Am vergangenen Wochenende erlebte ich meinen ersten Kinobesuch in diesem Jahr. Silent Friend von der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi dreht sich um einen alten Gingko-Baum im Botanischen Garten der Universität Marburg und wie er drei verschiedene Generationen beeinflusst.
—

Silent Friend
Drama Ungarn, Deutschland, Frankreich, China 2025. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. 147 Minuten. Kinostart: 15. Januar 2025.
Mit: Tony Leung Chiu-Wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Rainer Bock, Marlene Burow, Sylvester Groth, Yun Huang, Léa Seydoux, Martin Wuttke u.v.a. Drehbuch und Regie: Ildikó Enyedi.

—
Der Baum von Marburg
Im Botanischen Garten der Universität Marburg in Hessen steht ein majestätischer etwa zweihundert Jahre alter Gingko-Baum. 1908 kommt mit Greta (Luna Wedler) die erste Frau zum Studium an die Uni Marburg. Von den anderen ausschließlich männlichen Studierenden wird sie kritisch beäugt. Einen neuen Zugang zur Welt der Pflanzen erhält Greta durch ihre Arbeit bei einem Fotografen (Martin Wuttke). Im Jahre 1972 ist es der einzelgängerische Student Hannes (Enzo Brumm), der seiner Kommilitonin Gundula (Marlene Burow) bei ihrem Experiment mit einer Geranie hilft und so seinen eigenen Forschergeist erweckt. 2020 kommt der chinesische Neurologe Tony (Tony Leung Chiu-Wai) als Gastprofessor nach Marburg, um sein Fachgebiet, die Erforschung der Gehirnwellen von Babys, vorzustellen. Doch als die Corona-Pandemie weltweit ausbricht und die Universität in den Lockdown geht, bleibt Tony allein mit einem wortkargen Hausmeister (Sylvester Groth) zurück, der noch dazu kein Englisch spricht. Doch der Gastwissenschaftler befasst sich immer mehr mit dem großen Baum…
Mit Béla Tarr starb Anfang des Jahres eine der wichtigsten ungarischen Filmemacher*innen im Alter von 70 Jahren. Seine gleichaltrige Landsfrau Ildikó Enyedi ist allerdings noch quicklebendig. Ihr neunter Spielfilm als Regisseurin stellt einen zweihundert Jahre alten Baum im Botanischen Garten der Universität von Marburg in den Mittelpunkt und erzählt anhand dieses zeitlosen Giganten drei Geschichten in unterschiedlichen Zeitebenen. Allerdings nicht nacheinander, sondern ineinander verschränkt, wie bei Mascha Schillinskis Generationen-Drama In die Sonne schauen. Nur dass bei Silent Friend nicht um Traumata geht, sondern die Faszination der Natur und wie diese Faszination die Wissenschaft beflügelt.

Die älteste Episode in Schwarzweiß dreht sich um die junge Greta, die als erste Frau in Marburg studieren darf. Aufgrund dieser Sonderstellung wird sie natürlich von allen Seiten kritisch betrachtet und muss sich immer wieder behaupten. Eher zufällig entdeckt sie die Fotografie für sich und erhält dadurch eine neue Perspektive auf ihr Studienfach. Im zweiten, 1972 angesiedelten Erzählstrang, lebt Hannes ziemlich an seinen Mitstudierenden vorbei, bis ein Experiment sein Interesse an der Pflanzenwelt weckt. 2020 wiederum sieht sich der Professor aus Hongkong in seinen Forschungen durch die Lockdown-Maßnahmen in der Covid19-Pandemie ausgebremst und fristet ein einsames Dasein in den Uni-Gebäuden, bis er sich dem titelgebenden Baum zuwendet.
Enyedi und ihr Team montieren die drei Geschichten nahtlos. Dabei wird immer wieder plötzlich, aber völlig organisch hin- und hergewechselt. Dazu kommen immer wieder magisch-mystisch anmutende Aufnahmen des großen Baumes und surreale Einblicke in sein mögliches Eigenleben. Insgesamt besticht Silent Friend durch seine bodenständige Erzählung und ruhige Atmosphäre. Dazu versammelt die Regisseurin eine internationale Besetzung: Neben den Jungschauspieler*innen Luna Wedler (Je Suis Karl), und Enzo Brumm (Viktor bringt’s) sehen wir die erfahrenen deutschen Mimen Sylvester Groth (Deutschland 83) und Martin Wuttke (Tatort [1998-2023]) sowie die weltweit bekannten Stars Tony Leung Chiu-Wai (In the Mood for Love, Hero) und Léa Seydoux (The Beast). Im Kern verstehe ich den Film so, dass selbst in unserer von Wissenschaft und technologischem Fortschritt geprägten Zeit die Natur und vor allem die Pflanzenwelt in weiten Teilen immer noch Rätsel aufgibt.
Fazit: Meditatives Werk über einen majestätischen Baum im Botanischen Garten von Marburg und die Faszination, welche von der Pflanzenwelt ausgeht. 8 von 10 Punkten.
—


—
Marius Joa, 22. Januar 2026. Bilder: Pandora.


Schreibe einen Kommentar