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Von Marius Joa. Publiziert am 30. Juni 2020

Wegen der Covid-19-Pandemie musste der diesjährige Eurovision Song Contest ausfallen. Den perfekten Ersatz liefert aber die gerade auf Netflix veröffentliche Komödie “Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga”, über ein isländisches Duo, welches den großen Musikwettbewerb unbedingt gewinnen will…

 

Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga

Von Marius Joa. Publiziert am 30. Juni 2020

Wegen der Covid-19-Pandemie musste der diesjährige Eurovision Song Contest ausfallen. Den perfekten Ersatz liefert aber die gerade auf Netflix veröffentliche Komödie Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga, über ein isländisches Duo, welches den großen Musikwettbewerb unbedingt gewinnen will…


Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga
Musikkomödie USA 2020. 123 Minuten. Filmstart: 26. Juni 2020 (Netflix).
Mit: Will Ferrell, Rachel McAdams, Dan Stevens, Melissanthi Mahut, Pierce Brosnan, Mikael Persbrandt, Ólafur Darri Ólafsson, Alfrun Rose, Graham Norton u.v.a. Drehbuch: Will Ferrell und Andrew Steele. Regie: David Dobkin.



 

Double Trouble

Seit sie als kleine Kinder den großen Sieg der schwedischen Band ABBA, die mit dem Song Waterloo 1974 den Eurovision Song Contest gewann, erlebt haben träumen Lars (Will Ferrell) und Sigrit (Rachel McAdams/Gesang: Molly Sandén) selbst von der Teilnahme am ESC. In ihrer Heimat, dem isländischen Städtchen Husavik, werden sie dafür eher belächelt. Stattdessen wollen die Konzertbesuch ihrer Band Fire Saga immer nur den Gassenhauer Ja Ja Ding Dong hören. Doch unermüdlich arbeitet das Duo weiter an ihrem Traum, wenngleich Lars’ Vater Eric (Pierce Brosnan) seinen Sohn für einen Versager hält. Als das isländische ESC-Kommittee einen weiteren Beitrag für den landesweiten Vorentscheid benötigt, erhalten Fire Saga ihre Chance. Doch erst ein tragisches Unglück lässt Lars und Sigrit ihrem Traum von der Teilnahme und dem Sieg beim Song Contest näherkommen. Im Austragungsort Edinburgh angekommen lernen sie andere Teilnehmer wie den Russen Alexander Lemtov (Dan Stevens/Gesang: Erik Mjönes) oder Mita Xenakis (Melissanthi Mahut/Gesang: Petra Nielsen) aus Griechenland kennen. Doch der große Rummel des Wettbewerbs und Spannungen innerhalb der Band drohen den großen Traum zu gefährden…

In meiner Kindheit und Jugend habe ich den Eurovision Song Contest (oder Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, wie er in Deutschland bis 2001 bekannt war) immer wieder mal verfolgt. Höhepunkte waren natürlich die deutschen Beiträge von Guildo Horn (Guildo hat euch lieb!, Platz 7 im Jahre 1998) und Wadde hadde dudde da? von Stefan Raab (Platz 5, 2000). Vor allem in den letzten 10 Jahren habe ich aber das Interesse an dieser Veranstaltung ziemlich verloren. Zum einen hat sich mein Musikgeschmack sehr weiterentwickelt, zum anderen hat der ESC aus meiner Sicht musikalisch massiv an Qualität eingebüßt. Mit Ausnahme einzelner Beiträge mit interessanten folkloristischen Elementen oder Auftritten aus dem Kuriositätenkabinett ist der Musik-Wettbewerb zu einer Anhäufung von langweilig komponiertem und meist recht belanglosem Popsongs verkommen. Dazu gibt es überwiegend Lyrics aus dem Grundschulkurs Englisch für Anfänger. Nichtsdestotrotz ist der ESC mit über 180 Millionen Zuschauern pro Jahr weiterhin ein großes Fernsehereignis.

Der amerikanische Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent Will Ferrell wurde durch seine schwedische Ehefrau Viveca Paulin 1999 auf die Veranstaltung aufmerksam und verfolgt diese bis heute. Auf dem ESC 2018 in Portugal begann Ferrell mit Recherchen für einen geplanten Film. David Dobkin (Die Hochzeits-Crasher, Into The Badlands) übernahm die Regie und Rachel McAdams (Sherlock Holmes [2009], Doctor Strange) die weibliche Hauptrolle an der Seite Ferrells. Gedreht wurde überwiegend in Island und Schottland, Zuschauer-Material aber auch auf dem ESC 2019 in Tel Aviv aufgenommen. Wegen der weltweiten Corona-Epidemie wurde der für den 16. Mai in Rotterdam anberaumte Eurovision Song Contest 2020 abgesagt. Der Film zum ESC sollte zur gleichen Zeit erscheinen, bietet seit der Veröffentlichung beim Streamingdienst mit dem roten N nun durchaus adäquaten Ersatz. Vor allem weil The Story of Fire Saga trotz großer Liebe für das bunte Treiben das Event und den ganzen Rummel auf herrliche Weise parodiert.

Rein inhatlich erfindet die in Zusammenarbeit mit der den ESC austragenden Europäischen Rundfunkunion (EBU) entstandene US-Produktion das Komödien-(Hamster-)Rad wahrlich nicht neu. Ich fühlte mich etwa an Mitten ins Herz – Ein Song für dich (2006) von Marc Lawrence erinnert, in welchem Hugh Grant einen gealterten Eighties-Popstar spielt und durch eine jüngere Frau (Drew Barrymore) neue Inspiration findet. Doch wen interessiert bei den gekonnt choreographierten, perfekt abgekupferten und daher ungemein spaßigen Bühnenshows überhaupt noch die Story? Schon beim isländischen Vorentscheid wird der Sanges-Wettstreit mächtig durch den Kakao gezogen, vor allem mit einem zwei Meter großen, finster aussehenden Wikinger, der allerdings wie Sam Smith singt! Diese ironisierende Überspitzung steigert sich natürlich im Verlauf der Handlung. Besonders ESC-Afficionades der letzten Jahre dürften mit den ganzen Zitaten und Anspielungen ihren Spaß haben. The Story of Fire Saga gibt sich aber auch als Verbeugung vor der illustren Künstlerschar, vor allem wenn sich im Film fiktive Performer mit den realen Teilnehmern und Gewinnern der letzten Jahre (Netta aus Israel [2018], Jamals aus der Ukraine [2016], Conchita Wurst aus Österreich [2014] und der Norweger Alexander Rybak [2009]) zu einem durchaus mitreißenden Sing-Along-Medley treffen.

Ich bin sicher kein Fan des typischen Humors von Will Ferrell, der hier wie für ihn üblich manche Szenen/Gags etwas in die Länge zieht. Aber das herrlich depperte Dreinschauen (auch in Tateinheit mit der blonden Perücke und teils lächerlichen Kostümen) beherrscht der 52jährige US-Comedian wirklich gut. Rachel McAdams glänzt als kongeniale Partnerin des liebenswert-naiven Trottels. Neben einigen isländischen Schauspielern wie Ólafur Darri Ólafsson (Beowulf & Grendel, Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen) oder Alfrun Rose (Fortitude) agieren auch der Schwede Mikael Persbrandt (Hamilton, Der Hobbit: Smaugs Einöde), Ex-Bond Pierce Brosnan und die amerikanische Sängerin Demi Lovato. Als Scene Stealer fungiert aber der Brite Dan Stevens (Downton Abbey, Legion) als draufgängerischer, charismatischer und dezent überzeichneter Alexander Lemtov, der seine wahre sexuelle Orientierung verheimlicht, weil es in Russland keine (aber auch wirklich keine) Homosexuellen gibt. Die Bühnenperformance des russischen Sängers wirkt dafür umso eindeutiger. Außerdem werden die Isländer mit ihrem Glauben an die Macht der Elfen und dem kolportierten nahen Verwandtschaftsgrad der Bewohner einer Gemeinde veralbert. Hauptdarsteller/Co-Autor Ferrell lässt sich es auch nicht nehmen, das Touristen-Verhalten seiner eigenen Landsleute zu dissen. Am Ende gehört dieser lustige Musikfilm sicherlich zu den besseren Streifen, die Netflix produziert oder exklusiv eingekauft hat.

Eurovision: The Story of Fire Saga ist seit dem 26. Juni 2020 bei Netflix abrufbar.

Fazit: Inhaltlich wenig berauschende, aber spaßige Mischung aus Underdog-Story und Musik-Comedy, die den albernen ESC-Zirkus genüsslich parodiert und feiert. 7 Points!

Musikvideo zu “Volcano Men”
Extravagante Bühnenshow
Alexander Lemtov

 

Marius Joa, 30. Juni 2020. Bilder: Netflix/EBU.

 

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