Zu den Regisseuren, mit denen Tilda Swinton häufiger zusammengearbeitet hat, gehört Luca Guadagnino. Auch in dessen Debütfilm The Protagonists war die schottische Ausnahmeschauspielerin in zentraler Rolle dabei. In diesem etwas merkwürdige Meta-Werk versucht eine Filmcrew in London einen Mord zu rekonstruieren.
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The Protagonists
Meta-Krimi Italien 1999. 92 Minuten.
Mit: Tilda Swinton, Andrew Tiernan, Fabrizia Sacchi, Paolo Briguglia, Claudio Gioè, Michelle Hunziker, Laura Betti, Chiara Conti u.a. Drehbuch und Regie: Luca Guadagnino.

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True Crime mit Tilda
London, im Januar 1994. Zwei unscheinbare Studenten haben sich vor kurzem Entschlossen, einfach einen Menschen umzubringen. Nachdem sie in einschlägigen Gegenden der britischen Hauptstadt keinen Zuhälter oder Drogendealer finden können, fällt ihre Wahl auf den ägyptischen Koch Mohamed El-Sayed, den sie kaltblütig abstechen. Im Herbst des gleichen Jahres werden die beiden Männern zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Sommer 1998 macht sich der italienische Regisseur Luca Guadagnino mit einem Team um die britischen Schauspieler*innen Tilda Swinton und Andrew Tiernan daran, einen Film über die schreckliche Tat und die Personen im Zentrum zu machen. Neben Gesprächen mit einem Journalisten, den zuständigen Polizeibeamten und der Witwe Mohameds werden auch die Mordnacht und weitere Szenen im Leben von Opfern und Tätern nachgespielt.
Seit ein paar Jahren sind True-Crime-Formate vor allem im Streaming und bei Podcasts sehr gefragt. Doch diese Art von Rekonstruktion von Verbrechen und ihren Hintergründen gibt es im linearen Fernsehen schon lange, man denke nur an Aktenzeichen XY…ungelöst, jene seit fast 60 Jahren laufende Sendung, bei welcher die Fernsehzuschauer*innen um Mithilfe bei der Aufklärung von Verbrechen gebeten werden. Dazu werden der mögliche Tathergang und weitere Vorgänge in Spielszenen nachgestellt. Damit setzt sich quasi auch das vor 27 Jahren veröffentlichte Spielfilmdebüt des italienischen Filmemachers Luca Guadagnino (geboren 1971), bekannt vor allem für Call Me By Your Name (2017) und Challengers (2024), auseinander. Zudem ist das vorliegende Werk die erste Zusammenarbeit von Tilda Swinton und dem Regisseur, bevor die beiden später I Am Love (2009), A Bigger Splash (2015) und Suspiria (2018) drehten.

The Protagonists beginnt wie eine Behind-The-Scenes-Doku. Tilda Swinton trifft mit ihren beiden Kindern im Säuglingsaltern in einem Haus in London ein, wo sich weite Teile des Filmteams bereits versammelt haben. Anschließend werden Leute interview, die mit dem Mordfall in Zusammenhang stehen, darunter die Witwe des getöteten Mohamed El-Sayed und der Gerichtsmediziner, welcher damals die Obduktion des Opfers vorgenommen hatte. Zusammen mit dem Off-Kommentar Swintons ergibt sich dadurch auch für Zuschauer*innen, welche mit dem Mordfall Mohamed El-Sayed bisher nicht vertraut waren, ein stimmiges Bild des Geschehens.
Im späteren Verlauf wird der Film-im-Film vorbereitet und wir sehen Szenen daraus, welche parallel das Leben der beiden Täter (welche durchgehend nicht bei ihren richtigen Namen genannt werden) und ihres Opfers vor der schrecklichen Tat dramatisch aufbereiten. Außerdem wird der Mordfall von den drei beteiligten Schauspielern „geprobt“. Gleichzeitig präsentieren die gezeigten Teile der Spielhandlung eine leicht überzeichnete Version von True-Crime-Produktionen. Die Reisen in Psyche der beiden Täter werden wie abgefilmtes, modernes Theater und die Geschichte Mohameds fast in Seifenoper-Ästhetik inszeniert.
Auf fast groteske Weise karikiert der Film zweifelhafte Casting-Entscheidungen (vor allem) in Hollywoodfilmen, wenn der Ägypter Mohamed El-Sayed vom bleichen, weißen Engländer Andrew Tiernan gespielt wird und wir in der Rolle seiner im echten Leben komplett unglamourösen Ehefrau ausgerechnet die spätere Wetten, dass?– und Deutschland sucht den Superstar-Moderatorin Michelle Hunziker sehen! Dazwischen spielt sich Tilda Swinton immer wieder in den Vordergrund, wenn sie wie eine Mischung aus Journalistin, Produzentin und Performancekünstlerin agiert.
Positiv zugute halten muss man auf jeden Fall, dass hier keine im Genre leider übliche Täter-Fetischisierung stattfindet. Im Gegenteil, denn die Hintergründe der beiden Männer werden mit einer verspielten, prätentiösen Banalität dekonstruiert. Manche Verbrechen bleiben eben ziemlich unbegreiflich. Dass Guadagninos Debüt dann insgesamt zu unausgegoren bleibt dürfte sicherlich dazu geführt haben, dass The Protagonists gut ein Vierteljahrhundert später ziemlich in Vergessenheit geraten ist. Obwohl Regisseur und Hauptdarstellerin ja schon seit einigen Jahren zu den festen Größen des Arthouse-Kinos gehören.
Fazit: Merkwürdiger, unausgegorener Hybrid aus True-Crime-Doku und Meta-Krimi.
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Marius Joa, 30. Juni 2026. Bilder: Surf Film/Cult Films.


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