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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 16. November 2019

Über ein Jahr nach den ersten zehn Folgen wurde die erste Staffel von “Disenchantment”, der Fantasy-Trickserie von “Simpsons”-Schöpfer Matt Groening fortgesetzt. Es gibt viel zu verarbeiten, für Heldin Bean und ihre Freunde…

 

The Favourite

Von Marius Joa. Publiziert am 24. Februar 2019

In The Favourite kämpfen zwei Frauen um die Gunst der englischen Königin Anne. Das Historiendrama des griechischen Regie-Exzentrikers Yorgos Lanthimos erhielt zehn Nominierungen für die heute Nacht stattfindende Oscar-Verleihung 2019. Zu recht!

The Favourite – Intrigen und Irrsinn (The Favourite)
Historiendrama/Satire UK, Irland, USA 2018. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 120 Minuten. Kinostart: 24. Januar 2019.
Mit: Olivia Colman, Rachel Weisz, Emma Stone, Nicholas Hoult, Joe Alwyn, Mark Gatiss, James Smith u.a. Drehbuch: Deborah Davis und Tony McNamara. Regie: Yorgos Lanthimos.

 

 

The Sickness of Queen Anne

England im Jahre 1708. Da Königin Anne (Olivia Colman) alles andere als bei bester Gesundheit ist, kümmert sich ihre Vertraute Lady Sarah (Rachel Weisz), Ehefrau des Herzogs von Marlborough (Mark Gatiss), um alle Regierungsgeschäfte. Als Sarahs verarmte Cousine Abigail (Emma Stone) an den Hof kommt, gewinnt sie durch ihre Heilkünste und ihre Schmeicheleien schnell die Gunst der Königin. Sarah sieht sich durch ihre Verwandte allmählich in ihrer Stellung bedroht. Ein erbitterter Kampf um den Platz an der Seite Annes entbrennt zwischen den beiden Frauen…

Im Januar kamen zwei Filme über starke Frauen an der Spitze der britischen Monarchie(n) in die deutschen Kinos und erhielten zugleich mehrere Oscar-Nominierungen. Zum einen Maria Stuart, Königin von Schottland, das Filmdebüt der Theaterregisseurin Josie Rourke über den Konflikt zwischen der von Saoirse Ronan gespielten schottischen Königin und ihrer Konkurrentin Elisabeth I von England (Margot Robbie) sowie The Favourite vom griechischen Filmemacher Yorgos Lanthimos über die Rivalität zweier Cousinen, die um den Platz an der Sonne an der Seite ihrer indisponierten Herrscherin streiten. Aus zwei Gründen habe ich mich beim Kinobesuch für letzteres Werk entschieden. Zum einen weil ich die Konstellation Elisabeth vs. Maria schon in Elizabeth: Das Goldene Königreich (mit Cate Blanchett und Samantha Morton) und dem TV-Zweiteiler Elizabeth I (mit Helen Mirren und Barbara Flynn) gesehen hatte. Zum anderen weil mich Lanthimos vorheriger Film The Killing of a Sacred Deer (mit Colin Farrell, Nicole Kidman und Barry Keoghan) auf eine irritierende Weise gefesselt hatte.

Lanthimos verfilmt bei seiner siebten Regie-Arbeit erstmals kein eigenes Drehbuch. Autorin Deborah Davis schrieb die erste Fassung des Skripts bereits 1998, nachdem sie intensiv über Königin Anne, Lady Sarah und deren Cousine Abigail recherchiert hatte, vor allem in der vierteiligten Biographie über den Herzog von Marlborough von dessen Nachfahren Winston Churchill, besser bekannt als Englands Premierminister von 1940 bis 1945 bzw. 1951 bis 1955. Als die Produktion nach langer Zeit dann allmählich ins Rollen kam wurde das Drehbuch durch den Australier Tony McNamara (The Rage in Placid Lake) überarbeitet.

Zwar dürfte The Favourite Fans gängiger Historienschinken zumindest mit seinem detailreich-opulenten Szenenbild und den prunkvollen Kostümen gefallen, die übrigen Bestandteile Period-Piece-Puristen allerdings ziemlich aus ihrer Wohlfühlzone holen. Lanthimos überzeichnet und entlarvt hier das absurde Reglement sowie die Auswüchse höfischen Lebens zur Zeit absolutistischer Monarchien, wobei beide Aspekte durchaus auch als Projektionsfläche für heutige Machtstrukturen taugen. Wenn sie nicht gerade versuchen, ihre persönlichen Agendas an der inoffiziellen Premierministerin Lady Sarah vorbei durchzusetzen, so verbringen die (männlichen) Adeligen ihre Zeit mit Entenrennen im Palast, bewerfen nackte Höflinge mit Äpfeln, feiern Parties mit albern wirkenden Tänzen oder “fachsimpeln”, wie sie Hofdame XY am besten aufs Kreuz legen können. Kuchen, Hummer, Wein (oder auch mal eine eher seltene Ananas) inklusive.

In Person von Anne manifestieren sich zudem die Schwächung europäischer Dynastien. Die englische Königin (von 1702 bis zu ihrem Tod 1714) durchlebte siebzehn Schwangerschaften, von denen alle bis auf eine in Fehl- oder Totgeburten endeten. Ein Sohn erreichte das Alter von elf Jahren. Im Film hoppeln diese Kinder “wiedergeboren” als Kaninchen durch die Gemächer der Königin. Bei Selyse Baratheon in der dritten Staffel von Game of Thrones war der Totenkult jedenfalls weniger niedlich. Die schweren Verluste haben ihre Spuren hinterlassen. Anne leidet nicht nur an Depressionen und Stimmungsschwankungen, sondern wird durch Gicht und andere Gebrechen körperlich stark beeinträchtigt. Und doch hat Englands Herrscherin immer wieder lichte und dominante Momente, wenngleich mit der Zeit ihr Gesicht immer ausdruckloser, ihr Blick immer kraftloser und leerer wird.

Im Zentrum dieses bisweilen boshaften Sittengemäldes steht freilich die Dreiecksbeziehung von Königin Anne, Lady Sarah und Abigail. Sarah behandelt ihre Herrscherin und Geliebte mit brutaler, gleichzeitig fürsorglicher Ehrlichkeit, wohingegen Abigail die Monarchin mit Schmeicheleien einwickelt. Anne genießt das Ringen um ihre Gunst und fordert von beiden Seiten Zuneigung ein. The Favourite glänzt nicht nur mit dieser sorgfältig ausgearbeiteten Figurendynamik, sondern stellt auch bestehende Geschlechter-Konventionen des Kinos auf den Kopf. Die beiden Favoritinnen und zeitweise auch Anne halten die Strippen der Macht in ihren Händen, während die Männer mit ihren lächerlichen Perücken und Tonnen von Schminke im Gesicht zum schmucken Beiwerk degradiert werden.

Die Kamera fängt dieses nicht selten theatralische Treiben in erlesenen Kulissen (manche Filmbilder könnte man sich wie Gemälde an die Wand hängen!) aus kuriosen Blickwinkeln ein und verzerrt so manche Einstellung mit Fischaugenobjektiven. Passend zum Inhalt verwendete man fast ausschließlich zeitgenössische Barockmusik von Bach, Händel, Purcell und Vivaldi. Nur wird diese zum Teil auch zur unheilschwangeren Soundkulisse verzerrt. Inszenatorisch bleibt sich Lanthimos vor allem im Hinblick auf sein oben genanntes Vorgängerwerk treu, obgleich die Schauspieler hier alles andere als steril agieren.

Man kann sicherlich trefflich darüber streiten, wer von den drei zentralen Darstellerinnen die beste Performance gibt. Ich persönlich werfe meine Stimme für Olivia Colman in den Hut, die als gebrechliche und launische Monarchin in jeglicher Hinsicht großen Einsatz zeigt. Ob das für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin reicht? Ab der für dieses Jahr angesetzten dritten Staffel übernimmt Colman übrigens die Rolle von Königin Elisabeth II. in der aufwändigen Netflix-Serie The Crown.

 

Fazit: Yorgos Lanthimos gelingt mit The Favourite ein hervorragendes, weil untypisches Historiendrama, das von einer teils kuriosen Inszenierung und drei starken Frauenfiguren im Zentrum lebt. 9 von 10 Punkten.


 


Marius Joa, 24. Februar 2019. Bilder: Fox Searchlight.

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