Eraserhead

Vor einem Jahr verstarb Kultregisseur David Lynch wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag. Mit Eraserhead hatte Lynch 1977 nach vier Jahren Dreharbeiten sein eigenwilliges Spielfilmdebüt veröffentlicht.

Eraserhead
Mystery-Drama/Horrorfilm USA 1977. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 86 Minuten (PAL-DVD). Kinostart: 7. September 1979.
Mit: Jack Nance, Charlotte Stewart, Judith Anna Roberts, Laurel Near, Allen Joseph, Jeanne Bates u.a. Drehbuch und Regie: David Lynch.



Albtraum Vaterschaft

Henry (Jack Nance) arbeitet als Drucker in einer Fabrik. Während seines Urlaubs besucht er seine Freundin Mary (Charlotte Stewart) und deren Eltern (Jeanne Bates, Allen Joseph). Marys Mutter erklärt Henry, dass im Krankenhaus ein von Mary geborenes, missgestaltetes Kind liegt und er der Vater sei. Gemeinsam mit ihrem absonderlichen Sprössling beginnt das Paar in Henrys kleinem Apartment zu leben. Doch das ständige Schreien des monströsen Säuglings und seine Unfähigkeit, Nahrung richtig aufzunehmen, treiben die jungen Eltern zur Verzweiflung. Mary zieht zurück zu ihren Eltern und lässt Henry mit dem Kind allein. Der ratlose Vater erlebt in der Folge sonderbare albtraumhafte Vorgänge…

David Lynch (geboren am 20. Januar 1946) hatte als Maler gearbeitet und mehrere Kurzfilme inszeniert bevor er sich in den 1970ern an sein erstes abendfüllendes Werk als Regisseur wagte, dass er während seines Studiums am American Film Institute in Los Angeles. Finanziert wurde die Produktion durch Lynch und seine Crew, darunter Hauptdarsteller Jack Nances Ehefrau, die später als „Log Lady“ in Twin Peaks bekannte Catherine E. Coulson, Schauspielerin Sissy Spacek und ihren Ehemann Jack Fisk, der die Rolle des Mann im Planeten spielte. Lynch übernahm nicht nur Produktion, Drehbuch und Regie, sondern auch Szenenbild, Schnitt, und in Teilen den Ton. Wegen dem geringen Budget zogen sich die Dreharbeiten über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren, von Mai 1972 bis Oktober 1976. Im März 1977 feierte Eraserhead seine Premiere in Los Angeles. In den westdeutschen Kinos lief der Film ab September 1979. Anfänglich noch eher verschmäht entwickelte Lynchs Langfilmdebüt sukzessive einen gewissen Kultstatus.

Henry kann nicht schlafen

Eigentlich begann ich mich erst ab 2017 durch meine Erstsichtung der von Lynch gemeinsam mit Mark Frost entwickelten Kultserie Twin Peaks (1990/91) mit dem Werk des Filmemachers etwas zu beschäftigten. Seine umstrittene Verfilmung des Romans Dune – Der Wüstenplanet von Frank Herbert hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon mehrmals gesehen. Daraufhin folgten Sichtungen von mehreren Kurzfilmen, dem Twin Peaks-Kinoprequel (1992), der späten dritten Staffel und Mulholland Drive (2001). Nachdem David Lynch vor einem Jahr leider verstarb, erwarb ich die große blaue DVD-Box mit all seinen Filmen, um endlich mal dem Werk des großen Kino-Surrealisten chronologisch zu widmen.

Lynchs erster Spielfilm gilt aus vielen Gründen als Kultfilm unter den sogenannten „midnight movies“ und als Kuriosität, allein schon durch die lange Produktionszeit und das geringe Budget von lediglich etwa 100.000 US-Dollar. Aber vor allem, was Meister Lynch als junger Mann da auf Zelluloid gebannt hat irritiert und begeistert seit knapp fünf Jahrzehnten Filmfans. Der albtraumhafte Trip des Protagonisten entführt auch die Zuschauer*innen in allerlei unerklärliche Geschehnisse und Merkwürdigkeiten. Neben dem undefinierbaren Kind sind das unter anderem ein finsterer Planet am Nachthimmel, der von einem an Frankensteins Monster erinnernden Mann gesteuert wird, und eine „pausbäckige“ Frau, die scheinbar auf einer Bühne im Heizkörper von Henrys Schlafzimmer lebt.

Atmosphärisch bewegt sich Eraserhead irgendwo zwischen Film Noir und industrieller Tristesse. Die Stadt, in welcher Henry lebt, scheint überwiegend menschenleer, trägt postapokalyptische Züge und wirkt wie ein Zerrbild der in Hollywood-Produktionen präsentierten „heilen“ Welt der 1950er. Und das überbordende Sound-Design von Lynch und Alan Splet trägt seinen Beitrag zur düsteren, surrealen und unheimlichen Stimmung bei.

Das gesamte Werk von David Lynch umgibt eine Aura des unerklärlichen Übersinnlichen. Auf Erläuterungen vom Filmemacher durfte man dabei nicht erhoffen, er ließ seine Filme, Kurzfilme und Serien für sich selbst stehen. Die Interpretation bleibtdem Publikum überlassen. Was die ganze absonderliche Geschichte von Eraserhead bedeuten soll, darüber gibt es ein paar Theorien. Am schlüssigsten erscheint mir die These, dass es hier um die Verzweiflung von mit ihrem gerade geborenen Nachwuchs überforderten Eltern, speziell einem überforderten Vater, geht, der davon träumt, Sexualität ohne Konsequenzen ausleben zu können und mit seinem eigenen Kind nichts anzufangen weiß.

Das Mysterium um den Film wird auch dadurch aufrechterhalten, dass bis auf die wenigen Crewmitglieder niemand je erfahren hat, wie genau das „Monsterbaby“ zum Leben erweckt wurde. Spannend auch, dass viele Details und Stimmungen aus Lynchs Debüt in seinen späteren Werken auch immer wieder auftauchen sollten. Eraserhead hat sich aufgrund seiner eigenwilligen Atmosphäre und Ästhetik sowie der surrealistischen Handlung seinen Kultstatus eindeutig verdient. Auch wenn der Film natürlich wahrlich keine leichte Kost bietet.   

Eraserhead ist auf DVD und BluRay erhältlich, Teil des Angebots von Arthaus+ sowie als kostenpflichtiger Stream bei mehreren Anbietern verfügbar.

Fazit: David Lynch lieferte mit Eraserhead nicht nur ein kurios-eigenwilliges Filmdebüt, sondern auch einen surrealen-albtraumhaften Trip eines überforderten Vaters. 8 von 10 Punkten.


Abendessen mit Mary und ihren Eltern
Die Frau im Heizkörper



Marius Joa, 18. Januar 2025. Bilder: Studiocanal/Arthaus.


Beitrag veröffentlicht

in

von

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner