Nach dem Deepfake-Reißer Appofeniacs und dem kuriosen Vampir-Streifen Silence habe ich bei den diesjährigen Fantasy Filmfest Nights in Frankfurt mit Mārama einen weiteren besonderen Film gesehen. Das neuseeländische Drama von Regisseur Taratoa Stappard vereint das kulturelle Erbe der Māori mit Gothic-Horror.
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Mārama
Horror Neuseeland 2025. 89 Minuten. Kinostart: unbekannt.
Mit: Ariana Osborne, Toby Stephens, Umi Meyers, Evelyn Towersey, Eroll Shand u.a. Drehbuch und Regie: Taratoa Stappard.

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Gestohlenes Erbe
1859 macht sich die junge Māori-Frau Mary (Ariana Osborne) auf den langen Weg von Neuseeland nach England, um herauszufinden, wer ihre wahren Eltern sind. Mary kommt auf dem Landsitz des wohlhabenden Engländers Nathaniel Cole unter, der ihr eine Stelle als Gouvernante seiner neunjährigen Enkelin Anne (Evelyn Towersey) anbietet. Kaum im großen Haus angekommen wird die junge Frau von Visionen und Alpträumen heimgesucht. Ebenfalls Unbehagen bereiten ihr, wie Cole und sein mysteriöser Freund Jack Fenton (Errol Shand) die Kultur der Māori zelebrieren…
Genre-Kino im Allgemeinen und Horror-Kino im Besonderen waren schon immer bis zu einem gewissen Grad politisch und sozialkritisch. Die Aufarbeitung kollektiver und individueller Traumata rückt dabei in den letzten Jahren mehr in den Vordergrund. In Charlotte Colberts einmaligem, überaus intensiven Werk She Will, im Programm der Fantasy Filmfest Nights 2022 gezeigt, wird die Lebenskraft einer kranken älteren Frau durch die urtümlichen Kräfte der Natur in den schottischen Highlands neu entfacht. Taratoa Stappard, Sohn einer Māori-Mutter und eines Vaters aus England, wandelt mit seinem Langfilmdebüt als Regisseur auf ähnlichen Pfaden, wenn er die Suche einer Māori-Frau nach ihrer Identität zur intensiven Mischung aus Rache-Thriller und Gothic-Horror verarbeitet.

Mārama vereint auf effektive Weise Themen wie kolonialistische Auslöschung/Ausbeutung und kulturelle Aneignung, erzählt diese aus einer indigenen Perspektive. Gemeinsam mit der Protagonistin, die von europäischen Adoptiveltern aufgezogen wurde, begibt man sich als Zuschauer*in auf die Reise ins Land der Kolonialherren und auf die Spuren der Vergangenheit. Direkt bei Ankunft erlebt Mary Visionen und hat nachts Alpträume, welche sukzessive wie Puzzleteile die dunklen Geheimnisse der Vergangenheit enthüllen. Stappard, der auch das Drehbuch schrieb, reduziert die Handlung auf das Wesentliche. Nicht alles wird genau erklärt oder im Detail enthüllt, aber das Ende erscheint konsequent und rund. Natürlich hätte man manche Elemente noch näher ausführen können, aber die Geschichte funktioniert auch ohne detailliertes Narrativ gut.
Neben der effektiven Erzählung besticht die neuseeländische Produktion vor allem durch eine intensive, finstere Atmosphäre. Selbst bei Tageslicht sind die Szenen recht dunkel und farblos. Das als zentraler Schauplatz fungierende große Anwesen der Coles mit seinen zahlreichen Räumen wird für die Titelheldin zum Labyrinth, in welchem sie auf Geheimnisse stößt. Kamerafrau Gin Loane überzeugt mit ihren dunklen, aber räumlich gut angeordneten Bildern.
Einen wesentlichen Anteil an der atmosphärischen Inszenierung hat die sehr präsente, aber dennoch nicht unsubtile Musik von Karl Sölve Steven und Rob Thorne, der für eine durchgehend unheilschwangere Soundkulisse sorgt. Mit dem Briten Toby Stephens (Stirb an einem anderen Tag, Black Sails [Serie]) in der Rolle des vordergründigen großzügigen Nathaniel Cole konnte man hier einen recht bekannten Schauspieler gewinnen. Im Mittelpunkt steht aber eindeutig die ausdrucksstarke Performance von Hauptdarstellerin Ariana Osborne als Mārama, die große Resilienz beweist.
Fazit: Urtümlich-intensiver, straff erzählter Mix aus indigener Rachegeschichte und düsterem Gothic-Horror. (8 von 10 Punkten)
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Marius Joa, 30. April 2026. Bilder: MPI Media.


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