Gothic (1986)

Eine stürmische Nacht im Juni 1816 gilt als die Geburtsstunde moderner Horrorliteratur. 170 Jahre später hat Regisseur Ken Russell (Der Höllentrip) die Ereignisse in seinem Film Gothic nachgezeichnet.



Gothic
Horror/Psychodrama UK 1986. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. 88 Minuten (BluRay). Kinostart: 30. April 1987.
Mit: Gabriel Byrne, Julian Sands, Natasha Richardson, Myriam Cyr, Timothy Spall u.a. Drehbuch: Stephen Volk. Regie: Ken Russell.



The night is dark and full of terrors

Juni 1816. Der gefeierte und berüchtigte Dichter Lord Byron (Gabriel Byrne) hat sich fernab der Skandale in England in eine Villa am Genfer See zurückgezogen, wo er mit seinem Leibarzt Dr. John Polidori (Timothy Spall) und einer Gruppe von Dienern lebt. Den ebenfalls als Poeten bekannten Percy Bysshe Shelley (Julian Sands), seine Geliebte Mary Godwin (Natasha Richardson) und deren Stiefschwester Claire (Myriam Cyr) empfängt Byron als Gäste. Er überredet diese nach der gemeinsamen Lektüre eines Buches mit Gruselgeschichten zu einem Versteckspiel und anschließend zu einer Séance mit einem Totenschädel. Claire erleidet einen schrecklichen Anfall und wird von Polidori versorgt. Angefacht von Alkohol und Drogen erleidet jeder des Quintetts im Verlaufe einer stürmischen Nacht schaurige Visionen und Wahnvorstellungen, welche die Anwesenden mit ihren eigenen Dämonen konfrontieren… 

1816 ging in Europa und dem Nordosten Amerikas als das „Jahr ohne Sommer“ (umgangssprachlich „Eighteen hundred and froze to death“ bzw. „Achtzehnhundertunderfroren“) in die Geschichtsbücher ein. Wie man heute vermutet, war die Ursache der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im April 1815. In Europa sorgte dies für ungewöhnliche kaltes Wetter mit Ernteausfällen, schwere Unwetter und Überschwemmungen. Im Juni 1816 besuchten die Schriftsteller Percy Bysshe Shelley und Mary Godwin (später Shelleys Ehefrau) gemeinsam mit Marys Stiefschwester Claire Dichter Lord Byron in der von ihm gemieteten Villa Diodati am Genfer See in der Schweizer Gemeinde Cologny, wo auch Byrons Leibarzt Dr. John Polidori weilte. Wegen der schlechten Witterung verbrachten Byron und seine Gäste die meiste Zeit drinnen, begannen sich angeregten Diskussionen über diverse Themen zu widmen sowie eigens geschaffene Gruselgeschichten zu erzählen.

Zwei dieser Werke sollten wegweisend für die Horrorliteratur werden: die Kurzgeschichte Der Vampyr (Originaltitel: The Vampyre, 1819) von John Polidori und der Roman Frankenstein (Frankenstein; or The Modern Prometheus, 1818) von Mary Shelley. Wie sich die Nacht, in welcher die Vampirliteratur und Mary Shelleys Kreatur entstanden, abgespielt haben könnte, das erzählt der britische Regisseur Ken Russell (1927-2011; Die Teufel [1971], Der Höllentrip, Der Biss der Schlangenfrau) in Gothic, auf Basis des Drehbuchs von Stephen Volk (Awakening – Geister der Vergangenheit).

Aus heutiger Sicht besteht der Cast zu einem Großteil aus bekannten Namen in jungen Jahren. Gabriel Byrne (Excalibur, Die Üblichen Verdächtigen, In Treatment) spielte den berühmt-berüchtigten Lord Byron, während der im Juni diesen Jahres tot aufgefundene Julian Sands (Zimmer mit Aussicht, Warlock – Satans Sohn) als Percy Bysshe Shelley zu sehen war. Die ebenfalls zentrale Rolle von Mary Godwin (später Mary Shelley) übernahm Natasha Richardson, die 2009 mit 45 Jahren an den Folgen eines Skiunfalls verstorbene Tochter von Vanessa Redgrave und Schwester von Joely Richardson. Neben der Kanadierin Myriam Cyr (I Shot Andy Warhol) als Marys Stiefschwester Claire sehen wir hier auch den jungen Timothy Spall (Harry Potter-Filme, Mr. Turner – Meister des Lichts) als Dr. Polidori.

Gedreht wurde mit einem Budget von zwei Millionen britischen Pfund nicht etwa am Originalschauplatz in der Schweiz, sondern in der englischen Grafschaft Hertfordshire. Neben Leben und Werk der fünf historischen Figuren war das Gemälde Nachtmahr (1781) des schweizerisch-englischen Malers Johann Heinrich Füssli (1741-1825, auf Englisch Henry Fuseli) eine der Hauptinspirationsquellen. Mit dem kleinwüchsigen Schauspieler Kiran Shah (Jäger des verlorenen Schatzes, Die Rückkehr der Jedi-Ritter) wurde das prägende Bild im Film nachgestellt und fand als Poster Verwendung. 

Russell inszeniert das schicksalhafte Zusammentreffen der fünf Charaktere als intensiven, drogengeschwängerten Trip in die Abgründe der menschlichen Psyche, in einer Grauzone zwischen Theater-Performance und Kinematographie, dezenter Andeutung und fassbarem Schrecken. Dabei profitiert der Film auch von der hervorragenden Dynamik des Darsteller-Quintetts. Allerdings wirkte die Szenerie auf mich bisweilen etwas übertrieben und inhaltlich ein wenig diffus. Die Musik von Thomas Dolby pendelt zwischen gekonnter Untermalung und überzogenen Synthie-Elementen. Mit Schwarzer Sommer (Haunted Summer, 1988) von Ivan Passer und Mary Shelley (2017) von Haifaa Al-Mansour sollten sich später weitere Filme mit der gleichen Thematik befassen.   

Gothic von Ken Russell ist auf BluRay und DVD erhältlich sowie als Stream bei MGM+ (über Amazon Prime Video) abrufbar.

Fazit: Überbordender, intensiver Horror-Trip zwischen Wahn und Wirklichkeit, der bisweilen etwas über das Ziel hinausschießt. 7 von 10 Punkten.


Percy Shelley, Mary Godwin und John Polidori
Lord Byron



Marius Joa, 10. August 2023. Bilder: NSM/MGM.


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