Vor zwanzig Jahren veröffentlichte David Lynch (1946-2025) seinen letzten Kinofilm. Inland Empire dreht sich um eine von Laura Dern gespielte Schauspielerin, welche während der Dreharbeiten ihres neuen Filmes allmählich zwischen Realität und fiktionaler Handlung nicht mehr unterscheiden kann. Allerdings steckt viel mehr in diesem knapp dreistündigen Werk.
—

Inland Empire
Mystery-Thriller/Experimentalfilm USA, Frankreich, Polen 2006. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 173 Minuten (PAL-DVD). Kinostart: 26. April 2007.
Mit: Laura Dern, Justin Theroux, Jeremy Irons, Peter J. Lucas, Karolina Gruszka, Harry Dean Stanton, Julia Ormund, Krzysztof Majchrzak u.v.a. Drehbuch und Regie: David Lynch.

—
Laura im undurchdringlichen Lynch-Labyrinth
Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern) wird für die weibliche Hauptrolle in On High in Blue Tomorrows, dem neuen Film des britischen Regisseurs Kingsley Stuart (Jeremy Irons) gecastet, der sich um die verbotene Liebe zweier anderweitige verheirateter Menschen dreht. Bei der ersten Drehbuchbesprechung erzählt Kingley Nikki und ihrem Spielpartner Devon Berk (Justin Theroux), dass es sich bei dem Film um ein Remake handelt. Das Original wurde gedreht, allerdings nie fertiggestellt, weil die beiden Hauptdarsteller*innen vor Ende der Produktion ermordet wurden. Im Verlauf der Dreharbeiten zu On High in Blue Tomorrows bemerkt Nikki, dass für sie die Grenzen zwischen der Realität und der Filmhandlung allmählich verschwimmen. Entgegen der Warnung ihres einflussreichen polnischen Ehemanns Piotrek (Peter J. Lucas) beginnen Nikki und Devon wie die von ihnen verkörperten Figuren eine Affäre…
Wenn man Twin Peaks: Die fehlenden Teile (Twin Peaks: The Missing Pieces; 2014), eine Compilation von geschnittenen Szenen aus Twin Peaks: Fire Walk With Me (1992), nicht mitrechnet, so war Inland Empire David Lynchs letzter Spielfilm als Regisseur. Bis zu seinem Tod im Januar 2025 kurz vor seinem 79. Geburtstag sollte der Kult-Filmemacher, Künstler und Musiker „nur“ noch Kurzfilme (wie What Did Jack Do? und Fire [PoZar]), Musikvideos und alle 18 Episoden der Rückkehr von Twin Peaks inszenieren. Ausgerechnet mit seinem zehnten und letzten Kinofilm forderte der Altmeister des Surrealen und Albtraumhaften die Zuschauer*innen noch einmal richtig heraus.

Die obige Zusammenfassung der Handlung deckt grob die ersten 60 bis 75 der insgesamt 173 Minuten Gesamtlaufzeit ab. Bis dahin präsentiert sich die Geschichte noch recht stringent. Doch danach avanciert Inland Empire, benannt nach der gleichnamigen Metropolregion in Südkalifornien, zum rätselhaften, merkwürdigen, teils albtraumhaften Labyrinth, in welchem sich drei oder vielleicht sogar fünf Filme immer wieder zu überschneiden scheinen.
Lynchs zehnte Regie-Arbeit fürs Kino entstand über einen Zeitraum von drei Jahren, wobei er nicht nur wie sonst Skript, Produktion und Regie übernahm, sondern auch Kameraführung, Schnitt sowie gemeinsam mit Marek Zebrowski die Musik. Gedreht wurde nicht etwa auf klassischem Filmmaterial, sondern Digital Video, was das Werk vor allem zu Beginn wie eine Mischung aus Heimvideo und Behind-the-Scene-Doku wirken lässt. Die Dreharbeiten, überwiegend in Polen, aber auch Los Angeles, fanden ohne ein fertiges Drehbuch statt. Teilweise schrieb Lynch manche Szenen erst kurz bevor diese gefilmt wurden. Das erklärt zumindest die wirre zweite Hälfte.
Unheimliche Szenen mit anthropomorphen Hasen (Material aus David Lynchs 2002 veröffentlichter Webserie Rabbits), eine wiederkehrende Gruppe von Prostituierten, Zirkusleute, Sequenzen im winterlichen Polen, kuriose Begegnungen, Doppelungen/Spiegelungen, dazu die Möglichkeit von Paralleluniversen und Zeitreisen. Mit fortschreitender Spielzeit mutiert Inland Empire zu einem zunehmend experimentellen und surrealen Trip, der diesbezüglich aus meiner Sicht sogar Eraserhead und Mulholland Drive in den Schatten stellt. Definitiv nicht einfach zu konsumieren, aber dennoch durchaus kurios und auf seine eigene Weise spannend. Und Laura Dern (nach Blue Velvet und Wild at Heart zum dritten Mal in einem Lynch-Film) liefert hier sehr wahrscheinlich die Performance ihres Lebens ab.
Zur Filmkritik von Sarah Böhlau vom 12. April 2007
Inland Empire ist auf DVD und BluRay erhältlich sowie Teil des Angebots der Streaminganbieter Arthaus+ und MUBI.
Fazit: Teils reizvolles, aber vor allem in der zweiten Hälfte zunehmend undurchdringliches Film-Experiment.
—


—
Marius Joa, 18. Oktober 2026. Bilder: Studiocanal/Arthaus/Concorde.


Schreibe einen Kommentar