Über das Leben von William Shakespeare und seine Familie ist wenig bekannt. Basierend auf dem Roman von Maggie O’Farell spekuliert Regisseurin Chloé Zhao in ihrem neuen Film Hamnet darüber, ob der Tod des Sohnes ursächlich für die Entstehung des bekannten Dramas Hamlet war.
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Hamnet
Drama UK, USA 2025. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. 126 Minuten. Kinostart: 22. Januar 2026.
Mit: Jessie Buckley, Paul Mescal, Jacobi Jupe, Olivia Lynes, Bodhi Rae Breathnach, Emily Watson, Joe Alwyn u.a. Nach dem Roman Judith und Hamnet von Maggie O’Farrell. Drehbuch: Maggie O’Farrell und Chloé Zhao. Regie: Chloé Zhao.

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Shakespeare in Mourning
Im späten 16. Jahrhundert. Agnes Hathaway (Jessie Buckley), aufgrund ihrer Naturverbundenheit und Kenntnisse in Kräuterkunde als Hexe verschrien, begegnet William Skakespeare (Paul Mescal), der die Jungen der Gegend in Latein unterrichtet, um die Schulden seines Vaters John (David Wilmot), eines Handschuhmachers, abzuzahlen. Nachdem Will ihr eine Geschichte erzählt hat, kommen sich die beiden näher und heiraten als sich herausstellt, dass Agnes schwanger ist. Tochter Susanne (Bodhi Rae Breathnach) wird geboren. Ein paar Jahre später kommen die Zwillinge Hamnet (Jacobi Jupe) und Judith (Olivia Lynes) zur Welt. Um sich seinen Traum von einer Karriere als Theaterautor erfüllen zu können, zieht Shakespeare nach London und lässt seine Familie zurück.
William Shakespeare (1564-1616) gilt als der wichtigste Autor der englischen Sprache und eine der größten Dramatiker der Geschichte. Vom privaten Shakespeare und seiner Familie weiß man allerdings nicht sehr viel. Mit seiner Ehefrau Anne (auch bekannt als Agnes) Hathaway hatte er drei Kinder: Susanne sowie die Zwillinge Hamnet und Judith. Historisch verbürgt ist der Tod Hamnets im Alter von 11 Jahren im Jahr 1596. Man darf annehmen, dass dieser Verlust Auswirkungen auf die Arbeit des Theaterautors hatte, aber wirklich stichhaltige, konkrete Indizien darüber welches genau gibt es nicht. Auf Basis des gleichnamigen Romans der irischen Schriftstellerin Maggie O’Farrell von 2020 (in Deutschland als Judith und Hamnet veröffentlicht) drehte Oscar-Gewinnerin Chloé Zhao (Nomadland) das vorliegende Drama.

O’Farrell und Zhao verfassten gemeinsam das Drehbuch während Steven Spielberg und Sam Mendes als Produzenten fungierten. Die Dreharbeiten fanden von Juli bis September 2924 in Wales und England statt. Das bekannte Globe Theater bauten Szenenbildnerin Fiona Crombie (The Favourite) und ihr Team in den Elstree Studios nach. Inszenatorisch besticht Hamnet durch seine Bodenständigkeit. Überbordende Kostüme und große Setpieces sucht man vergeblich. Die Handlung spielt sich fast ausschließlich auf dem Land und fernab der Metropole London ab, was den eher realistischen Ansatz unterstreicht.
Es spricht überhaupt nichts dagegen, die Leerstellen in der Biografie einer bekannten historischen Persönlichkeiten fiktional aufzubereiten und mit möglichen Begebenheit auszufüllen. Gerade das Leben Shakespeares, von dem neben den zahlreichen literarischen Werken ausschließlich juristische Dokumente überliefert sind, bietet da viel Raum. Und gerade auch der historisch verbürgte Tod seines Sohnes Hamnet im Alter von elf Jahren wurde bisher in der Nachbetrachtung von Leben und Werk des Barden scheinbar wenig thematisiert. Was O’Farrell und Zhao mit dieser Geschichte erzählen wirkt allerdings bei etwas näherer Betrachtung weithergeholt, spekulativ und konstruiert.
Die These, dass Hamnets Tod Shakespeare zu Hamlet (die beiden Namen sind im Grunde bedeutungsgleich) inspirierte, macht selbst für einen Laien mit eher geringen Kenntnissen der Werke des Dramatikers wie mich wenig Sinn und steht daher auf sehr wackeligen Füßen. Auch wenn die beiden Filme hinsichtlich ihres Gesamtpaketes wenig gemeinsam haben so fühlte ich mich durch diese „kreativen Freiheiten“ an das gefällige, aber aus meiner Sicht kitschig-überhypte „Lustspiel“ Shakespeare in Love (1998) von John Madden erinnert, vor allem auch durch das eher plumpe „Zitate-Dropping“, bei dem bekannte Formulierungen aus Shakespeares Stücken den Figuren in den Mund gelegt werden.
Dass die Gesamtbetrachtung von Hamnet dann doch eher positiv ausfällt liegt an den starken, eindringlichen Darbietungen der Schauspieler*innen. Vor allem Jessie Buckley (I’m Thinking Of Ending Things, Men [2022]) als Agnes (kürzlich mit dem Golden Globe als beste Darstellerin in einem Drama ausgezeichnet) bewegt durch ihr intensives Spiel einer Frau, welche das naturverbundene Erbe ihrer Mutter weiterführt und mit den Härten des Lebens der damaligen Zeit, als die Kindersterblichkeit aufgrund der Pest durchaus hoch war, zu kämpfen hat. Paul Mescal, welcher in den drei Werken, die ich von ihm gesehen habe – die Miniserie Normal People (2020) sowie die Spielfilme Aftersun (2022) und All Of Us Strangers (2023) – immer hervorragend performt hat, tritt hier zunehmend in den Hintergrund, vor allem wenn sein Will Shakespeare in der zweiten Hälfte des Films eher durch Abwesenheit glänzt. Herausragend auch die Kinder-Darsteller*innen, allen voran Jacobi Jupe als Hamnet.
Fazit: Bodenständig inszeniert, eindringlich gespielt, aber inhaltlich eher plump konstruiert. 7 von 10 Punkten.
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Marius Joa, 25. Januar 2026. Bilder: Universal.


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