In wenigen Tagen startet Christopher Nolans überaus aufwändige Verfilmung des antiken Versepos Die Odyssee von Homer in den Kinos. Vor 48 Jahren erschien eine Adaption als europäische Miniserie, mit Bekim Fehmiu als Odysseus und Irene Papas als Penelope.
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Die Odyssee (Odissea)
Historienepos/Miniserie Italien, Jugoslawien, Deutschland, Frankreich 1968.
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Gesamtlänge: ca. 370 Minuten (PAL-DVD). TV-Erstausstrahlung: 19. Oktober 1969.
Mit Bekim Fehmiu, Irene Papas, Barbara Bach, Renaud Verley, Constantin Andrieu, Marina Berti, Roy Purcell, Karl-Otto Alberty, Marcella Valeri, Ivica Pajer, Petar Dobric, Duje Novakovic, Juliette Mayniel, Husein Cokic u.v.a. Erzähler: Leonard Steckel. Nach Homer. Drehbuch: Giampiero Bona, Vittorio Bonicelli, Fabio Carpi, Luciano Codignola, Marco Prosperi, Renzo Rosso. Regie: Franco Rossi, Pietro Schivazappa, Mario Bava.

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Naturalistisch und werktreu
Dank der List mit dem hölzernen Pferd von Odysseus (Bekim Fehmiu) konnten die Griechen den Krieg gegen Troja nach zehn Jahren mühsamer und verlustreicher Belagerung doch noch gewinnen und die Stadt erobern. Fast weitere zehn Jahre sind seitdem vergangen und Odysseus immer noch nicht in sein Königreich Ithaka zurückgekehrt. Ehefrau Penelope (Irene Papas) und Sohn Telemach (Renaud Verley), der seinen Vater bisher nie kennengelernt hat, sehen sich mit der Anwesenheit einer Gruppe von Freiern um Antinoos (Constantin Andrieu) und Eurymachos (Karl-Otto Alberty) konfrontiert, welche den Palast belagern, mit dem Ziel Penelope zu ehelichen und über Ithaka zu herrschen. In der Hoffnung etwas über das Schicksal seines Vaters erfahren verlässt Telemach Ithaka, um bei den Verbündeten in Pylos und Sparta nachzuforschen.
Odysseus wird unterdessen als Schiffsbrüchiger an den Strand der Insel der Phäaken gespült, wo ihn Prinzessin Nausikaä (Barbara Bach) findet. Am Hofe von Königin Arete (Marina Berti) und König Alkinoos (Roy Purcell) beginnt der Gast von seinen Irrfahrten und Abenteuern zu erzählen, vom Zyklopen Polyphem (Samson Burke), der Zauberin Circe (Juliette Mayniel), der unsterblichen Kalypso (Kyra Bester) und weiteren schicksalhaften Vorkommnissen…
Das wahrscheinlich im achten oder siebten Jahrhundert vor Christus entstandene und dem Rhapsoden Homer zugeschriebene antike Versepos Odyssee besteht aus 24 Gesängen und über 12.000 Hexameterversen. Eigentlich zu viel Stoff für einen einzelnen Spielfilm. Dennoch haben es Mario Camerini mit Die Fahrten des Odysseus (1954), Uberto Pasolini mit Rückkehr nach Ithaka (2024) und ganz aktuell Christopher Nolan, dessen höchst aufwändige, knapp dreistündige Leinwand-Adaption am 16. Juli 2026 in den Kinos startet, gewagt. Nicht selten stand Homers Werk auch Pate für moderne Bearbeitungen wie z.B. beim italienischen Thrillerdrama Ulysses: A Dark Odyssey (2018).

Aber im Grunde macht es doch mehr Sinn, den umfangreichen Stoff als Serie umzusetzen. Zuletzt war das Ergebnis bei Odysseus (2013) von Autor Frédéric Azemar und Regisseur Stéphane Giusti, einer französisch-italienisch-portugiesischen Co-Produktion des Senders Arte, allerdings inhaltlich recht durchwachsen, trotz einer beachtlichen Laufzeit von acht Stunden und vierzig Minuten. Der etwa dreistündige US-Zweiteiler Die Abenteuer des Odysseus (1997) von Andrei Konchalovsky (der gemeinsam mit Chris Solimine das Drehbuch schrieb) konnte da schon mehr überzeugen. Der Vollständigkeit halber seien auch zwei Zeichentrickserien genannt: die französisch-japanische Scifi-Animeserie Odysseus 31 (1981/82) versetzt die Handlung in den Weltraum während die deutsch-französische Produktion Mission: Odyssey (2002/03) die Abenteuer des antiken Helden kindgerecht aufbereitet.
Die erste Verfilmung fürs Fernsehen entstand wiederum Ende der 1960er in europäischer Zusammenarbeit. Unter der Ägide von Produzent Dino de Laurentiis und seinem Studio waren die Sendeanstalten RAI aus Italien, ORTF aus Frankreich, das ZDF sowie die deutsche Produktionsfirma Bavaria Film und Jadran Film aus Jugoslawien beteiligt. Über einen Zeitraum von acht Monaten zogen sich die Dreharbeiten, welche neben den Innenaufnahmen in de Laurentiis Filmstudio in Rom überwiegend in Jugoslawien, dessen Szenerie an das (antike) Griechenland erinnerte, stattfanden. Schauspieler*innen aus Italien, Frankreich, Deutschland, Jugoslawien und weiteren Ländern wurden für die zahlreichen Rollen besetzt. In weiteren drei Monaten wurde die Miniserie für die TV-Ausstrahlung in die Hauptsprachen synchronisiert.
In Italien erfolgte die Erstausstrahlung in acht ca. 50minütigen Folgen vom 24. März bis 5. Mai 1968. Die gekürzte deutsche Fassung wurde erstmals vom 19. Oktober bis 9. November 1969, aufgeteilt auf vier Folgen in Spielfilmlänge, im ZDF gesendet. In mehreren europäischen Ländern wurde zudem eine 110 Minuten lange Filmversion in den Kinos gezeigt. Die „ungekürzte“ Fassung mit einer Länge von etwa sechs Stunden und zehn Minuten erschien in Deutschland erstmals 2008 auf DVD und wurde 2020 neu aufgelegt, wobei die wieder eingefügten Szenen nicht synchronisiert sind, sondern nur auf Italienisch mit deutschen Untertiteln vorliegen.
Auch wenn manche Elemente der umfangreichen Vorlage, nämlich die Laistrygonen sowie Skylla und Charybdis, fehlen, so ist Die Odyssee (Originaltitel Odissea) von 1968 die erste Adaption, bei welcher man sich die Zeit genommen hat, das Epos ganzheitlich zu verfilmen. Zwei Besonderheiten sind mir bei der Sichtung direkt aufgefallen. Ein Erzähler (in der deutschen Fassung: Leonard Steckel) beginnt mit einem kurzen Abriss über Troja und schaltet sich auch immer wieder in die Handlung ein. Dies hilft natürlich, den Zuschauer*innen wichtige Hintergrundinformationen zu vermitteln sowie das Innenleben mancher Figuren näherzubringen.

Was Kulissen, Requisiten und Kostüme angeht, so setzte das Team auf eine Mischung aus Naturalismus und Authentizität, etwa beim Set für den Palast von Ithaka, welcher wie die Schiffe auf Basis von archäologischen Funden gebaut wurde. Überhaupt präsentiert sich das Setting in Odysseus’ Heimat sehr bodenständig. Ständig wird schwerer körperlicher Arbeit oder Handarbeiten nachgegangen, während die Kleidung ganz zweckmäßig überwiegend aus Wolle gefertigt wurde. Man kann sich aufgrund dieses naturalistischen Ambientes gut vorstellen, dass man vor etwa 3.000 Jahren so gelebt hat.
Etwas „phantastischer“ und glamouröser präsentieren sich da teilweise die anderen Sequenzen, vor allem wenn Odysseus beim Gott des Windes Aiolus und dessen Familie gastiert und man sich in einem Film von Federico Fellini wähnt. Übrigens die einzige Szene, welche in der gekürzten deutschen Version komplett gefehlt hatte. Auch die Episode mit dem Zyklopen Polyphem (Samson Burke) sticht heraus, wurde sie doch von Mario Bava (Vampire gegen Herakles) inszeniert, bekannt für seine eigenwillig-stimmungsvolle Beleuchtung bzw. geschickte Kameraführung und hier generell für die Spezialeffekte mitverantwortlich.
Bei der Besetzung der ikonischen Rollen kamen überwiegend eher unbekannte Darsteller*innen zum Einsatz. Der albanischstämmige Jugoslawe Bekim Fehmiu (Schwarzer Sonntag) spielte Odysseus. In der zweiten Hauptrolle als Penelope war mit Irene Papas die vermutlich bekannteste Schauspielerin Griechenlands zu sehen, welche im Laufe ihrer langen Karriere immer wieder in Adaption antiker Dramen wie Antigone (1961), Elektra (1962) sowie Die Troerinnen (1971) und knapp drei Jahrzehnte später die Rolle von Odysseus’ Mutter Anitkleia in Die Abenteuer des Odysseus (1997) spielte. Die junge Barbara Bach, bekannt als russische Agentin Anya Amasova in James Bond: Der Spion, der mich liebte (1977), verkörperte Nausikaä, Prinzessin der Phäaken. Das übrige internationale Ensemble fügt sich nahtlos ein.
Die Odyssee manövriert unauffällig, aber geschickt zwischen Realismus und der poetischer Transzendenz Homers. Allerdings wirkt die Geschichte immer wieder dramaturgisch etwas holprig und uneben, vermutlich auch weil für die DVD-Auswertung die TV-Produktion nicht in Form der ursprünglich gesendeten vier oder acht Folgen, sondern lediglich als großer Brocken auf drei Disks aufgeteilt wurde. Für so manche Zuschauer*innen mag das Geschehen auch behäbig wirken. Aber dennoch als Fernseh-Adaption des großen antiken Epos eine bemerkenswerte Leistung.
Die Odyssee von Franco Rossi und Co. ist auf DVD erhältlich.
Fazit: Trotz einer bisweilen etwas holprigen Dramaturgie naturalistisch-poetische und werktreue Adaption des antiken Versepos als Miniserie.
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Marius Joa, 10. Juli 2026: Bilder: Colosseo Film/AL!VE.


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