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Viel Spaß!
Von Marius Joa. Publiziert am 22. Oktober 2021

Eine ganz andere Art von Angst und Schrecken gibt es im nächsten Beitrag des diesjährigen Horroctobers. In Steven Soderberghs Low-Budget-Thriller “Unsane” wird eine Frau (Claire Foy) gegen ihren Willen in einer Psychiatrie festgehalten.

 

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

Von Marius Joa. Publiziert am 24. November 2020

Seit Anfang November mussten im Rahmen der modifizierten Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie Kinos und alle anderen Kulturbetriebe wieder schließen. Da bleibt dem Cineasten “nur” noch die Möglichkeiten des Heimkinos. Daher habe ich mir Armando Iannuccis Adaption von Charles Dickens’ Roman David Copperfield angesehen, welche eine namhafte Darsteller-Riege, darunter Dev Patel, Peter Capaldi, Hugh Laurie, Ben Whishaw und Tilda Swinton, aufbietet.


David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück (The Personal History of David Copperfield)
Komödie/Drama UK, USA 2019. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. 115 Minuten (PAL-DVD). Kinostart: 24. September 2020.
Mit: Dev Patel, Aneurin Barnard, Peter Capaldi, Morfydd Clark, Daisy May Cooper, Rosalind Eleazar, Hugh Laurie, Tilda Swinton, Ben Whishaw, Paul Whitehouse, Benedict Wong, Darren Boyd, Gwendoline Christie, Bronagh Gallagher, Aimee Kelly, Jairaj Varsani, Anthony Welsh u.v.a. Nach dem Roman von Charles Dickens. Drehbuch: Armando Iannucci und Simon Blackwell. Regie: Armando Iannucci.

 



Vom Waisenkind zum Schriftsteller
oder Davids Zettelwirtschaft

England, im 19. Jahrhundert. Obwohl sein Vater vor seiner Geburt verstarb erlebt der kleine David Copperfield (Jairaj Varsani) eine glückliche, liebevolle Kindheit mit Mutter Clara (Morfydd Clark) und Nanny Peggotty (Daisy May Cooper) in Blunderstone. Gern erinnert sich David auch an die Ferien im Küstenstädtchen Yarmouth zurück, welche er mit Peggotty, ihrem Bruder (Paul Whitehouse) und den von ihm aufgenommenen Waisenkindern Emily (Aimee Kelly) und Ham (Anthony Welsh) in einem zum Haus umgebauten Boot verbrachte. Doch Davids unschuldige Kindheit endet jäh als seine Mutter den herrischen Fabrikbesitzer Eduard Murdstone (Darren Boyd) heiratet, der seine nicht weniger fiese Schwester Jane (Gwendoline Christie) mitbringt. Schließlich wird der Junge zur Arbeit in der Fabrik seines Stiefvaters verdonnert, wo er unter gestrenger Aufsicht Flaschen mit Etiketten bekleben muss. Als seine Mutter stirbt, reißt David aus und kommt in Dover bei seiner Tante Betsey Trotwood (Tilda Swinton) und dere sonderbarem Mitbewohner Mr. Dick (Hugh Laurie) unter. Betsey ermöglicht dem mittlerweile erwachsenen David (Dev Patel) den Besuch eines renommierten, aber heruntergewirtschafteten Colleges. Dort lernt David den aus gutem Hause stammenden James Steerforth (Aneurin Barnard) kennen, der ihm künftig ein guter Freund sein wird. Doch auch viele weitere Personen prägen und bereichern das Leben des jungen Copperfields, etwa die schrullig-niedliche Anwaltstochter Dora Spenlow (Morfydd Clark), der unterwürfig-hinterhältige Uriah Heep (Ben Whishaw) und der chronisch verschuldete Mr. Micawber (Peter Capaldi)…

David Copperfield, vollständiger Originaltitel David Copperfield or The Personal History, Adventures, Experience and Observation of David Copperfield the Younger of Blunderstone Rookery (Which He Never Meant to Publish on Any Account), von Charles Dickens (1812-1870) erstmals ab 1848 als Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht, gilt als einer der bedeutendsten Bildungsromane der englischen Literatur. Dickens verarbeitete darin viele seiner eigenen Erinnerungen. Verfilmt wurde das Werk bereits etwa ein Dutzend Mal, darunter dreimal als Stummfilm sowie auch immer wieder als Serie oder Miniserie (zuletzt 2000 als Zweiteiler von Hallmark). Bei dem Umfang des Buches von mehr als 600 Seiten und einem überaus zahlreichen Figurenensemble erscheint eine Adaption im zeitlich sehr begrenzten Rahmen eines Spielfilms als nicht unbedingt die beste Wahl. Und doch hat sich Autor und Regisseur Armando Iannucci, bekannt für die Comedyserien The Tick of It: Der Intrigantenstadel, Veep – Die Vizepräsidentin und zuletzt Avenue 5 (2020), bei seinem neuesten Film genau dafür entschieden.

Eigentlich wollte ich David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück im Rahmen des regulären Starttermins vor zwei Monaten im Kino sehen. Doch kam mir da weniger die erneute Schließung der Lichtspielhäuser in die Quere als vielmehr da häufige Problem, dass der Film hier in der Provinz nicht gezeigt wurde. Auch weil die Dickens-Adaption gut in meine kürzlich gestartete Tilda-Swinton-Werkschau passt “schummelte” ich etwas und kaufte mir die bereits seit Monaten erhältliche DVD-Fassung aus dem Vereinigten Königreich, zumal eine deutsche Auswertung auf DVD/BluRay aktuell noch aussteht. Der Kauf hat sich jedenfalls gelohnt, weil Iannucci und sein Team hier nach der Vorlage einen bunten Reigen voller Ideen und eigenwilliger Figuren komponiert haben.

Einmal Reichtum und zurück präsentiert sich von vorneherein als Werk, welches mit Meta-Ebenen spielt. Ausgangspunkt der Handlung bildet eine Lesung des erwachsenen Titelhelden vor Publikum in einem Theater. Um möglichst vielen Episoden und Personen aus dem Roman unterzubringen wird vor allem in der ersten Hälfte ein hohes Tempo aufrechterhalten, perfekt unterstützt durch die dynamische Kameraführung von Zac Nicholson (The Death of Stalin). Da passt es wunderbar ins Bild, wenn völlig abrupt von einer Szene in die nächste gewechselt wird. Iannuccis vollzieht diese plötzlichen Übergänge etwa durch Projektion des nächsten Schauplatzes an die Wand oder lässt die Kulissen von Produktionsdesignerin Christina Casali (The Death of Stalin) sich selbst zusammenfalten. Ohne den Roman von Charles Dickens zu kennen kann ich mir vorstellen, dass die ein oder andere Stelle oder Figur dort ausführlicher ausgearbeitet wurde beziehungsweise im Film komplett fehlt. Als ob die entsprechenden Zettel zwischenzeitlich aus der Box des Protagonisten gefallen sind. Das hohe Erzähltempo und der fast allgegenwärtige Humor erdrücken immer wieder die emotionale Tragweite der ernsten Wendungen, was sicherlich zu den wenigen berechtigen Kritikpunkten an der vorliegenden Verfilmung zählen dürfte.

Das Glanzstück von David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück stellt aber die überaus namhafte, divers zusammengestellte und hervorragende Besetzung dar, welche vom liebenswerten Dev Patel (Slumdog Millionär, Lion [2016]) in der Rolle des Titelhelden angeführt wird. Tilda Swinton spielt Davids merkwürdige, dominante, aber insgesamt wohlmeinende Tante Betsey und Hugh Laurie (Dr. House, Avenue 5) ihren geistig etwas verqueeren Mieter Mr. Dick. Peter Capaldi (The Thick of It, Doctor Who [2013-2017]) gibt den verarmten, ständig vor Gläubigern flüchtenden Überlebenskünstler Mr. Micawber, Aneurin Barnard (Dunkirk) Davids Studienfreund James Steerforth. Außerdem mit dabei: Benedict Wong (Doctor Strange) als dem Alkohol sehr zugeneigter Mr. Wickfield, Ben Whishaw (Das Parfum, Little Joe) als hinterhältiger Speichellecker Uriah Heep, Daisy May Cooper (Avenue 5) als knuddelige Nanny Peggotty und Morfydd Clark (His Dark Materials, Dracula [2020]) in einer Doppelrolle als Davids Mutter Clara und dessen große Liebe Dora Spenlow. Selten habe ich so einen überaus homogenen Cast erlebt.

Fazit: Rasanter und einfallsreicher Erzähl-Reigen mit überaus illustrem Darsteller-Ensemble. 8 von 10 Punkten.



David Copperfield erzählt von seinem Leben:

Die turbulente Kindheit
 

Ferien in Yarmouth

Mit Tante Betsey und Mr. Dick

Dora, die große Liebe

 


Marius Joa, 24. November 2020. Bilder: eOne.

 

 

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