licht. Dennoch kommt der von Jack Palance (Mein großer Freund Shane, City Slickers – Die Großstadt-Helden) gespielte US-Produzent als abfällig, übergriffig und ignorant rüber, auch wenn er letztere Schwäche durch ein paar geistreiche Zitate aus seinem Notizbüchlein zu kaschieren versucht. Zudem ist das Frauenbild hier aus heutiger Sicht generell problematisch.
In Person von Fritz Lang, der hier nicht nur einen kurzen Cameo-Auftritt absolviert sondern innerhalb der Handlung eine wichtige Rolle spielt, hat Paul einen Gesprächspartner, um sich tiefergehend über Kunst, Literatur, Philosophie und Film auszutauschen, vor allem über die möglichen Gründe für die lange Abwesenheit des Odysseus von seinem Königreich und seiner Gattin Penelope in Ithaka, was natürlich die Situation mit Pauls eigener Gattin in gewisser Weise spiegelt.
Wie banal nahe Fiktion und Realität beieinander sein können beweisen folgende Vorkommnisse. Als Lang im Film bereits gedrehtes Material des „Odyssee-Films“ vorführt scheint Jerry Prokosch wenig begeistert, mit Ausnahme der Bilder einer im Meer schwimmenden, nackten Frau, die dem Amerikaner sichtlich gefällt. Die Verachtung war eigentlich schon komplett im Kasten als wiederum der echte US-Produzent Joseph E. Levine (dessen aggressive Marketing-Strategien den beiden Hercules–Filmen mit Steeve Reeves in den späten 1950ern zum Erfolg verholfen und damit die weitere Welle der kostengünstig in Italien produzierten Sandalenfilme ermöglichte hatte) (mehr) Nachtszenen mit Hauptdarstellerin Brigitte Bardot (…und immer lockt das Weib) forderte, die dann auch gefilmt wurden. Dabei erlaubte sich Godard mit der nachgedrehten Eröffnung (Camille liegt nackt im Bett mit Paul und fragt ihn, ob er ihre Körperteile denn alle schön fände) einen klaren Seitenhieb gegen Levine. Auch die weiteren Produzenten verhielten sich wie ihr Gegenstück im Film.
Doch abseits aller plumper Zurschaustellung erweist sich Le Mépris als visuell berauschendes Erlebnis, wobei vor allem die drei Primärfarben wirklich gut zur Geltung kommen, seien es die roten und blauen Sofas, das rote Auto des Produzenten oder die gelben Bademäntel. Mit der Villa Malaparte an der Ostküste der Insel Capri, vor allem die breiten Steintreppe mit Meerblick, gibt es zudem einen Schauplatz von malerischer und gleichzeitig schroffer Schönheit, der als perfekter Hintergrund für die Geschichte um eheliche und künstlerische Entfremdung funktioniert.
Die Verachtung von Jean-Luc Godard ist auf DVD und BluRay erhältlich sowie Teil des Angebots der Streaminganbieter Arthaus+ und MUBI. Außerdem gibt es den Film als Stream mit Zusatzkosten bei weiteren Anbietern.
Fazit: Farbenfrohe Mischung aus Beziehungsdrama und kritischer Auseinandersetzung mit der Filmwirtschaft in erlesenen Bildern.
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Marius Joa, 16. August 2026. Bilder: Arthaus/Studiocanal/MUBI.


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