Die Fahrten des Odysseus (Ungekürzte Fassung)

Am 16. Juli 2026 startet Christopher Nolans aufwändige Leinwandversion der Odyssee in den Kinos. Das dem griechischen Rhapsoden Homer zugeschrieben Versepos wurde aber schon mehrfach verfilmt. Vor siebzig Jahren erschien Die Fahrten des Odysseus von Mario Camerini, mit Leinwand-Ikone Kirk Douglas (1916-2020) in der Hauptrolle, den ich kürzlich erstmals in der ungekürzten Fassung sichtete.

Die Fahrten des Odysseus (Ulisse)
Historien-Abenteuer Italien, Frankreich, USA 1954. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 109 Minuten (ungekürzte Fassung, PAL-DVD). Kinostart: 8. Februar 1955.
Mit: Kirk Douglas, Silvana Mangano, Rossana Podestà, Anthony Quinn, Jacques Dumesnil, Franco Interlenghi, Daniel Ivernel, Sylvie, Ferrucio Stagni, Mario Feliciano, Umberto Silvestri u.v.a. Nach Die Odyssee von Homer. Drehbuch: Franco Brusati, Mario Camerini, Ennio De Concini, Hugh Gray, Ben Hecht, Ivo Perili, Irwin Shaw. Regie: Mario Camerini.



Kirk Douglas in Top-Form

Zehn Jahre lang belagerten die Griechen Troja bevor eine List des erfindungsreichen Odysseus (Kirk Douglas), König von Ithaka, den Krieg beendete und die Stadt zerstört wurde. Nun sind fast weitere zehn Jahre vergangen und Odysseus immer noch nicht heimgekehrt. Ehefrau Penelope (Silvana Mangano) und Sohn Telemach (Franco Interlenghi) verzehren sich vor Kummer, auch weil der Palast von Ithaka seit einiger Zeit von zahlreichen Freiern wie Eurymachos (Mario Feliciano) und Antinoos (Anthony Quinn) belagert werden, welche die königlichen Vorräte verprassen. Auf der Insel der Phäaken findet die junge Prinzessin Nausikaä (Rossana Podestà) unterdessen den gestrandeten Odysseus, der von ihrem Vater, König Alkinoos (Jacques Dumesnil) aufgenommen und von dessen Leibarzt gesund gepflegt wird. Doch Odysseus hat sein Gedächtnis verloren und kann sich erst nach einiger Zeit wieder an seine Abenteuer auf der Heimreise erinnern…

Im Alter von 12 Jahren hatte ich mit der Lektüre von antiken griechischen Sagen angefangen. Über die letzten drei Jahrzehnte habe ich neben wenigen Originaltexten vor allem unterschiedliche literarische Adaptionen und diverse Sachbücher dazu gelesen sowie natürlich ein paar Verfilmungen für Kino und Fernsehen gesichtet, darunter auch Die Fahrten des Odysseus vor knapp 19 Jahren, allerdings nur in der gekürzten deutschen Version. 2010 erschien die ungekürzte Fassung in Deutschland auf DVD. Im Vorfeld der großangelegten Adaption des Stoffes durch den britisch-amerikanischen Regisseur Christopher Nolan (Memento, Dark KnightTrilogie, Oppenheimer) war es daher höchste Zeit für einen erweiterten Rewatch.

Ulisse, so der Originaltitel, entstand als italienisch-französisch-amerikanische Co-Produktion. Ursprünglich sollte der Österreicher Georg Wilhelm Pabst (Die Dreigroschenoper [1931]) Regie führen, sprang aber kurzfristig ab und wurde durch Mario Camerini (Die Helden des Sonntags) ersetzt. Die Dreharbeiten fanden von Mai bis September 1953 in den Ponti-De-Laurentiis-Studios in Rom sowie an unterschiedlichen Schauplätzen im Mittelmeerraum statt. Der später für seine Horrorfilme bekannte Mario Bava (Vampire gegen Herakles) war für die Spezialeffekte mitverantwortlich, fungierte zudem als zweiter Kameramann und Co-Regisseur.

Im Gegensatz zu den wenige Jahre später zu Dutzenden, kostengünstig produzierten, von Hollywood-Monumental-Epen inspirierten Sandalenfilmen war die vorliegende Adaption durchaus aufwändig. Vor allem während der Szenen auf Circes Insel erkennt das geschulte Auge die Handschrift des für sein Farbenspiel und andere praktische Effekte geschätzten Bava. Bis auf ein paar alberne Kostüme und allzu offensichtlich falsche Bärte, die vermutlich im Theater besser aufgehoben wären, sieht der Film für sein Alter noch recht gut aus.

Regisseur Camerini und seinen sechs (!) Co-Autoren, darunter der später im Peplum-Genre fleißige Ennio De Concini (u.a. Die unglaublichen Abenteuer des Herkules, Die Schlacht von Marathon), versuchen erst gar nicht, die umfangreiche Vorlage in einen Spielfilm zu pressen, sondern beschränken sich gekonnt auf das Wesentliche. Einige bekannte (um nicht zu sagen die meisten Elemente) der Odyssee fehlen dadurch, doch gelingt es die zentralen Eckpunkte (inklusive einer Rückblende auf die Zerstörung Trojas) zu vermitteln. Odysseus’ anfänglicher Gedächtnisverlust kommt zwar bei Homer nicht vor, wirkt aber durchaus stimmig.

Die internationale Besetzung setzte sich überwiegend aus italienischen, französischen und amerikanischen Darsteller*innen zusammen. Die zum Zeitpunkt des Drehs nur 23jährige Silvana Mangano (Edipo Re – Bett der Gewalt) spielte gleich zwei Rollen, zum einen Odysseus’ Gemahlin Penelope, zum anderen die Zauberin Circe, eine interessante und gelungene Casting-Entscheidung. Als Phäaken-Prinzessin Nausikaä sehen wir die junge Rossanna Podestà, zwei Jahre später Hauptdarstellerin als schöne Helena in Der Untergang von Troja (1956).

Für Anthony Quinn (Alexis Sorbas), der mit Antinoos einen der zahlreichen Werber um Penelope verkörpert, war dies seine erste von drei gemeinsamen Filmen mit Kirk Douglas. Und die 2020 im biblischen Alter von 103 Jahren verstorbene Hollywood-Legende liefert hier eine herausragende Performance. Dabei agierte der damals 36jährige nicht nur mit vollem Körpereinsatz, sondern lieferte auch fast die komplette Bandbreite an Emotionen ab. Auch bei meiner zweiten Sichtung war die simpel-wirkungsvolle Szene mit den Sirenen dank Douglas ausdrucksstarkem Spiel wieder herzweichend.  

Hinsichtlich der Laufzeit entscheiden sich die gekürzte deutsche Version und die Langfassung um 11 Minuten, welche sich fast ausschließlich aus Dialogszenen zusammensetzen. Die Doppel-DVD-Auswertung von 2010 enthält die „Kurzfassung“ auf Disc 1 und die längere Version auf Disc 2, wobei bei letzterer die „ergänzten“ Szenen in der italienischen Sprachfassung mit deutschen Untertiteln vorliegen. Obwohl als „digital remastered“ ausgewiesen lässt die Bildqualität hier etwas zu wünschen übrig. Möglicherweise liefern DVD-Neuauflage und BluRay-Veröffentlichung von 2018 ein besseres Ergebnis. Als Bonusmaterial gibt es die 42minütige, etwas altbackene, aber nicht ganz uninteressante Dokumentation Die phantastische Reise des Odysseus aus den frühen 2000er Jahren.

Die Fahrten des Odysseus ist auf DVD und BluRay erschienen sowie aktuell Teil des Angebots von Amazon Prime Video.

Fazit: Vor allem dank eines großartigen Kirk Douglas in der Titelrolle und eines einfallsreichen Drehbuchs eine gekonnte Adaption des antiken Helden-Epos.


Penelope und ihre Familie sind verzweifelt
Nausikaä findet den gestrandeten Odysseus
Antinoos ist einer der Freier
Polyphem der Zyklop



Marius Joa, 29. Mai 2026. Bilder: Colosseo Film/AL!VE.

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