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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 29. März 2020

Im gleichen Jahr wie “Der Fluch der Goldenen Blume” von Zhang Yimou feierte “The Banquet”, ein weiterer, opulenter Wuxia-Film aus China, seine Premiere, mit Genre-Ikone Zhang Ziyi (“Tiger & Dragon”, “Hero”, “House of Flying Daggers”) in eine der Hauptrollen…

 

Watchmen – Ultimate Cut

Von Marius Joa. Publiziert am 28. Dezember 2019

Zehn Jahre (!) nach der US-Veröffentlichung schaffte es der “Ultimate Cut” von Watchmen endlich auch hierzulande ins Heimkino und erschien Anfang Dezember 2019 auf BluRay. Ein willkommener Anlass, die ambitionierte Adaption der komplexen Graphic Novel erneut zu beleuchten.

Watchmen – Ultimate Cut
Comicverfilmung/Drama USA, UK 2009. FSK: keine Jugendfreigabe. 215 Minuten.
Mit: Malin Akerman, Billy Crudup, Matthew Goode, Jackie Earle Haley, Jeffrey Dean Morgan, Patrick Wilson, Gerard Butler, Carla Gugino, Matt Frewer, Stephen McHattie, Laura Mennell, Robert Wisden u.v.a. Nach der Graphic Novel von Alan Moore und Dave Gibbons. Drehbuch: Alex Tse und David Hayter. Regie: Zack Snyder.

 

The End is Nigh

Oktober 1985. In New York wird Edward Blake alias The Comedian (Jeffrey Dean Morgan), ein ehemaliger Vigilant und Söldner, ermordet. Rorschach (Jackie Earle Haley), ein Einzelgänger mit Tintenkleksmaske, bekämpft weiterhin das Verbrechen, obwohl Vigilantismus seit 1977 per Gesetz verboten wurde. Obwohl sich der zynische und gewalttätige Blake in seinem Leben nicht nur Freunde gemacht hat, vermutet Rorschach, dass es jemand gezielt auf ehemalige kostümierte Helden abgesehen hat und informiert seine früheren Mitstreiter: den schüchternen Tüftler Daniel Dreiberg alias Nite Owl (Patrick Wilson), die junge Laurie Jupiter alias Silk Spectre (Malin Akerman) und ihren Lebensgefährten, den nach einem Unfall allmächtigen Jon Osterman alias Dr. Manhattan (Billy Crudup), sowie den hochintelligenten Milliardär Adrian Veidt alias Ozymandias (Matthew Goode). Steckt möglicherweise ein Verbrecherboss im Ruhestand hinter dem Mord? Da wird ein weiterer Anschlag auf einen der früheren Helden verübt…

Die zwischen September 1986 und Oktober 1987 in 12 Teilen veröffentliche Graphic Novel Watchmen von Autor Alan Moore (V for Vendetta, Batman: The Killing Joke, From Hell, The League of Extraordinary Gentlemen) und Zeichner Dave Gibbons (2000 AD, Green Lantern) gehört zurecht zu den besten Werken der sequenziellen Kunst. Darin erschufen die beiden Engländer nicht nur einen dekonstruierenden Abgesang auf die “strahlenden” Comicheroen, sondern auch eine düstere Alternativwelt, in welcher maskierte “Superhelden” existieren und einen großen Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft ausüben.

Moore und Gibbons unterfüttern den Hauptplot um eine mögliche Verschwörung mit einer dicht gewebten Mythologie über die Anfänge des Vigilantentums in den 1930er Jahren als die “Minute Men”, die erste Generation von kostümierten Helden, für Recht und Ordnung sorgten. Das Comicbuch zelebriert seine alternative Welt mit einer Fülle von Details und zeitgeschichtlichen Entwicklungen. Nixon ist zum vierten Mal in Folge zum US-Präsidenten gewählt worden und das Eingreifen des allmächtigen Dr. Manhattan im Vietnamkrieg auf der Seite der Vereinigten Staaten hat die Situation im Kalten Krieg mit der Sowjetunion nachhaltig geprägt. Die zentrale Story wird zudem nicht nur durch ergänzendes Material wie Auszügen aus der Autobiographie Under the Hood von Hollis Mason alias Nite Owl I, einem der Minutemen, erweitert, sondern immer wieder durch einen morbiden Piratencomic namens Tales of The Black Freighter, in welchem ein schiffbrüchiger Seefahrer allmählich den Verstand verliert, unterbrochen.

Nachdem sich viele Drehbuchautoren und Regisseure (u.a. Terry Gilliam, Darren Aronofsky oder Tim Burton) an einer möglichen Verfilmung die Zähne ausgebissen hatten kam Zack Snyder, der zuvor Frank Millers Graphic Novel 300 erfolgreich auf die Leinwand gebracht hatte, ins Spiel. Gedreht wurde die 130-Millionen-Dollar-Produktion überwiegend im kanadischen Vancouver. Beim Kinobesuch vor zehn Jahren im März 2009 empfand ich Snyders Film schon als recht werkgetreu, nachdem ich einige Monate zuvor die Graphic Novel gelesen hatte. Während man sich in Deutschland mit der 162-Minuten-Kinofassung begnügen musste, erschienen in den USA und Großbritannien erst ein 186 Minuten langer “Director’s Cut” udn schließlich der “Ultimate Cut”. Im Rahmen der Produktion des Kinofilms wurde auch der Comic-im-Comic Tales of the Black Freighter als halbstündiger Zeichentrickfilm (mit der Stimme von Gerard Butler) adaptiert und gemeinsam mit einer fiktionalen Doku namens Under the Hood auf DVD veröffentlicht. Im UC, der erst Anfang des Monats in Deutschland erschien, werden diese animierten Szenen gemäß der Vorlage in die DC-Fassung integriert. Das Ergebnis: ein Monstrum von einem Film. Und doch eine äußerst gelungene Adaption eines unverfilmbaren Stückes Comicgeschichte.

Schon im Vorspann (von Bob Dylans The Times There Are a-Changin’ untermalt) zeigt sich die Detailgenauigkeit der Produktion, wenn amerikanische Geschichte mit der Historie der kostümierten Helden nebeneinander gestellt oder kombiniert werden. Als hätte man den verklärten frühen Jahren der Minutemen in Form eines Motion-Comics in 3D Leben eingehaucht. Notiz am Rande: Watchmen wurde 2009 auch als Motion-Comic-Version auf DVD veröffentlicht. Snyder und sein Team benutzten die einzelnen Panels aus der Vorlage als Storyboards und schufen so einen überaus werknahen Look. Die Entscheidung auf mehr Kulissen und weniger CGI zu setzen (nur etwa ein Drittel der 1.100 visuellen Effekteinstellungen entstanden im Rechner) verleiht dem Film auch eine unglaubliche Plastizität und (trotz einiger überstilisierter Actionszenen) Authentizität. Dass 215 Minuten Laufzeit kein Spaziergang sein können dürfte klar sein, doch trotz vieler Rückblenden und der Unterbrechung des Whodunit-Plots durch die animierten Sequenzen wirkt der “Ultimate Cut” zu schwerfällig, was vor allem an der virtuosen Montage liegt.

Was das Personal angeht unterscheidet sich Watchmen eigentlich kaum von herkömmlichen Superheldenfilmen, wie sie in den letzten 10 bis 15 Jahren verstärkt die Leinwände bevölkern und mittlerweile leider auch zu sehr blockieren. Doch gibt es hier keinen Schurken mit Weltherrschaftsplänen, den es zu stoppen gilt. Stattdessen sind die Figuren hier bei weitem keine strahlenden Helden, sondern mindestens ambivalent angelegt oder gar soziopathisch veranlagt wie der reaktionäre, selbstgerechte und kompromissunfähige Rorschach sowie der nihilistisch-gewaltverherrlichende Comedian.

Ähnlich wie die Graphic Novel ist auch Watchmen in der UC-Fassung ein Werk, das die Möglichkeiten seines Mediums voll ausnutzt und dabei wunderbar als Antithese zum grassierenden Superhelden-Overkill in Kino und Fernsehen funktioniert. Es bleibt abzuwarten ob und inwieweit die seit November bei Sky ausgestrahlte und von HBO in Auftrag gegebene Quasi-Fortsetzung als Serie, aus der Feder von Lost-Miterfinder Damon Lindelof, diesen Weg fortführen wird. Nothing ever ends.

Der “Ultimate Cut” von Watchmen ist am 5. Dezember 2019 in diversen Versionen auf BluRay erschienen. Am 31. Dezember 2019 wird außerdem ein limitiertes Mediabook veröffentlicht.

Fazit: Mit einer Laufzeit von 3 Stunden und 35 Minuten fordert der “Ultimate Cut” von Watchmen viel Sitzfleisch ein, liefert aber eine komplexe, überaus werkgetreue Adaption der Graphic Novel von Alan Moore und Dave Gibbson ab, die den Rahmen eines konventionellen Films sprengt. 9 von 10 Punkten.

 

 

 

 

 

Marius Joa, 28. Dezember 2019. Bilder: Paramount/Warner.

 

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