Die Odyssee (2026)

Die Neuverfilmung des antiken Versepos von Homer durch Oscar-Gewinner Sir Christopher Nolan (Memento, The Dark Knight, Oppenheimer), läuft als eines der potenziellen Blockbuster-Highlights des Jahres nun endlich in den Kinos. Mit Matt Damon als Odysseus, Anne Hathaway als Penelope, Tom Holland als Telemachos und weiteren namhaften bzw. hochkarätigen Schauspieler*innen wird der bekannte Stoff neu erzählt.

Die Odyssee (The Odyssey)
Historienepos USA, UK 2026. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 173 Minuten. Kinostart: 16. Juli 2026.
Mit: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, John Leguizamo, Charlize Theron, Zendaya, Samantha Morton, Lupita Nyong’o, Himesh Patel, Jon Bernthal, Mia Goth, Logan Marshall-Green, Bill Irwin u.v.a. Nach Homer. Drehbuch und Regie: Christopher Nolan.



Nolans Neuinterpretation

Tell me about a complicated man,
Muse, tell me how he wandered and was lost
when he had wrecked the holy town of Troy,
and how he went to many different cities,
and learned the minds of many distant men,
and suffered many bitter pains at sea
within his heart, alive and struggling hard
to save his life and bring his comrades home.


(Aus der englischen Übersetzung der Odyssee von Emily Wilson, 2017)

Odysseus (Matt Damon), König von Ithaka, und seine Ehefrau Penelope (Anne Hathaway) sind gerade Eltern eines Sohnes geworden, doch ihr gemeinsames Familienglück währt nicht lange. Denn nachdem Helena (Lupita Nyong’o), Gattin von Spartas König Menelaos (Jon Bernthal), „entführt“ wurde, beruft Agamemnon (Benny Safdie), König von Mykene und Menelaos’ älterer Bruder, alle Fürsten Griechenlands zum Krieg gegen die Stadt Troja. Nach zehn Jahren verlustreicher Belagerung gelingt es dem verbleibenden griechischen Heer dank einer List von Odysseus Troja endlich zu erobern. Doch der Heimweg wird für den König von Ithaka und seine Männer um Eurylochos (Himesh Patel) zum Albtraum.

Fast zehn Jahre nach Kriegsende sehen sich Penelope und der mittlerweile erwachsene Sohn Telemachos (Tom Holland) einer stärker werdenden Bedrohung durch diverse Männer wie Antinoos (Robert Pattinson) ausgesetzt. Jeder der Freier will die Königin heiraten, um über Ithaka zu herrschen. Während Penelope noch an die Rückkehr ihres Gatten glaubt, begibt sich Telemachos nach Sparta, um vom zurückgekehrten Menelaos etwas über das Schicksal seines Vaters zu erfahren…

Odysseus und seine Männer

Im Alter von zwölf Jahren erhielt ich Die schönsten Sagen des Klassischen Altertums, eine Sammlung von Nacherzählungen antiker Mythen, welche der deutsche Pfarrer, Lehrer und Schriftsteller Gustav Schwab (1792-1850) zwischen 1838 und 1840 in drei Bänden herausgegeben hatte, als Geschenk. Seitdem habe ich mich nicht durchgehend, aber immer wieder mit der griechischen Sagenwelt beschäftigt, durch die Lektüre von Nacherzählungen, literarischen Adaptionen (Romane, Comics) und Sachliteratur sowie die Sichtungen von unterschiedlichen Verfilmungen für Kino oder Fernsehen. Der Sagenkreis um den Trojanischen Krieg und die Irrfahrten des Odysseus hat mich dabei immer am meisten fasziniert. In den letzten Wochen und Monaten habe ich mich vor allem mit den bisher existenten direkten Adaptionen der Odyssee als Film oder Miniserie sowie drei Comic-Bearbeitungen beschäftigt (siehe die Reihe Die Odyssee in den Medien auf meinem Blog).   

Verfilmt wurde das vermutlich um 800 vor Christus erstmals niedergeschriebene Epos von Homer schon ein paar Mal. 1954 gab es mit Die Fahrten des Odysseus von Mario Camerini einen ersten Tonfilm, in welcher Leinwandikone Kirk Douglas (1916-2020) den Titelhelden spielte und die es schaffte, die Geschichte gekonnt auf ca. 100 Minuten Laufzeit zu straffen. 70 Jahre später (!) folgte erst die zweite Leinwandadaption, ebenfalls als überwiegend italienische Produktion. Uberto Pasolinis Rückkehr nach Ithaka (2024) erzählt „nur“ von der Ankunft des Odysseus (gespielt von Ralph Fiennes) in Ithaka bis zum „Showdown“ im Palast, und das in überaus kompromissloser, drastischer Weise.

Mehr Zeit nahmen sich zwei TV-Adaptionen. Der europäischen, etwa sechsstündigen Miniserie Die Odyssee aus dem Jahr 1968 von Franco Rossi und Co sowie mit Bekim Fehmiu in der Hauptrolle, gelang es die Geschichte fast komplett zu erfassen, in einer gelungenen Mischung aus Naturalismus und Poetik. Knapp dreißig Jahre später folgte der US-Zweiteiler Die Abenteuer des Odysseus (1997) von Andrei Konchalosky und mit Armand Assante als Odysseus, der den Stoff vereinfacht, aber unterhaltsam gestaltete. 2013 wiederum erschien die 12teilige französisch-italienisch-portugiesische Serie Odysseus. Zudem gab es mit Ulysses: A Dark Odyssey (2018) von Federico Alotto eine moderne Bearbeitung als Gangsterdrama.     

Mit der vorliegenden Version liegt die erste Verfilmung der Vorlage als überaus aufwändiger Hollywood-Blockbuster vor. Ein massives Budget von 250 Millionen US-Dollar standen dem britisch-amerikanischen Filmemacher Christopher Nolan (geboren 1970), der nach meinem Dafürhalten mit Memento (2000), Prestige (2006) und The Dark Knight (2008) schon in der ersten Dekade seines Schaffens drei absolut herausragende Werke geschaffen und zu spät für seinen bis dato letzten Film Oppenheimer (2023) die hochverdiente Oscar-Ehrung erhalten hatte, und seiner Crew zur Verfügung.

Die Dreharbeiten in sieben Ländern (Griechenland, Marokko, Westsahara, Italien, Island, Schottland und USA) zogen sich über etwa ein halbes Jahr, vom 25. Februar bis 5. August 2025. Erstmals wurden ein kompletter Film mit IMAX-70mm-Kameras gedreht wurde, welche bisher nur in manchen Streifen für große Actionsequenzen zum Einsatz gekommen waren. Wohl dem, der die Produktion in ihrer ganzen Breitbildpracht auf eine der wenigen großen IMAX-Kinoleinwände in Deutschland erleben darf. Doch auch auf einer „normal großen“ Leinwand wirken die Bilder eindrucksvoll.

Penelope

Auch wenn Nolans Filme immer sowohl von Kritiker*innen- als auch Zuschauer*innen-Seite sehr positiv aufgenommen werden, ganz ohne Schwachpunkte sind sie nicht. Zurecht wird ihm Mangel an überzeugender Emotionalität vorgeworfen. Und nach der Sichtung von Nolans „Odyssee“ muss ich konstatieren, dass diesbezüglich auch hier noch Luft nach oben bleibt. Was nicht heißen soll, dass die Geschichte gefühlskalt wirkt. Aber in manchen Szenen hätte der emotionale Impact etwas größer sein dürfen. Etwas blass empfand ich auch die Performance von Tom Holland (Spiderman-Filme) als Telemachos. Ein mit dem Ausgangsmaterial gar nicht oder nur wenig vertrautes Publikum dürfte sich im ersten Drittel der knapp dreistündigen Laufzeit schwer tun, denn Nolan, der auch das Drehbuch schrieb und gemeinsam mit seiner Ehefrau Dame Emma Thomas (geboren 1971) produzierte, rauscht hier durch diverse Zeitebenen und Erinnerungsfetzen, bevor das Erzähltempo gnädigerweise etwas nachlässt.

Ab diesem Zeitpunkt entfaltet der Film allerdings sukzessive sein großes inhaltliches Potenzial. Basierend auf der englischen Neuübersetzung des Homerischen Epos durch die britisch-amerikanische Klassizistin Emily Wilson (siehe Eingangstext oben), welche die patriarchalisch-euphemistische geprägte Sprache früherer Übertragungen überwindet und den Text in Modernem Englisch wiedergibt, interpretieren Nolan und sein Team die altbekannte Story in vielerlei Hinsicht neu, unter Beibehaltung der wichtigsten Eckpunkte.
 
Im Gegensatz zu (literarischen) feministischen Adaption wie Die Penelopiade (The Penelopiad; 2005) von Margaret Atwood oder Die Heldinnen von Troja (A Thousand Ships; 2019) von Natalie Haynes bleibt die vorliegende Version bei der weitgehend männlichen Perspektive. Das hält Nolan und Co aber nicht davon ab (um es mal mit einer passenden Metapher auszudrücken) das Pferd im positiven Sinne von den Hufen fast auf den Kopf zu stellen. Dabei wird das ganze romantisierte antike Heldentum auf eher verblüffende Weise dekonstruiert.

Das nichtlineare Aufziehen einer Geschichte (im „rückwärts erzählten“ Memento bereits zur Meisterschaft gebracht) ist vermutlich das bekannteste Markenzeichen des Regisseurs. Gepaart mit meiner guten Kenntnis des antiken Sagenstoffes macht das Nolans neuestes Werk in gewisser Hinsicht vorhersehbar. Dennoch hat es mich überrascht, wie nahtlos das Storymosaik am Ende zusammengefügt wird und wie viele schlüssige Ideen verarbeitet werden. Im Grunde hat Nolan hier sein eigenes Gedicht geschaffen, indem er die bisherigen Zutaten teils neu mischt und gleichzeitig der Erzählstruktur der Vorlage irgendwie treu bleibt. Es gelingt auch ein dringend notwendiges Update der Frauenfiguren wie Penelope, Circe und Calypso, welche nicht auf die bekannten Rollen als Love Interest oder Helferin reduziert werden.

Am Ende ist dieser von Matt Damon (Good Will Hunting, Der Marsianer) gespielte Odysseus kein strahlender Held, dessen List einen glorreichen Krieg gewonnen hat und welchem nur durch die eigene Hybris gegenüber den Göttern die Ankunft zuhause lange Zeit verwehrt geblieben ist, sondern ein von den Grauen des Krieges und seinen eigenen Taten sowie großen Verlusten traumatisierter Mann, welcher das Ende seiner Zivilisation kommen sieht.     

Telemachos

Zusätzlich zur innovativen Aufarbeitung des antiken Sagenstoffes liefert „Die Odyssee 2026“ auch in inszenatorischer Hinsicht. Neben einigen wirklich visuell großartigen Setpieces und der authentischen Umgebung sorgt das wuchtige Sounddesign für ein intensives Kinoerlebnis. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran hat auch Komponist Ludwig Göransson (Oppenheimer). Statt eines klassischen Orchester-Scores setzt der Schwede hier auf zeitgenössische Instrumente der Antike wie Bronzegongs, Lyra und Aulos-Flöten, welche gekonnt mit dissonanter Elektronik gemischt werden.    

Nach dem ich von dem virtuos gefilmten, aber ziemlich klinischen Tenet (2020) und dem an sich recht gelungenen, aber unnötig komplizierten Oppenheimer eher enttäuscht war hat Christopher Nolan aus meiner Sicht mit Die Odyssee  endlich wieder einen wirklich starken Film abgeliefert und seinen Ruf als Schöpfer von anspruchsvollem Blockbuster-Kino bestätigt. Möglicherweise folgt noch ein weiterer Kinobesuch.  

Fazit: Mit seinem 13. Spielfilm als Regisseur liefert Christopher Nolan eine inszenatorisch intensive, zeitgemäße und überaus stimmige Neuinterpretation des antiken Epos von Homer.

Odysseus und Göttin Athene
Zauberin Circe
Schweinehirt Eumaios
Das hölzerne Pferd
Antinoos hat keine Skrupel



Marius Joa, 19. Juli 2026. Bilder: Universal.


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